Bundesligist in der Krise

Wenn der HSV absteigt: Die wichtigsten Fakten zur Krise

| Lesedauer: 24 Minuten

Seit 1963 spielt der Club in der Bundesliga, doch nun droht dem Dino der totale Absturz. Wer in Hamburg soll künftig noch voller Stolz die Raute im Herzen tragen, was kommt nach dem Abstieg? Das Abendblatt beantwortet die Fragen, die Fans am Volkspark umtreiben.

Uwe Seeler sorgt sich schon länger um seinen Verein, inzwischen müssen aber alle, die ihr Herz an Blau-Weiß-Schwarz verloren haben, um die Zukunft am Volkspark bangen. Nach den Spielen gegen Augsburg, München und Mainz könnte der Club nach 51-jähriger Mitgliedschaft erstmals aus der Bundesliga absteigen. Selbst wenn in der Verlängerung, also über die Relegation, doch noch der Klassenerhalt gelingt, stehen die Rothosen vor unruhigen Zeiten. Anlass genug, ein paar wichtige Fragen zu beantworten.

Müssen alle Stars weg, wenn der HSV absteigt?

Gegenfrage: Welche Stars? Spaß beiseite, dafür ist die Frage ja auch viel zu ernst: Im Falle des Abstiegs dürfte sich das Gesicht der Mannschaft tatsächlich radikal verändern. Spitzenverdiener wie Rafael van der Vaart, Heiko Westermann, Marcell Jansen, René Adler, Johan Djourou, Gojko Kacar oder Slobodan Rajkovic könnten in der Zweiten Liga kaum bezahlt werden. Das Problem: Zunächst müsste Sportchef Oliver Kreuzer, sofern er dann noch im Amt ist, neue Arbeitgeber für die Profis finden. Denn die Verträge sind dummerweise sowohl in Liga eins als auch in Liga zwei gültig. Der HSV müsste allerdings sein völlig überzogenes Gehaltsgefüge von mehr als 40 Millionen Euro drastisch nach unten auf rund 25 Millionen Euro reduzieren.

Intern wurde sich darauf verständigt, dass man in der Zweiten Liga ein Team um Hakan Calhanoglu aufbauen will, der unbedingt gehalten werden soll. Auch Jonathan Tah, der verhältnismäßig bescheiden mit einem Festgehalt von 780.000 Euro entlohnt wird, war ursprünglich als Pfeiler eines Neuaufbaus gedacht. Statt Nationaltorhüter Adler (Jahresgehalt: 2,7 Millionen Euro) dürfte wohl wieder Jaroslav Drobny (900.000 Euro) im Tor stehen. Doch das, was heute noch richtig beim HSV scheint, könnte morgen schon wieder falsch sein.

Dies gilt insbesondere für die Personen an der Spitze des Vereins. So ist Oliver Kreuzer bereits der fünfte Sporthauptverantwortliche, der mit Marcell Jansen seit dessen Wechsel von Bayern München zum HSV Verhandlungen führt. In diesen sechs Jahren erlebte der Nationalspieler zudem sieben Chef- und drei Interimstrainer beim HSV. Und während Trainer Mirko Slomka, der im Falle des Abstiegs für vergleichsweise bescheidende 350.000 Euro entlassen werden könnte, wohl bleiben würde, scheint Kreuzers Zeit langsam beim HSV abzulaufen. Um es auf den Punkt zu bringen: Sollte der HSV tatsächlich absteigen, dürften nicht viele Stars übrig bleiben, obwohl man den Eindruck gewinnen kann, dass man ohnehin schon seit langer Zeit beim HSV auf einen echten Star wartet.

Wie oft ist ein Absteiger sofort wieder aufgestiegen?

Fortuna Düsseldorf wird es diese Saison nicht glücken, Greuther Fürth hat den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga hingegen noch in eigener Hand. Wie die Vergangenheit zeigt, ist ein Absteiger aus der deutschen Eliteklasse nicht unbedingt Favorit auf die sofortige Rückkehr. Im Jahr zuvor schaffte dieses Kunststück nur Hertha BSC Berlin, der 1. FC Köln und der 1. FC Kaiserslautern mussten ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga kicken. Auch der FC St. Pauli schmort dort bereits seit dem Abstieg im Jahr 2011. Gründungsmitglied Preußen Münster gelang seit dem Abstieg 1964 sogar nie wieder den Sprung ins Oberhaus.

