Marcell Jansen tickt ähnlich wie Thorsten Fink. Unter dem neuen Coach findet der ehemalige Nationalspieler beim HSV endlich wieder zu alter Stärke.

Hamburg. Als ihn Horst Köppel das erste Mal 1999 beobachtete, war dem ehemaligen Nationalspieler mit geschultem Trainerblick sofort klar, dass hier ein außergewöhnliches Talent vorspielte. Dabei war Köppels erste Begegnung mit Marcell Jansen eher dem Zufall geschuldet: "Eigentlich wollte ich meinem Sohn zugucken, der damals mit Marcell in der B-Jugend von Borussia Mönchengladbach spielte. Aber ich habe sofort gesehen, dass Marcell die weitaus größere Begabung hatte. Er war schnell und körperlich schon sehr gut entwickelt."

Elf Jahre später sitzt Marcell Jansen, 26, blaue Trainingshose, schwarze Jacke, auf dem Podium im Presseraum der Imtech-Arena. Vor der Tafel mit den Logos der HSV-Sponsoren spricht der Nationalspieler über die Lage des HSV im Allgemeinen und seine persönliche Situation im Besonderen. Jansen war noch nie jemand, den man zu solchen Terminen zwingen musste. Reden, das ist ohne Frage eine seiner Stärken - auch in Zeiten, wo es mal nicht so gut läuft. Doch gestern machte Jansen der Auftritt besonderen Spaß. "Ich fühle mich gut. Ich bin wieder voll im Saft", sagt er, das Kinn lässig auf die Hände gestützt.

Ein Trainerwechsel, dies ist eines der Naturgesetze der Branche, teilt eine Mannschaft immer in Gewinner und Verlierer. Zu den großen Gewinnern der Ablösung von Michael Oenning und der Verpflichtung von Thorsten Fink zählt ohne Frage Jansen. Unter Oenning bestritt er nur zwei Spiele über 90 Minuten, je zweimal wurde er aus- und eingewechselt. Fink machte den Teilzeitarbeiter wieder zur Stammkraft - Jansen verpasste unter ihm nur fünf von insgesamt 360 Bundesliga-Minuten. Auch im Spiel am Sonnabend (18.30 Uhr) bei Hannover 96 ist er gesetzt. Jansen traf sowohl in Leverkusen (2:2) als auch gegen Hoffenheim (2:0) . Damit hat er unter Fink in vier Spielen genauso viele Tore erzielt wie in der insgesamt 14 Monate währenden Ära Veh/Oenning. Das neue Offensiv-Spielsystem, erklärt Jansen, komme gerade ihm entgegen: "Wir haben mehr Ballbesitz, dadurch werden meine Laufwege kürzer."

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Findet Jansen bei seinem siebten HSV-Trainer - die Interims-Übungsleiter Ricardo Moniz und Rodolfo Cardoso eingerechnet - endlich sein Glück? Nach seinem überraschenden Wechsel für acht Millionen Euro im Sommer 2008 von Bayern München wurde er zwar sofort unter Trainer Martin Jol zur Stammkraft. Doch schon unter Nachfolger Bruno Labbadia holte ihn das Verletzungspech wieder ein. Mit Armin Veh und Michael Oenning geriet er dann auch menschlich aneinander. Beide warfen Jansen mangelnde Einsatzbereitschaft vor. Zu lange habe er wegen eines schnöden Zehbruchs pausiert.

Ein Vorwurf, den Jansen bis heute nicht akzeptiert. Er habe sich sehr wohl gequält, im Sommer sogar auf eigene Kosten in den USA mit einem Fitness-Trainer gearbeitet: "Das war mein Vor-Vorbereitungslager", sagt er. Auch Horst Köppel, der ihn in seiner Trainerzeit bei Borussia Mönchengladbach zur etablierten Stammkraft machte, hat Jansen nur positiv in Erinnerung: "Bei mir hat er sogar Sonderschichten mit dem Co-Trainer eingelegt, um seinen Antritt zu verbessern."

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Womöglich braucht Jansen auch schlicht einen Trainer wie Thorsten Fink. "Er ist ein positiver Typ", sagt Jansen. Ohne Frage ticken die beiden ähnlich: selbstbewusst, eloquent, clever. Jansen baut sich schon jetzt ein zweites berufliches Standbein auf. Bereits vor fünf Jahren gründete er die Agentur MJ GmbH. Eines der großen Projekte ist das Online-Poker-Portal "v-i-poker.de", wo man gegen Prominente antreten kann. Die Poker-VIPs akquiriert Jansen im Kollegenkreis: Virtuell werben auf der Seite Nationalspieler wie Mesut Özil oder Lukas Podolski. Zu gewinnen gibt es Bundesliga-Trikots sowie signierte Original-Shirts von der WM 2010.

Noch fehlt das aktuelle EM-Trikot. Kein Wunder, Jansen bestritt sein letztes Länderspiel vor über einem Jahr beim 1:0-Sieg am 3. September 2010 in Brüssel gegen Belgien. 36 Länderspiele sind eher enttäuschend für einen Mann, der mit 20 als eine der größten Hoffnungen im deutschen Fußball galt - inklusive Werbevertrag als Nutella-Boy. Aber Jansen glaubt weiter an seine Chance: "Ich habe die Teilnahme an der EM 2012 noch nicht abgeschrieben. Auch 2010 bin ich ja noch im letzten Moment auf den WM-Zug aufgesprungen." Positiv denken konnte Jansen schließlich schon immer.

Ein Video von der HSV-Pressekonferenz mit Trainer Thorsten Fink finden Sie unter www.abendblatt.de/hsv-pk