Interview mit Felix Magath

"Was ich verantworte, will ich auch entscheiden"

Trainer Felix Magath spricht im Abendblatt über Macht, Image-Probleme, Job-Angebote und die Suche nach neuen Herausforderungen.

Felix Magath, 59, hat in Hamburg immer noch viele Freunde. In Cafés und Restaurants vergeht kaum ein Moment, in dem nicht ein alter Bekannter ihm zunickt oder sich zum Small Talk an den Tisch stellt. Und zwischen Hauptgang und Dessert nimmt er sich auch noch Zeit für einen Fan ("Sie sind und bleiben für mich der Beste, egal bei welchem Verein Sie gerade sind"), der um ein gemeinsames Foto bittet. "Sie müssen wieder zum HSV kommen", fordert der junge Mann, während seine Begleiterin auf den Auslöser der Kamera drückt und der Hund der beiden mit dem Schwanz wippt. Magath lächelt. "Ich glaube, die brauchen mich im Moment nicht."

Hamburger Abendblatt: Herr Magath, der VfL Wolfsburg sollte die letzte Station Ihrer Trainerlaufbahn sein. Jetzt sind Sie doch wieder auf der Suche nach einem neuen Verein. Gefällt Ihnen das Familienleben nicht?

Felix Magath: Ich bin nicht auf der Suche. Im Gegenteil, ich genieße die Zeit mit meiner Familie sehr, hole die Kinder von der Schule ab, gehe mit ihnen zum Sport. Außerdem kann ich mich endlich um Dinge kümmern, die vorher zu kurz gekommen sind, zum Beispiel meine Facebook-Seite. Der VfL Wolfsburg wäre meine letzte Station gewesen, wenn ich, wie vorgesehen, dort meinen Vertrag bis 2015 hätte erfüllen können. Es ist bekanntlich anders gekommen, und deshalb sehe ich derzeit keinen Grund aufzuhören.

Ein Felix Magath passt nicht zu jedem Verein. Sie haben Ihren Preis, und in vielen Fußball-Foren wurden Sie als Menschenhändler verunglimpft.

Magath: Mit meiner Arbeit bei unterschiedlichen Clubs habe ich doch gezeigt, dass ich mit allen Vereinsstrukturen zurechtkommen kann. Selbstverständlich hat meine Arbeit ihren Preis, aber ich sorge auch für entsprechende Erträge, sportlich wie finanziell. In Wolfsburg wurden durch die deutsche Meisterschaft 2009 der Wert und das Ansehen des Vereins deutlich gesteigert. Der FC Schalke hat im Jahr 2011 mit dem Erreichen des Halbfinales der Champions League und dem DFB-Pokalsieg die wirtschaftlich beste Saison seiner Geschichte gespielt. Und das mit dem "Menschenhändler" ist eines jener Klischees, die dann entstehen, wenn sich niemand mehr die Mühe macht, sich mit einem etwas komplizierteren Sachverhalt auseinanderzusetzen.

Dann helfen Sie uns doch bitte bei der Aufklärung.

Magath: Als ich 2007 in Wolfsburg antrat, standen zwölf Spieler unter Vertrag. Daher mussten 13 neue geholt werden, um überhaupt in der Bundesliga auflaufen zu können. Bei Schalke sollte 2009 eine alte und teure Mannschaft zu einer jüngeren und kostengünstigeren verändert werden. Und das ist uns gelungen. Einen Umbruch schafft man nicht, zumindest nicht ohne nennenswerten sportlichen Substanzverlust, indem Sie eins zu eins einen alten, erfahrenen durch einen jungen, unerfahrenen Spieler ersetzen. Da brauchen Sie einen größeren Kader, um erkennen zu können, wer langfristig die Anforderungen eines Bundesligaprofis erfüllen kann. Von einem Bundesligaprofi mit überdurchschnittlichem Verdienst darf man dann auch überdurchschnittliche Leistungen erwarten. Und von keinem verlange ich dabei annähernd das Trainingspensum, das sich Sportler, die zu Olympischen Spielen wollen, freiwillig über Jahre auferlegen, was oft nur mit finanzieller Unterstützung der Sporthilfe möglich ist. Diese Spitzenathleten trainieren bis zu dreimal am Tag, das erste Mal morgens um sechs. Versuchen Sie das mal mit Fußballprofis. Dann müssen Sie froh sein, dass die Polizei nicht kommt und Sie abführt.