Die Mannschaft mit der längsten Bundesliga-Abstinenz ist Alemannia Aachen: Nach dem Abstieg im Jahr 1970 dauerte es 36 Jahre, bis man wieder erstklassig war. Insgesamt liegt die Quote nur bei etwa einem Drittel: Seit 1997 waren 46 direkte Wiederaufstiege möglich, doch nur 16 Zweitligisten glückte die Rückkehr im Jahr darauf. Nur auf die Statistik sollten die Hamburger im Fall der Fälle also lieber nicht vertrauen ...

Wie sieht der Zeitplan für die Zweite Liga aus?

Während der Rahmenterminkalender für die Vorbereitung auf die Bundesligasaison längst feststeht, haben sich die Verantwortlichen bislang gescheut, tatsächlich auch den Fall X vorzubereiten. Da die Zweite Liga bereits am 1. August und damit drei Wochen vor der Ersten Liga startet, ist nur klar, dass die geplante Reise nach Guangzhou in China ausfallen würde. Statt am anderen Ende der Welt würden sich die HSV-Profis wohl ausschließlich in Schleswig-Holstein und in Österreich auf ihre erste Spielzeit im Fußballunterhaus vorbereiten. Erster Tag der Premieren-Zweitligavorbereitung wäre wohl noch während der WM in Brasilien.


Singt Lotto King Karl auch in Liga zwei seine Hymne?

Na ja, eigentlich lautete der Berufswunsch von Lotto King Karl vor Jahren „HSV-Präsident“. Hat zwar bisher nicht geklappt, dafür hat sich der 47-jährige Musiker dennoch längst unverzichtbar für den Verein gemacht. Seit September 2001 singt der Hamburger kurz vor dem Anpfiff zusammen mit Carsten Pape vor der Nordtribüne seinen Song „Hamburg, meine Fußballperle“, der im Dezember auf seinem HSV-Album erschien und sich sofort zur Hymne im 2000 fertiggestellten neuen HSV-Stadion entwickelte. Sobald seine ersten Liedzeilen („Wenn du aus Dortmund kommst schießt Geld hier keine Tore, wenn du aus der Hauptstadt kommst, scheißen wir auf dich und dein Lied ...“) erklingen, gehen alle Schals im Stadion hoch, Gänsehautatmosphäre, ein emotionaler Höhepunkt bei jedem Spieltag. Aber dürften die Fans das Lied auch am Sonnabend, um 12.50 Uhr vor einer Partie gegen Heidenheim mitsingen? Ehrensache. „Ich will zum HSV und dort auftreten, egal in welcher Liga, das ist mein Verein“, legt sich Lotto King Karl fest. Mit so einer Einstellung schafft er es vielleicht ja doch noch auf das Präsidentenamt.


Was wird aus der Uhr?

Die berühmte Stadionuhr in der Imtech-Arena zeigt auf die Sekunde genau an, seit wann der HSV in der höchsten deutschen Fußballliga mitspielt: Über 50 Jahre sind es mittlerweile. Im November 2012 ging die Uhr, die 2001 vom damaligen Sponsor HEW (jetzt Vattenfall) spendiert wurde, allerdings kaputt, was von vielen Fans schon damals als schlechtes Omen gewertet wurde. Weil es eine Einzelanfertigung war, gab es keine Ersatzteile mehr.

Im April 2013 wurde der Zeitmesser dann gegen eine 30.000 Euro teure Neuanfertigung ersetzt, seitdem ticken die Sekunden wieder. Die Frage ist, wie lange noch. Möglicherweise wird die Uhr am 10. Mai gegen 17.20 Uhr gestoppt – wenn der Verein nach fast 51 Jahren seit dem ersten Spieltag 1963 am 34. Spieltag in Mainz abgestiegen sein sollte. Die Uhr würde dann 50 Jahre, 259 Tagen, 1 Stunde und 20 Minuten anzeigen.

„Über unsere Uhr haben wir noch nicht nachgedacht“, sagte HSV-Boss Carl Jarchow zwar unlängst – doch sie weiterlaufen zu lassen wäre auf den ersten Blick sinnlos. Eine mögliche Weiterverwendung: Die Sekunden, Stunden, und Tage (hoffentlich nicht Jahre) bis zum Wiederaufstieg zählen.

Wird bei Klassenerhalt alles besser?

