HSV und St. Pauli

Hamburgs Zukunft in der Fußball-Provinz

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Kai Schiller und Carsten Harms
Kleiner Vorgeschmack: Die Reise zum Drittligisten Osnabrück diente dem HSV zuletzt nur zu Testzwecken

Kleiner Vorgeschmack: Die Reise zum Drittligisten Osnabrück diente dem HSV zuletzt nur zu Testzwecken

Foto: UweSpeck / WITTERS

Experten glauben an gravierende Auswirkungen für die Hansestadt im Fall eines Doppelabstiegs von HSV und FC St. Pauli.

Hamburg. Wer Hamburg am Flughafen Fuhlsbüttel verlassen will, der kommt an HSV und FC St. Pauli kaum vorbei. Am Destination Shop am Gate B20 hängen Trikots, Pullover und T-Shirts der beiden Aushängeschilder der Stadt, es gibt Trinkflaschen, Schals und Gläser. Hier die Fanartikel des großen HSV, Bundesligadino, dort die Utensilien des Außenseiters St. Pauli, immerhin ein etablierter Zweitligaclub. Oder besser: Noch-Bundesligadino. Und Noch-Zweitligaclub. Denn steigen die beide Hamburger Krisenclubs tatsächlich wie allgemein befürchtet ab, muss wohl schon bald das Sortiment des letzten Fanstores der Hansestadt neu überdacht werden. Ein Zweit- und ein Drittligist als die Aushängeschilder des selbsternannten Tors zur Welt? Kaum vorstellbar!

„Als Fußballfan würde mich der Abstieg des HSV, dem einzigen Club, der immer in der Bundesliga gespielt hat, sehr schmerzen. Das gleiche gilt für einen möglichen Abstieg des FC St. Pauli, auch ein echter Traditionsverein, in die Dritte Liga“, sagt Bernhard Schwank, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sport Bundes. Hamburgs designierter Olympia-Bewerbungschef kam am frühen Montagmittag selbst aus Frankfurt am Flughafen Fuhlsbüttel an. „Für die Sportstadt Hamburg wäre so ein Doppelabstieg natürlich sehr bitter“, sagt Schwank, der allerdings nicht glauben will, dass auch Hamburgs Olympiachancen unter dem Imageverlust leiden könnten.

Wirklich nicht?

Nachteil als Sportstandort

Henning Vöpel, der Direktor vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), sieht das anders. „Ein Doppelabstieg des FC St. Pauli und des HSV hätte für die Positionierung und Profilierung Hamburgs als Sportstadt erhebliche Folgen – gerade im Hinblick auf die Bewerbung um die Olympischen Spiele“, sagt der Fachmann und erklärt: „Hamburgs mutmaßlicher Konkurrent Boston etwa wird im Zusammenhang mit Sport stark über die Celtics, die Bruins und die Red Sox wahrgenommen. Die Präsenz von Profisportvereinen am Standort hat für die nachhaltige Vermarktung als Sportstandort eine wichtige Bedeutung.“

Dabei ist es nicht ganz einfach, diese Bedeutung auch in konkrete Zahlen zu erfassen. Vöpel geht von einem Nettoeffekt von rund 50 Millionen Euro pro Jahr aus, die der Stadt Hamburg fehlen würden. Zudem kämen als indirekter Effekt die mittelfristig negativen Imagewirkungen für das Stadtmarketing und die Standortattraktivität hinzu, die aber schwer zu quantifizieren seien. „Für die Sportwirtschaft und angrenzende Branchen wie Gastronomie oder Transport wäre der Effekt eines Doppelabstiegs hingegen deutlich spürbar“, sagt Vöpel.

