Verletzungspech beim Hamburger SV

Das Kreuz mit dem Band - darum leidet der HSV

Mannschaftsarzt Dr. Linewitsch sieht in den größeren Belastungen und fehlender Regeneration Ursachen schwerer Verletzungen.

Hamburg. Wenigstens das Fahren bleibt dem Fan schneller Autos erhalten. Der Automatikschaltung sei Dank. Ansonsten aber, und daraus macht Paolo Guerrero keinen Hehl, geht es dem Peruaner "nicht gut", wie er selbst sagt. Den 3:1-Erfolg seiner Kollegen gegen Stuttgart hatte er an Krücken von der Tribüne aus verfolgen müssen, den gestrigen Leistungstest absolvierte er gerade zur Hälfte. "Paolo ist trotzdem momentan sehr motiviert", sagt HSV-Mannschaftsarzt Dr. Nikolai Linewitsch, "er will möglichst schnell wieder dabei sein."



Der Riss des hinteren und der Teilabriss des vorderen Kreuzbandes werden diese jedoch zum Leidwesen des zuletzt formstärksten HSV-Angreifers verhindern. Acht bis zehn Monate Pause drohen dem HSV-Angreifer, der in den nächsten Tagen in Hamburg operiert werden soll.

Ein bitterer Ausfall. Zumal sich auch Alex Silva im Sommer-Trainingslager (ausgerutscht) und Collin Benjamin (Zusammenprall mit gegnerischem Torwart) vergangene Woche im Länderspiel mit Namibia jeweils die Kreuzbänder rissen. Liegt es an der Überbelastung? "Die Gefahr ist heute zwei- bis dreimal so groß wie noch vor 20 Jahren", weiß Dr. Linewitsch und erklärt: "Das Leistungsniveau ist massiv angestiegen und die Verletzungsgefahr durch die Spielanzahl und Intensität mehr als doppelt so groß." Dr. Linewitsch weiter: "Die Anforderungen sind so hoch wie noch nie. Das ist ein Fakt, der sich heute nicht mehr zurückdrehen lässt. Mit diesen Umständen und Risiken müssen wir uns abfinden." Zudem stufen Experten die neu entwickelten Schuhe ob ihrer starken Bodenhaftung als unkalkulierbares Risiko ein - insbesondere bei der steigenden Zahl an Spielen.


Ein weiteres Risiko sieht der Facharzt für Orthopädie in Plänen, künftig verstärkt auf Kunstrasen zu spielen: "Das würde das grenzwertige Belastungsniveau noch weiter erhöhen." Auch Trainer Bruno Labbadia versucht derzeit weniger an die Verletzungen als an Lösungen für die entstandenen Personallücken zu denken. "Es ist tragisch", so Labbadia, "die denkbar ungünstigste Konstellation so unmittelbar nach Ende der Transferperiode. Aber wir werden deswegen nicht hektisch, sondern wägen ab." Zwischen der möglichen Verpflichtung eines arbeits- und vertragslosen Spielers und der Option, mit dem vorhandenen Personal "zumindest erst mal bis zur Winterpause weiterzuarbeiten".


Das würde bedeuten, dass der HSV die 20 Pflichtspiele bis zur Winterpause mit zwei gestandenen Stürmern (Mladen Petric und Marcus Berg) sowie zwei Talenten (Tunay Torun und Tolgay Arslan) durchziehen müsste. "Wir haben momentan sehr viele, sehr intensive Spiele. Und wir sind leider noch nicht so weit, eine 2:0-Führung mit angezogener Handbremse über die Bühne zu bringen", warnt Labbadia vor einer Überbelastung seiner Spieler. Ob er sich deshalb zuletzt intensiv mit dem ehemaligen Dortmunder Ebi Smolarek beschäftigt hat? "Klar ist: Wir machen unsere Hausaufgaben", dementiert der Coach ein Interesse an dem polnischen Angreifer nicht, "aber wir wissen auch, dass wir mit einer Verpflichtung vor dem Winter nur Spieler bekommen können, die nicht international für uns spielen dürfen. Und wir dürfen eben nicht so tun, als gäbe es Tunay Torun und Tolgay Arslan nicht, die eine Chance verdient haben." Schließlich könnte man gerade die aufstrebenden Talente so nachhaltig demoralisieren.


Labbadia steckt in der Zwickmühle. Einerseits ist er nach den Ausfällen für den kurzfristigen Erfolg auf personelle Verstärkungen eigentlich angewiesen. Andererseits sollen sich die Talente beweisen können. Vieles spricht dafür, dass der HSV erst in der Winterpause wieder auf dem Transfermarkt aktiv wird. Wenn wieder Spieler mit laufenden Verträgen verpflichtet werden dürfen, was die Auswahl entschieden größer macht.

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