In Schalke mag Ihr Konzept noch halbwegs aufgegangen sein, in Wolfsburg aber ist nach Ihrer Rückkehr der Erfolg ausgeblieben.

Magath: Auch das stimmt in dieser Vereinfachung nicht. Als ich Ende März 2011 nach Wolfsburg zurückkehrte, stand die Mannschaft - nur 20 Monate nach dem Titelgewinn - auf einem Abstiegsplatz. Den Klassenerhalt haben wir in den letzten Minuten der Saison gerade noch geschafft. Ich sollte danach ein neues Team aufbauen, mit dem man das internationale Geschäft erreicht. 2011/12 haben wir dieses Ziel knapp verpasst. Daneben wurde der mit dem Aufsichtsrat beschlossene und akzeptierte Plan umgesetzt, junge Spieler zu holen, um sie gegebenenfalls auszuleihen, wenn sie bei uns nicht genügend Spielpraxis erhalten. Der VfL Wolfsburg hat bei seinen Voraussetzungen, im Vergleich mit Traditionsvereinen und Clubs in Millionenstädten, nun mal Schwierigkeiten, sich Top-Spieler in den Verein zu holen. Das macht es ziemlich schwierig, gute Spieler zu einem angemessenen Preis zu verpflichten.

Weil die Spielerberater eine Art Provinzaufschlag fordern?

Magath: Ein gewisser Standortnachteil ist nicht wegzudiskutieren.

Was hat denn in dieser Saison beim VfL Wolfsburg nicht funktioniert?

Magath: Umbrüche brauchen ihre Zeit. Das sehen wir ja gerade beim HSV. In einer Saison ist das kaum zu leisten, es dauert eben, bis eine neu formierte Mannschaft perfekt funktioniert und harmoniert. Hinzu kommt, und diese Erfahrung hat auch HSV-Sportchef Frank Arnesen in diesem Winter machen müssen, dass auf dem Transfermarkt das wirtschaftlich sinnvolle Abgeben von Spielern schwieriger geworden ist. Der ganze südeuropäische Raum ist aufgrund der Finanzkrise inzwischen so gut wie weggebrochen. Dadurch fehlt einfach Geld im Kreislauf. Für den VfL Wolfsburg bedeutete dieser Umstand, dass Spieler, die ausgeliehen waren, nicht verkauft werden konnten und auch andere Spieler, die man gern abgegeben hätte, keinen Abnehmer fanden. Das hat den Prozess der Teambildung zusätzlich erschwert.

Nach Ihrem Abschied aus Wolfsburg wurde das Modell Magath, Trainer und Manager in Personalunion, für gescheitert erklärt. Ist es gescheitert?

Magath: Erzählen Sie mal in England, das Trainer-Manager-Modell sei gescheitert. Da werden Sie ausgelacht. Ich will das, was ich verantworte, auch entscheiden können. Das geht aber nur, wenn die gesamte Verantwortung für die Mannschaft in einer Hand liegt. Wenn in einem Fußballverein etwas schiefläuft, wird immer nur der Trainer entlassen. Nie der Manager. Das ist für den Verein die bequemste Lösung. Wenn es aber einen Manager geben sollte, der auch für sich die sofortigen Konsequenzen zieht, wenn er den Trainer entlässt, wäre ich bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Wenn Sie alle Macht auf Ihre Person bündeln, fehlt Ihnen da manchmal nicht das nötige Korrektiv?