Zumindest würde nicht alles schlechter werden. Klar ist, dass sich der HSV bei drastisch sinkenden Einnahmen in der Zweiten Liga kaum gesundschrumpfen könnte, wie immer wieder populistisch gefordert wird. Allerdings dürfte genauso klar sein, dass der Verein auch im Falle des Klassenerhalts nicht wie Phönix aus der Asche emporsteigen könnte. Alles andere als ein erneuter Abstiegskampf würde einer Sensation gleichkommen.

Wer von den handelnden Personen in der kommenden Saison noch dabei ist, hängt maßgeblich vom Erfolg oder Misserfolg der Ausgliederungsinitiative HSVPlus und der Mitgliederversammlung am 25. Mai ab. Lediglich Trainer Mirko Slomka wäre nach einem verhinderten Abstieg noch fester im Sattel als bereits in dieser Saison. Der studierte Pädagoge könnte beweisen, dass er trotz schwieriger Bedingungen mit dem HSV eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie mit Hannover 96 schreiben könnte. Die Niedersachsen verwandelte Slomka in kurzer Zeit von einem Abstiegskandidaten in einen Europacup-Teilnehmer.

Die Hamburger Fans haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie einen Neuaufbau geduldig begleiten würden – solange der vorgegebene Weg denn auch überzeugend ist. Nachdem noch vor gar nicht allzu langer Zeit nur fertige Stars beim HSV vermittelbar waren, scheinen die Anhänger mittlerweile genug zu haben von überbezahlten Profis, die wie Rafael van der Vaart ihre Karriere in Hamburg ausklingen lassen. Talentierten Neuentdeckungen wie Hakan Calhanoglu dürfte die Zukunft in Hamburg gehören, was allerdings zur Folge hätte, dass der HSV mittelfristig zum Ausbildungsverein werden würde. Eine Rückkehr unter die Top 20 Europas, wo der Verein bis vor vier Jahren Dauergast war, dürfte selbst bei Klassenerhalt in naher Zukunft nicht mehr zu schaffen sein.

Drohen Fan-Krawalle?

Die Antwort kann nur ein klares „Jein“ sein. Bereits zweimal krachte es gewaltig in dieser Saison beim HSV: Nach der 0:3-Niederlage gegen Hertha BSC und nach dem 1:3 gegen Wolfsburg, als vor einer Woche knapp 100 Vermummte gezielt die Ordnungskräfte angriffen. Von ähnlichen Gewaltexzessen wie nach den Abstiegen von Eintracht Frankfurt oder vom 1. FC Köln, als Ultras den Spielern sogar den Tod androhten, geht beim HSV allerdings niemand aus. „Wir führen natürlich Gespräche mit den Sicherheitsbehörden, aber momentan mache ich mir keine Sorgen“, sagt Kurt Krägel, Stadionchef des HSV, der auch für die Sicherheit zuständig ist. Supporters-Chef Christian Bieberstein macht sich über das Betragen der eigenen Anhänger keine allzu großen Gedanken: „Sicherlich würden viele Fans ihren Unmut spätestens auf der Mitgliederversammlung nach der Relegation kundtun, aber ich bin mir sicher, dass die überwiegende Mehrheit selbst im Fall des Abstiegs friedlich bleiben würde.“ Bieberstein glaubt, dass besonders die Profis eine Eskalation verhindern können: „Wenn man das Gefühl hat, dass jeder alles gegeben hat, dann kann ich mir keine Ausschreitungen vorstellen.“

Wie oft rettete sich der Erstligist in der Relegation?

Ein Relegationsspiel zwischen dem Drittletzten der Bundesliga und dem Dritten der Zweiten Liga gab es erstmals nach der Saison 1981/82. Erstligist Bayer Leverkusen gewann gegen Kickers Offenbach. Damals galt noch nicht die Auswärtstorregelung, bei gleicher Tordifferenz nach zwei Spielen wurde eine dritte Partie auf neutralem Boden ausgetragen. Borussia Dortmund setzte sich 1986 als Bundesligist durch ein 8:0 im dritten Match gegen Fortuna Köln durch. Der FC St. Pauli stieg 1991 durch die 1:3-Niederlage in Gelsenkirchen gegen Zweitligist Stuttgarter Kickers ab.

Nach der Saison 1990/91 wurden diese Ausscheidungsspiele abgeschafft. Die Bundesliga war im Zuge der deutschen Wiedervereinigung für eine Saison auf 20 Vereine aufgestockt worden und hatte am Ende vier Absteiger. Erst nach der Spielzeit 2008/09 wurde die Relegation erneut eingeführt. Kritiker sprachen damals von einem „Schutz der Erstligisten“. Tatsächlich konnte sich bei bislang 15 Vergleichen nur fünfmal der unterklassige Verein durchsetzen. Zuletzt gelang Fortuna Düsseldorf vor zwei Jahren als Zweitligist der Aufstieg gegen Hertha BSC.