Werber malt düsteres Bild

Auch Raphael Brinkert, Geschäftsführender Gesellschafter der Werbeagentur Jung von Matt/sports, glaubt, dass die Zukunft von HSV und St. Pauli unmittelbare Auswirkungen auf den Sportstandort Hamburg hat. „Ein Doppelabstieg hätte die Folge, dass unsere Stadt viel mehr Anstrengungen in der Breite des Spitzensports unternehmen müsste, um das internationale Fußball-Fernseh-Aus und daraus resultierende Media-Delta des Fußballs auszugleichen“, sagt der Werbefachmann, der mit seiner Agentur die Imagekampagne von Hamburgs Olympiabewerbung verantworten soll. Brinkert erklärt: „Mit einer TV-Übertragung in rund 130 Länder, bei Topspielen sogar über 200, sind sportlich erfolgreiche Fußball-Mannschaften die reichweitenstärksten Visitenkarten einer Stadt in der ganzen Welt.“

Dass die Visitenkarte des HSV bald in Heidenheim und Sandhausen statt in Dortmund oder Bremen herumgereicht wird, daran hat in Hamburg kaum noch einer Zweifel. Noch provinzieller dürfte es im Falle eines Abstiegs für den FC St. Pauli werden: Halle, Erfurt und die Mechatronik-Arena im baden-württembergischen Aspach hießen die neuen Ziele.

HSV-Horrorszenario Zweite Liga

Dabei macht man sich in den Chefetagen der beiden Hamburger Clubs weniger Gedanken über neue Reiserouten als vielmehr über die wirtschaftlichen Auswirkungen. Besonders der HSV, dessen finanzielle Kennzahlen seit Jahren Grund zur Sorge bereiten, würde bei einer misslungenen Mission Klassenerhalt leiden. Bei einem Abstieg gehen Experten von einem sofortigen Rückgang der Erträge (Fernsehgelder, Sponsoren, Merchandising und Spieltagseinnahmen) von 40 Prozent, im zweiten Zweitligajahr sogar von 60 Prozent aus. So würden dem HSV rund 16,5 Millionen Euro TV-Erlöse aus der nationalen Vermarktung fehlen. Die Verantwortlichen rechnen zudem im Schnitt mit rund 10.000 weniger Zuschauern und erheblichen Einbußen im Sponsoring. Auch die bereits ausverhandelte Verlängerung des Hauptsponsorendeals mit Emirates stünde auf der Kippe. „Natürlich gibt es interne Abläufe, die wir sicherstellen müssen. Dazu zählen natürlich auch die Lizenzunterlagen“, beantwortet Clubchef Dietmar Beiersdorfer die Frage zum Stand der Zweitliga-Planungen. Was er nicht sagt: Der kommende Sonntag ist für den HSV gleich doppelt wichtig. Zum einen könnten letzte Hoffnungen auf den Klassenerhalt nur durch einen Derbysieg in Bremen am Leben gehalten werden. Und zum anderen sollen bis Sonntag die Ergebnisse der DFL-Prüfungen der Lizenzunterlagen im Falle des Abstiegs fällig sein.

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Weniger Gelder für St. Pauli

Dies gilt auch für den FC St. Pauli. Dem Kiezclub würde in der Dritten Liga ein echtes Horrorszenario drohen. Vor allem die Einnahmen aus der TV-Vermarktung würden sich um gut 90 Prozent reduzieren. In der aktuellen Saison erhält St. Pauli 8,15 Millionen Euro. An die Drittligisten werden dagegen jeweils nur 753.000 Euro pro Club ausgeschüttet. Böse Folgen erwarten die Verantwortlichen auch im Ticketing, dessen Erlöse sich nach internen Einschätzungen von derzeit gut 6,2 Millionen Euro auf rund fünf Millionen Euro reduzieren würden.

Nach Informationen des Abendblatts hat der FC St. Pauli allerdings mit seinem Vermarkter Ufa Sports eine Vereinbarung getroffen, nach der im ersten Drittligajahr eine relativ großzügige Garantiesumme gezahlt wird. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die derzeit im Sponsoring erwirtschafteten rund fünf Millionen Euro nicht dramatisch verringern. Zusammengerechnet dürften sich bei St. Pauli die Gesamteinnahmen von aktuell knapp 31 Millionen auf rund 20 Millionen Euro in der Dritten Liga reduzieren.

„Noch besteht ja Hoffnung, dass dieses Szenario gar nicht eintritt“, sagt Bernhard Schwank. Hamburgs designierter Olympia-Chef weiß, wovon er spricht. Von 1983 bis 1987 spielte er selbst für Wormatia Worms in der Dritten Liga. In der Fußball-Provinz.

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