Magath: Es geht mir dabei nie um die Macht für meine Person, sondern um die Verantwortung für den Verein. So war es auch bei meinem Engagement auf Schalke. Wir hatten einen Vierjahresplan verabredet. Der Auftrag an mich war, nach Platz neun und über 30 Millionen Euro Verlust aus der Vorsaison, Mannschaft und Verein neu aufzustellen. Nachdem wir mit dem Verein im ersten Jahr Vizemeister geworden sind, wurden diese Pläne über den Haufen geworfen. Plötzlich wollte man doch nicht mehr so viel ändern. Es lief ja wieder gut. Im Übrigen arbeite ich stets mit einem Team zusammen, dort herrscht ein regelmäßiger Meinungsaustausch. Ich habe hervorragende Mitarbeiter, die mich unterstützen.

Wer wird Ihr neuer Verein?

Magath: Über meine Zukunft habe ich bislang keine Entscheidung getroffen.

Haben Sie Angebote?

Magath: Es gab schon vor der Winterpause Anfragen, auch aus der Bundesliga. Aber ich werde mitten in der Saison keinen Job mehr übernehmen.

Sie sind trotz des jüngsten Rückschlags der erfolgreichste Bundesliga-Trainer der vergangenen zwölf Jahre. Welche Aufgabe reizt Sie noch?

Magath: Da ich immer hohe Ziele habe, für meinen Verein den maximalen Erfolg will, muss ich auch Risiken eingehen. Ich scheue keine Herausforderung und laufe nicht vor Schwierigkeiten weg. Je komplexer die Aufgabe, desto mehr reizt sie mich.

Als Experte kommentieren Sie derzeit für "Liga total!" die Bundesliga. Was sagt der Experte Magath zum HSV?

Magath: Der Umbruch ist noch nicht gänzlich vollzogen, dadurch mangelt es häufig an Konstanz, Sicherheit und Selbstvertrauen. So kommen auch unterschiedliche Auftritte wie beim 4:1 in Dortmund und beim 1:5 in Hannover heraus, wobei die Leistung in Hannover nicht so schlecht war, wie sie hinterher gemacht wurde. Und in Dortmund ist der HSV, auch das gehört zur Wahrheit, nicht auf einen Gegner in Bestform getroffen, dem nach dem Platzverweis von Lewandowski zudem ein Eckpfeiler seines Spielsystems weggebrochen war.

Kann sich der HSV in dieser Saison erstmals nach drei Jahren wieder für einen europäischen Wettbewerb qualifizieren?

Magath: Uneingeschränkt ja! Aber dasselbe gilt in dieser Saison auch für elf weitere Mannschaften. Bayern München dürfte als Meister feststehen, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen als Champions-League-Teilnehmer. Dahinter hat bis auf die drei Abstiegskandidaten Augsburg, Hoffenheim und Greuther Fürth noch jedes Team die realistische Chance, am Ende zwischen Platz vier und sechs zu landen.

Ist diese Ausgeglichenheit eine Stärke oder Schwäche der Bundesliga?

Magath: Vor der Winterpause, als alle sieben Mannschaften in den europäischen Wettbewerben ihre Vorrundengruppen überstanden hatten, hätte ich ganz klar gesagt: Das ist ein Zeichen der Stärke. Nachdem jetzt drei Clubs in der Europa League ausgeschieden sind, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ein wesentlicher Punkt ist, dass Mannschaften wie Schalke, Bremen oder Stuttgart, die ich weiter vorn erwartet habe, ungewohnte Schwächen zeigen. Und dass die drei Abstiegskandidaten den Rest der Liga in noch nie da gewesener Weise mit Punkten füttern, hat ebenfalls die Zahl der Europa-League-Kandidaten beträchtlich erhöht.

Hatten Sie die Überlegenheit der Münchner in dieser Form erwartet?