Kann der HSV mit der Relegation Geld verdienen?

Für den HSV könnte eine Teilnahme an der Relegation tatsächlich einen finanziellen Gewinn bringen. Zwar sind die beiden Partien im Fernsehvertrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL) mit ihren Medienpartnern abgedeckt, die zusätzlichen Zuschauereinnahmen und gegebenenfalls eine Extravermarktung im Logen- oder Sponsorbereich kann der Verein allerdings für sich verbuchen. Noch gibt es keine endgültige Entscheidung, aber der HSV tendiert dazu, seinen rund 31.000 Dauerkarteninhabern „freien Eintritt“ zum Relegationsspiel am 15. Mai zu gewähren. Also würden 26.000 Karten in den freien Verkauf gehen, für die man in der günstigsten Kategorie einen Durchschnittspreis von etwa 45 Euro ansetzen kann. Das würde einen zusätzlichen Umsatz von rund 1,17 Millionen Euro bedeuten.

Beeinflusst die Relegation das Hamburg-Länderspiel?

Ja und nein. Organisatorisch wären die direkt aufeinanderfolgenden Events (13. Mai DFB, 15. Mai HSV) keine große Herausforderung. „Wir müssten nur schneller sauber machen als sonst“, sagt Stadionchef Kurt Krägel. Sportlich wäre die Relegation – so paradox das auch klingen mag – mehr für die Deutsche Nationalmannschaft als für den HSV ein Problem. Da Bundestrainer Joachim Löw ohnehin schon auf die Pokalfinalisten aus Dortmund und Bayern verzichten muss und auch mehrere Legionäre noch mit ihren Teams im Einsatz sind, dürften sich bei entsprechender Gesundheit mit René Adler, Heiko Westermann, Marcell Jansen und Pierre-Michel Lasogga gleich vier Hamburger Hoffnungen auf ein Heimländerspiel machen. Muss der HSV in der Relegation ran, wäre auch dieser Traum geplatzt.

Was will HSVPlus?

Die Weltherrschaft. Das scheinen zumindest die Kritiker der Ausgliederungsinitiative zu glauben. Und obwohl das natürlich Quatsch ist, darf man schon behaupten, dass der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Otto Rieckhoff und seine Mitstreiter eine Art HSV-Revolution anzettelten, die auf der Mitgliederversammlung am 25. Mai in einer Ausgliederung gipfeln soll. Rieckhoff will professionellere Strukturen, in denen sich auch strategische Partner wie Milliardär Klaus-Michael Kühne zu Hause fühlen würden. Die Fußballprofis, die ihre Berufsbezeichnung in dieser Saison nicht immer verdient hatten, sollen in einer HSV Fußball AG ausgegliedert werden, während der Breiten- und Amateursport im Mutterverein HSV e. V. bleiben würde. Zudem fordert Rieckhoff einen neuen, sechsköpfigen Aufsichtsrat, der – anders als zu seinen Zeiten als Aufsichtsratschef – nicht mehr primär durch Indiskretionen auffallen soll. Um den Vorschlag rundzumachen, hat HSVPlus dann auch gleich mal sechs Kandidaten in der Paketlösung vorgegeben, die im Erfolgsfall direkt ihre Arbeit als neue Kontrolleure der HSV Fußball AG beginnen könnten. Dabei sind die früheren Profis Thomas von Heesen und Peter Nogly, Klitschko-Manager Bernd Bönte, Immobilienexperte Dieter Becken, Felix Goedhart, der Vorstandsvorsitzende der Capital Stage AG, und Karl Gernandt, der Präsident des Verwaltungsrats der Kühne + Nagel International AG.

Während die Frage, was HSVPlus eigentlich will, in den vergangenen Monaten ziemlich erschöpfend in Interviews, Podiumsdiskussionen und über Social-Media-Kanäle wie Facebook oder Twitter beantwortet wurde, bleibt vor der Mitgliederversammlung am 25. Mai eigentlich nur noch eine Frage offen: Was wollen eigentlich die Gegner von HSVPlus? Sollte die notwendige Dreiviertelmehrheit verfehlt werden, droht aus HSVPlus nämlich vor allem eines: der Weltuntergang.

