FC St. Pauli

Lienens höchste Niederlage bei dem Debakel in Karlsruhe

Blicke ins Leere: St. Paulis Mittelfeldspieler Sebastian Maier, Trainer Ewald Lienen und Stürmer John Verhoek

Blicke ins Leere: St. Paulis Mittelfeldspieler Sebastian Maier, Trainer Ewald Lienen und Stürmer John Verhoek

Foto: Witters

Schwierige Aufarbeitung des Rückschlags in Karlsruhe. St. Paulis Coach sieht physische und psychische Müdigkeit.

Hamburg.  Leicht fiel es Ewald Lienen ganz offensichtlich nicht, das 0:3 seiner Mannschaft beim Karlsruher SC zu verarbeiten. Dies war schon deshalb nicht verwunderlich, weil es die höchste Niederlage für den FC St. Pauli war, seit Lienen am 16. Dezember das Amt des Cheftrainers übernommen hatte. In den zehn Spielen bis zum Freitagabend in Karlsruhe hatte es nie mehr als zwei Gegentore und nie eine Pleite mit mehr als einem Treffer Unterschied gegeben. Doch auf einmal scheint die defensive Stabilität, auf die Lienen im Kampf um den Klassenverbleib zu Recht so viel Wert legt, verloren gegangen zu sein.

Dies ist eine durchaus erschreckende Erkenntnis, denn den St. Paulianern, die dank der Punktverluste von Aue und Aalen zwar weiter Tabellen-16. der Zweiten Liga sind, bleiben nur noch sechs Spieltage, um noch das rettende Ufer zu erreichen. Dabei stehen Auswärtsspiele beim 1. FC Kaiserslautern und Darmstadt 98 auf dem Programm, die beide – ebenso wie jetzt Karlsruhe – um den Bundesligaaufstieg spielen.

Das 0:3 von Karlsruhe und der Rückfall in die aus der Hinrunde bekannte Instabilität der Mannschaft wirkt vor allem deshalb wie ein Schock, weil das Team nur vier Tage zuvor ein völlig anderes Gesicht gezeigt und das durchaus prominent besetzte Team von Fortuna Düsseldorf mit einer Fußball-Gala mit 4:0 besiegt hatte. Danach hatten alle Beteiligten so sehr gehofft, dass dieser Sieg als „Brustlöser“ wirken werde und es von Vorteil sei, dass nun sehr schnell das nächste Match ansteht.

Trainer Lienen aber identifizierte in der Nachbetrachtung und Analyse genau diesen kurzen Zeitraum als eine entscheidende Ursache für den so eklatanten Leistungseinbruch. „Wir hatten weder Zeit, den Sieg richtig zu genießen, noch die Zeit, ihn abzuhaken“, sagte der Trainer. Noch bedeutender als dieser mentale Aspekt aber war offenbar der physische. „Zwischen den beiden Spielen haben wir praktisch nicht trainieren können. Daher konnte ich auch nicht erkennen, ob vielleicht den einen oder anderen das Spiel gegen Düsseldorf so ausgelaugt hat, dass ich in Karlsruhe besser frischere Kräfte auf das Feld geschickt hätte“, sagte Lienen.

Aus dem Bauch heraus wollte er eine solche Maßnahme verständlicherweise nicht ergreifen, denn es hätte die Spieler und Anhänger zweifellos ziemlich irritiert, wenn er nach einem grandiosen Sieg seine Startelf maßgeblich verändert hätte. „Es hätte uns gutgetan, eine richtige Trainingswoche zu haben“, haderte Lienen deshalb.

Schon unmittelbar nach dem Anstoß hatte er erkennen müssen, dass sein Team nicht mit der nötigen Aggressivität und Leidenschaft zu Werke geht. „Die Wahrheit eines Spiels ist schon in den ersten fünf Minuten zu erkennen“, philosophierte er. „Gegen Düsseldorf konnte ich bei den ersten Zweikämpfen nur Beifall klatschen, jetzt musste ich von der ersten Minute an immer wieder hineinrufen, dass meine Spieler ihre Gegner enger markieren müssen.“ Dabei habe er zuvor noch eindringlich gemahnt, den so spielstarken Karlsruhern keinen Raum zu geben. Genau diese Vorgabe aber missachteten bei den ersten beiden Gegentoren gleich mehrere seiner Spieler – und auch in etlichen weiteren Szenen, insbesondere in der ersten Halbzeit. „Alle Gegentore wären zu verteidigen gewesen. Das waren keine Zauberkombinationen. Doch 80 Prozent reicht eben nicht. Dann läuft man nur hinterher“, sagte Lienen.

Dabei sah St. Paulis Cheftrainer den doppelten Torschützen und ehemaligen St. Paulianer Rouwen Hennings (13 Saisontreffer) gar nicht so sehr als entscheidende Figur an. „Er profitiert sehr von der starken und wuchtigen Offensive der gesamten Mannschaft und den guten Zuspielen. Bei diesen Mitspielern würde ich auch noch das eine oder andere Tor schießen“, sagte der 61 Jahre alte Lienen und meinte dies durchaus ernst.

So betrachtet wäre es also gar nicht sicher, dass der im Dezember 2011 von den damals Verantwortlichen bei St. Pauli nicht mehr gewollte Hennings im aktuellen Millerntorteam ähnlich auftrumpfen würde wie jetzt in Karlsruhe. „Man muss ihm nur ständig auf der Pelle hängen und bei der Ballannahme stören. Das haben wir heute nicht gemacht“, sagte Lienen.

„Wir sind nie in die Zweikämpfe gekommen. Uns hat Wille und Einsatz gefehlt“, stellte unterdessen Innenverteidiger Lasse Sobiech schonungslos selbstkritisch fest. Diese Einschätzung ging sogar Trainer Lienen ein bisschen zu weit. „Man kann der Mannschaft nicht absprechen, dass sie an ihre Grenzen gehen will. Sie muss dies aber auch immer tun, wenn sie erfolgreich sein will“, sagte er. Ganz offenbar ist sie nicht in der Lage, dies zweimal innerhalb von vier Tagen zu schaffen.

Für die verbleibenden Saisonspiele macht immerhin Hoffnung, dass es eine solche Terminkonstellation für St. Pauli nicht mehr geben wird. Nach dem Auslaufen am Sonnabend und einem freien Sonntag kann Lienen sein Team von diesem Montag an auf das Heimspiel gegen Nürnberg am Freitag vorbereiten. Die weiteren Partien der Saison bestreiten die Kiezkicker viermal sonntags und einmal (in Kaiserslautern) an einem Sonnabend.

„Gegen Nürnberg müssen wir unbedingt wieder an die Leistung des Spiels gegen Düsseldorf anknüpfen. Das muss das Vorbild sein, da müssen wir alles raushauen“, blickte Sobiech nach vorn. Auch Trainer Lienen fasste am Ende seiner Analyse wieder Zuversicht. „Wir werden uns noch einmal genau anschauen, was passiert ist. Ich habe die Hoffnung, dass wir das wieder hinbekommen“, sagte er und verwies auf ein prominentes Beispiel. „Borussia Dortmund spielt auch mal Weltklasse und ist ein paar Tage später kaum zu sehen.“ Wie der BVB an seinen besten Tagen muss St. Pauli ja nicht einmal spielen, um den Abstieg zu vermeiden.