Magath: Die Mannschaft ist nach meinem Ausscheiden 2007 mit mehr als 250 Millionen Euro aufgerüstet worden. Jetzt ist jede Position doppelt besetzt, die Mannschaft ist nicht mehr von der Form eines Schweinsteigers, Ribérys oder Lahms abhängig. Die Münchner spielen derzeit in Europa den besten Fußball, trotz eines FC Barcelona. Auch wenn Barça überlegen die spanische Liga anführt, das 0:2 in der Champions League beim AC Mailand und das 1:3 im spanischen Pokal gegen Real Madrid zeigen, dass das Team einen Großteils seiner früheren Dominanz eingebüßt hat. Das dürfte ein Tribut des jahrelangen Erfolges sein. Die Spieler des FC Barcelona haben im Verein und ihren Nationalmannschaften in den vergangenen Jahren so oft auf dem Platz gestanden wie kaum ein anderer Profi auf der Welt.

Brauchen diese Bayern überhaupt einen neuen Trainer?

Magath: Wenn die Bayern in dieser Saison drei Titel holen, was ich ihnen zutraue, bleibt für den Nachfolger von Jupp Heynckes im nächsten Jahr eigentlich keiner mehr übrig. Insofern haben Sie recht mit Ihrer Frage. Natürlich ist Josep Guardiola ein hervorragender Trainer, 14 Titel in vier Jahren sprechen für sich. Doch niemand sollte Wunderdinge von ihm erwarten. Selbst er wird in München Zeit brauchen, um seine Vorstellungen umzusetzen. In Barcelona konnte er auf Vereinsstrukturen bauen, die er seit Jahren kannte und die perfekt eingespielt waren. Der Star bei Barça war und ist das System.

Warum kann Borussia Dortmund in dieser Saison nicht die Rolle der vergangenen Jahre spielen?

Magath: Die Dortmunder haben nach wie vor eine sehr starke Mannschaft mit zum Teil überragenden Einzelkönnern wie Götze, Lewandowski, Hummels oder Reus. Das Team hat ebenfalls die Qualität, wenn alles passt, in den Kampf um den Champions-League-Titel einzugreifen. Aber sie haben in der Breite nicht die Qualität des Kaders eines FC Bayern. Champions League plus Bundesliga waren bereits in den vergangenen Jahren zu viel für diese noch junge Mannschaft. Jetzt hat sie in der Champions League Erfolg und in der Bundesliga weniger. Wobei ein zweiter Platz hinter diesen Bayern keinesfalls als Misserfolg zu werten ist. Die Entwicklung der Borussia beurteile ich nach wie vor als sehr positiv.

Die negative Überraschung dieser Spielzeit ist die TSG 1899 Hoffenheim. Ist die Mannschaft vor dem Abstieg zu retten?

Magath: Sie dürfte es schwerer haben als die Konkurrenz aus Augsburg. Das hat auch etwas mit Tradition und Umfeld zu tun. Bei Vereinen wie dem HSV, Schalke oder Dortmund fiebert oder zittert die halbe Stadt mit. Da lässt kaum jemanden die Entwicklung kalt, im Verein schon niemanden. Das spüren die Spieler, wenn sie auf der Massagebank liegen, wenn sie einkaufen oder ins Restaurant gehen, selbst wenn sie mit diesen Traditionen nichts im Sinn haben. Aber bei Clubs wie Hoffenheim oder auch dem VfL Wolfsburg herrscht eher eine Art "Wohlfühlklima". Die Bedingungen sind perfekt, aber das Umfeld ist zu wenig fußballinfiziert, um den Spielern den Ernst der Lage auch emotional vermitteln zu können.

Da wäre doch nächste Saison die perfekte Aufgabe für Sie, im Fall des Falles mit Hoffenheim wieder aufzusteigen.

Magath: Wäre das nicht zu einfach?