Wie teuer ist Liga zwei?

In Berlin kennt man das Spiel: Im Fahrstuhl nach unten, ein Jahr später wieder nach oben. Auch in Nürnberg haben die Anhänger und Sponsoren nach sieben Abstiegen Erfahrungen mit dem Pendeln zwischen zwei Ligawelten. Hamburg ist dagegen diesbezüglich eine Blackbox. Wie viele Fans wollen den HSV an einem Montag gegen Kaiserslautern siegen sehen? Wie groß ist der Markt in Hamburg für einen weiteren Zweitligaclub?

Klar ist nur, dass der Umsatz (derzeit rund 130 Millionen Euro) um 50 Millionen Euro sinken wird. Die Einnahmen im Sponsoring und Ticketing fallen um 20 bis 30 Prozent niedriger aus, der Zuschauerschnitt wird geringer sein, besonders im VIP-Bereich drohen Einbußen. Dazu gibt es – je nach Tabellenplatzierung – zwischen zwölf und 16 Millionen weniger aus der TV-Vermarktung der Deutschen Fußball-Liga. Gut für den HSV: Kein einziger Sponsorenvertrag verliert im Abstiegsfall seine Gültigkeit, kein Kontrakt endet 2015. Fest steht nur, dass sich der HSV ab 2016 einen neuen Namensgeber für das Stadion suchen muss, da Imtech lieber heute als morgen aussteigen würde.

Wie treu sind die HSV-Fans?

Ein ausverkauftes Stadion gegen die Bayern beim letzten Spiel in der Imtech-Arena am 3. Mai vorausgesetzt, werden 879.594 Zuschauer die 17 Heimspiele des HSV verfolgt haben. Immer noch ein Topwert trotz der fußballerischen Magerkost, aber auch 56.000 Besucher weniger als beispielsweise in der Saison 2009/10, als der Club noch im Europapokal spielte. 2006/07 waren sogar elf von 17 Heimspielen ausverkauft. Selbst bei einem Klassenerhalt dürfte der Zuschauerschnitt weiter bröckeln, auch die Auslastung im VIP-Bereich wird sinken. Die Kündigungsquote zum 31. März lag über 30 Prozent. Immerhin: Die Mitgliederzahlen blieben trotz der sportlichen Talfahrt stabil bei derzeit 73.000, eine Austrittswelle blieb aus. Eine spannende Frage wird jedoch sein, wie attraktiv eine Mitgliedschaft beim HSV e.V. nach einer Ausgliederung der Profiabteilung noch ist.

Wie sehr braucht die Stadt den HSV?

„Die weltweit beste, nachhaltigste und preisgünstigste Werbung für Hamburg wäre, der HSV würde die Fußball-Champions-League gewinnen.“ Der promovierte Volkswirt Hariolf Wenzler, damals Chef der Hamburg Marketing GmbH, hat das vor zehn Jahren gesagt, und seine Einschätzung ist unter Marketingexperten bis heute unumstritten. München und Barcelona sind auch deshalb globale Größen, weil in diesen Städten zwei der besten Fußballmannschaften der Welt spielen. Ein Abstieg des HSV droht folgerichtig auch Hamburg in der Wahrnehmung in die Zweite Liga zu schicken. „Hamburg braucht, kann und will Erstliga-Fußball. Der HSV ist ein Aushängeschild und ein Magnet für diese Stadt. Und wahre Treue zu einem Verein zeigt sich erst in wirklich schwierigen Zeiten“, sagt Sportsenator Michael Neumann (SPD). Einen Abstieg könne sich eigentlich kein Hamburger wünschen.

Der HSV, das weiß der Senator, ist schließlich – wie in geringerem Umfang der FC St. Pauli auch – ein Wirtschaftsfaktor dieser Stadt. Mehr als eine Million Besucher werden selbst in dieser niederlagenreichen Saison im Volkspark die 20 Heimspiele, 17 in der Bundesliga, drei im DFB-Pokal, besucht haben, im und außerhalb des Stadions Speisen und Getränke verzehrt und den Umsatz von Gastronomen, Hoteliers, Kaufhäusern und anderen Dienstleistern gesteigert haben.

Nach Berechnungen des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) sorgt der HSV jährlich für Einkommens- und Beschäftigungseffekte in Höhe von rund 90 Millionen Euro. Das entspricht 700 Vollzeitarbeitskräften. Die würden zwar nicht alle mit dem Abstieg wegfallen, sollte jedoch der Wiederaufstieg nicht umgehend gelingen, wären viele gefährdet.


