„Wir waren elf echte Kämpfer“

Valon Behrami lobte den Willen nach dem 1:0 des HSV gegen Leverkusen. Bayer-Trainer Schmidt schimpfte dagegen über „Treibjagd“ auf seine Spieler

Hamburg. Am Tag nach der Fußballschlacht gab es Redebedarf. In Bad Fallingbostel, Köln und Braunschweig. In Drochtersen, Nordhausen, Neuhaus und Hohenlockstedt. In ganz Deutschland und sogar im belgischen Elsenborn mussten die erschöpften Kämpfer des Vortags noch mal schildern, was da eigentlich am Sonnabend passiert war. Von einem „echten Fight“ sprach Matthias Ostrzolek beim Fanclub Forever Husum, den HSV-Diamanten in Norderstedt berichtete Marcell Jansen von einem „geilen Gefecht“, und Trainer Josef Zinnbauer war in Korbach einfach stolz darauf, „dass wir diesen Kampf gegen Leverkusen angenommen haben“.

1:0 hatte der HSV Bayer Leverkusen geschlagen. Doch weniger das Ergebnis als viel mehr die Art und Weise war es, die auch am Sonntag bei den HSV-Fanclubs noch für jede Menge Gesprächsstoff sorgte. 27 Hamburger Fouls waren ein Saisonrekord, genauso wie die insgesamt neun gelben Karten. Und dann war da natürlich auch noch Hakan Calhanoglu (siehe Text unten), der bei jeder Ballberührung vom ganzen Stadion ausgepfiffen wurde. „So wie heute der Rasen gebrannt hat“, sagte Verteidiger Heiko Westermann, „konnte Leverkusen hier nicht gewinnen.“

Tatsächlich hatten die 90 Minuten „relativ wenig mit Fußball zu tun“, wie Bayer-Trainer Roger Schmidt später richtig erkannte. Von einer „Treibjagd“ zu sprechen war dann allerdings genauso übertrieben wie Rudi Völlers exklusive Sicht der Dinge. „Wir hätten uns gewünscht, dass der Schiedsrichter uns besser schützt. Ein paar Gelb-Rote Karten für den HSV wäre kein Skandal gewesen. Wären wir so eingestiegen, hätte es sicherlich Gelb-Rot gegeben“, sagte Leverkusens Sportdirektor, vergaß dabei allerdings zu erwähnen, dass es vor allem zwei Leverkusener waren (Giulio Donati und Emir Spahic), die vom Platz hätten gestellt werden müssen.

„Wir haben gekämpft wie Verrückte. Wir waren elf echte Kämpfer“, sagte Hamburgs „Aggressive-Leader“ Valon Behrami, der selbst wegen starker Knie- und Oberschenkelschmerzen eigentlich gar nicht einsatzbereit war. „Wir hatten einfach Hunger auf Erfolg, das war der Schlüssel zum Sieg.“

So hatte es Zinnbauers HSV in der Tat geschafft, die durch Calhanoglus Rückkehr emotional aufgeheizte Atmosphäre von den Rängen auf den Rasen zu transportieren und die sonst so spielstarken Leverkusenern gar nicht erst ins Spiel kommen zu lassen. Exemplarisch war auch das Tor des Tages, das Rafael van der Vaart durch einen verwandelten Foulelfmeter (26.) erzielen konnte. Wie sonst hätte in diesem chancenarmen Spiel ein Tor fallen sollen? Denn auch diesmal konnten sich die in dieser Saison extrem offensivschwachen Hamburger kaum Möglichkeiten herausspielen. Allerdings schaffte es der HSV, lediglich eine Torchance durch Karim Bellarabi zuzulassen. Da der Neu-Nationalspieler, den die HSV-Scoutingabteilung einst als bundesligauntauglich eingeschätzt hatte, in der Nachspielzeit aber nur den Innenpfosten und nicht das Tor traf, blieb es beim „dreckigen Sieg“ (O-Ton Ostrzolek).

Dass dieser Erfolg noch ein verbales Nachspiel haben würde, war nach den vorangegangenen Ereignissen wenig überraschend. So gerieten bereits vor dem Halbzeitpfiff sogar die Trainer derart aneinander, dass lediglich Mediendirektor Jörn Wolf mit einem klassischen Catchergriff Schlimmeres verhindern konnte. „Vielleicht sah es so aus, als ob ich meinem Kollegen an die Wäsche wollte“, sagte Zinnbauer später auf der Pressekonferenz, auf der er und Schmidt sich noch immer keines Blickes würdigten, „aber das war nicht so. Ich wollte nur mit ihm sprechen. Aber weil ich weggehalten wurde, konnte ich nicht sprechen.“ Und obwohl Peter Knäbel, Hamburgs neuer Direktor Profifußball, sogar am Gerangel Gefallen fand („Das ist unser Stadion, unsere Heimat. Und die Heimat muss man verteidigen.“), räumte Zinnbauer versöhnlich ein, dass er sich die Einlage besser gespart hätte: „Das war ein Fehler.“

Dass der HSV durch das 1:0 gegen Leverkusen nach Bayern (0:0) und Dortmund (1:0) bereits den dritten Champions-League-Teilnehmer gegentorlos in Schach halten konnte, ging in all der Aufregung genauso unter wie Zinnbauers Taktiktrick, van der Vaart und Lewis Holtby als sogenannte Doppel-Acht im zentralen Mittelfeld aufzubieten. „Das könnte eine Formation für die Zukunft sein“, orakelte Holtby, der vor allem van der Vaarts kämpferische Leistung hervorhob: „Rafa hat gezeigt, dass er ein Kapitän ist, der vorangeht.“ Gekämpft haben sie aber eigentlich alle. Und Fußball spielen kann man ja auch noch nächste Woche. Da muss der HSV zum Tabellenzweiten nach Wolfsburg. Was für eine Partie er da erwarte, wurde Zinnbauer noch gefragt: „Ein Kampfspiel.“ Was sonst?