Was wird aus dem Dino Hermann?

Gäbe es einen Maskottchenpass, wäre der 24. August 2003 als Geburtstag eingetragen. Dass die Wahl auf einen Dino fiel, war logisch, schließlich wurde der HSV aufgrund der ununterbrochenen Zugehörigkeit zur Eliteklasse seit 1963 als „Dino“ bezeichnet. Im Zuge des 40. Bundesligajubiläums beim Spiel HSV gegen den FC Bayern schlüpfte das Maskottchen aus einem Ei. Aber überlebt Dino Hermann auch einen Abstieg? „Damit beschäftigen wir uns derzeit überhaupt nicht“, sagt ein Vereinssprecher. Fraglos würde er seine Symbolkraft verlieren und nur daran erinnern, dass der HSV am Ende doch wie die echten Dinosaurier „ableben“ musste. Dabei gehört der 2,10 Meter große Plüschkoloss längst fest zur HSV-Familie, hat immerhin fast 25.000 Unterstützer bei Facebook und ist der Liebling der Kids. Den Namen Hermann erhielt das Maskottchen zu Ehren des 2014 verstorbenen Masseurs Hermann Rieger. Seine Trikotnummer 87 ist auf das HSV-Gründungsjahr 1887 zurückzuführen.

Was sagen HSV-Legenden?

Willi Schulz (1965–73 beim HSV): Ich bin kein Prophet, kann nicht in die Zukunft schauen, aber die Aussichten sind nicht rosig. Für die Rettung müsste sich der HSV noch stark steigern, ob beim Toreverhindern oder Toreschießen. Kaltes Blut, Nerven behalten, das ist in solch einer Situation kurz vor Saisonende gefragt. Jeder störende Ballast von außen muss abgeschüttelt werden. Was in Zukunft passieren muss, ist klar: Wir brauchen in allen Bereichen mehr Fußballkompetenz und weniger Leute, die glauben, sie würden über Fußballkompetenz verfügen.

Peter Nogly (1969–80): Die Vorstellung, dass der HSV in der Zweiten Liga spielt, fällt sehr schwer. Aber ich hoffe immer noch, dass zumindest die Relegation erreicht und erfolgreich gespielt wird. Obwohl auch das nicht einfach wird. Aber die Relegation ist der letzte Strohhalm. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass auch der Abstieg passieren könnte. Erst seit zwei Wochen habe ich deshalb keine Bauchschmerzen mehr. Es hat mich lange Zeit sehr betroffen gemacht, dass wir so tief unten drinstehen. Auch weil ich immer den Eindruck hatte, dass in der Winterpause nicht vernünftig gearbeitet wurde. Es sind auch einfach zu viele wichtige Spieler verletzt, und die Form ist nicht da. Ich denke, der Flair und der Name HSV werden bleiben. Ich denke auch, wenn man in der Zweiten Liga gleich erfolgreich ist, wird der Abstieg schnell vergessen. Unabhängig vom Klassenerhalt oder nicht muss sich in Zukunft an der Struktur etwas ändern.

David Jarolim (2003–12): Viele Leute sprechen mich sogar hier in Tschechien auf den HSV an, auch weil ja Petr Jiracek und Jaroslav Drobny in der Mannschaft stehen. Sie wissen, dass der HSV noch nie abgestiegen ist und fragen mich, was da los ist. Das weiß ich natürlich so genau auch nicht, vor allem, ob Fehler am Anfang der Saison gemacht wurden. Aber ich verfolge natürlich alle Spiele sehr intensiv. So kurz vor Schluss noch in Abstiegsgefahr, das waren wir zu meiner Zeit glaube ich nie. Bevor ich zum HSV gekommen bin, war ich mit dem 1. FC Nürnberg abgestiegen. Das war schon sehr schwer. Der Druck ist enorm. Man darf sich aber auch nicht zu viele Gedanken machen, man verkrampft dann. Ich würde immer noch gerne nach meinem Karriereende eine Position beim HSV wahrnehmen, ich weiß aber nicht, wann das sein wird. Ich habe noch nie mit Oliver Kreuzer gesprochen. Der HSV hat ja auch andere Sorgen.

( Zusammengestellt von: Kai Schiller, Alexander Laux, Florian Heil, Andreas Hardt und Rainer Grünberg )

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