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Trotz EM-Trauer: Die deutsche Perspektive lautet Weltklasse

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Kai Schiller

Nachdem Deutschlands Tränen getrocknet sind, darf sich der neue Zweite der Weltrangliste auf eine rosige Zukunft freuen. Auch zwei HSVer hoffen.

Hamburg. Der Ablauf ist fast immer der gleiche. Am Abend der Niederlage: Trauer. Am Tag danach: Ärger. Zwei Tage später: Häme. Und am dritten Tag: Realismus. So waren am Freitag die Tränen noch nicht ganz getrocknet, als sich in die Analyse der deutschen Halbfinalniederlage gegen Italien die Wut über Joachim Löws Aufstellung mischte. Über diese machten sich dann am Wochenende mehr oder weniger fachkundige Ex-Titelträger wie Dieter Hoeneß mehr oder weniger fundierte Gedanken. Via "Bild am Sonntag" verkündete Herthas Ex-Manager, dass der Jogi einfach zu viel wollte: "Ich hatte das Gefühl, er will eine Doktorarbeit abliefern. Das wäre nicht nötig gewesen." Doch nachdem auch die Welle des Spots überstanden war, durfte man endlich wieder einen ernsthaften Blick in die Zukunft wagen. Und die ist allem Gerede über die titellose Generation zum Trotz: ausnahmslos glänzend.

Es ist kein Zufall, dass Deutschland bei der übermorgen veröffentlichten Fifa-Weltrangliste vom dritten auf den zweiten Platz klettern wird. Spitzenreiter bleibt - unabhängig vom gestrigen Finale - unangefochten Spanien. Doch auch die DFB-Auswahl darf als Zweitplatzierter das Prädikat Weltklasse für sich beanspruchen, nicht nur wegen ein paar Zahlen und Statistiken. Denn trotz der mehr als verdienten Halbfinalpleite gegen die Squadra Azzurra kann nach dieser EM festgehalten werden, dass keine andere europäische Mannschaft über ein derartig großes Reservoir an Spielern mit internationalem Format verfügt wie Deutschland. "Es ist klar, dass wir 2014 in Brasilien Weltmeister werden wollen", sagte Löw, dem in diesen Tagen kaum einer glauben mag. Dabei hat er diesmal, wie mittlerweile leider nur noch fast immer, völlig recht.

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Das jüngste EM-Team, das statistisch gesehen auch die erfolgreichste EM-Nation aller Zeiten ist, wird selbstverständlich in zwei Jahren neben Titelträger Spanien, Gastgeber Brasilien, den Nachbarn Argentinien und Uruguay, sowie der einen oder anderen europäischen Fußballnation wie Italien oder Portugal wieder zur Gruppe der Topfavoriten zählen. Einstige Mitkonkurrenten wie England, Frankreich und die Niederlande scheinen dagegen auf Jahre hinaus abgehängt. Und im Gegensatz zu anderen Nationen muss im DFB-Team auch kein einziger Leistungsträger aus Altersgründen aufhören - nicht mal der ewig jugendlich aufspielende Miroslav Klose, der bis 2014 eine zentrale Rolle für Deutschland spielen soll.

Löw hat das Glück, auf nahezu jeder Position in den kommenden Jahren die Qual der Wahl zu haben. So ist Torhüter Manuel Neuer, der seine Weltklasse bei dieser EM trotz sechs Gegentreffern erneut unter Beweis gestellt hat, nicht nur als unangefochtene Nummer eins gesetzt. Der Münchner hat auch die Persönlichkeit, in die Rolle des seit Donnerstag hysterisch gesuchten Leaders zu schlüpfen. Hinter ihm werden mindestens vier Torhüter versuchen, den Druck zu erhöhen. Neben den EM-Vertretern Ron-Robert Zieler und Tim Wiese sind das der hoch talentierte Marc-André ter Stegen und sogar HSV-Torhüter René Adler, dem viele eine Rückkehr in den DFB-Kreis zutrauen.

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In der Abwehr dürfte Philipp Lahm perspektivisch wie im Verein von links nach rechts rücken, was Jerome Boateng zum automatischen Herausforderer der EM-Innenverteidiger Holger Badstuber und Mats Hummels macht. Auch Arsenals Per Mertesacker dürfte nach seiner Genesung wieder angreifen, zudem werden Leverkusens Neuzugang Philipp Wollscheid Ambitionen unterstellt. Vor allem aber Hummels, der vor seinem Fehler im Halbfinale ein herausragendes Turnier gespielt hat, dürfte wie alle Dortmunder durch die erneuten Auftritte in der Champions League nochmal an Routine gewinnen. Ob Kapitän Lahm dagegen mehr als nur ein herausragender Fußballer sein wird, muss nach dieser EM bezweifelt werden. Zudem bleibt als Schwachstelle der zukünftigen Auswahl die Position des Linksverteidigers vakant, was für Hamburgs Dennis Aogo eine echte Chance sein kann. Wenn es der HSV-Profi schafft, sich nach seinen wechselhaften Leistungen in der vergangenen Saison deutlich zu steigern, könnte er in den löwschen Zukunftsgedanken wie Dortmunds Marcel Schmelzer zumindest eine Nebenrolle spielen.

Definitiv eine Hauptrolle soll weiterhin Sami Khedira übernehmen. Der Madrilene hat den Sprung vom Stamm- zum Führungsspieler geschafft. Eine ähnliche Rolle will auch Bastian Schweinsteiger wieder beanspruchen. Für den Münchner könnte die WM 2014 bereits die letzte Möglichkeit sein, den Makel des ewigen Zweiten abzulegen. Weiterhin nur Herausforderer im zentralen Mittelfeld werden Toni Kroos, Lars und Sven Bender, sowie Ilkay Gündogan sein, dazu könnte sich auch noch Dortmunds Moritz Leitner gesellen.

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Die nach wie vor größte Auswahl hat Löw zweifelsohne im offensiven Mittelfeld, wo einzig und allein Real Madrids Mesut Özil gesetzt bleibt. Der Deutsch-Türke ist zu introvertiert, um eine Führungspersönlichkeit zu werden, hat aber trotzdem das Zeug dazu, in Spanien zum Weltstar zu reifen. An seiner Seite müssen sich mit Thomas Müller und dem bei dieser EM restlos enttäuschenden Lukas Podolski den härtesten Konkurrenzkampf stellen. Marco Reus und ein gesunder Mario Götze werden sich langfristig nicht mit der Rolle der Super-Joker zufrieden geben. Auch Leverkusens André Schürrle könnte Podolski im linken Mittelfeld ablösen, zudem drängen Spieler wie die beiden Schalker Julian Draxler und Lewis Holtby nach.

Nur im Sturm bleibt Löw im Hinblick auf die WM 2014 die Qual der Wahl erspart. Klose und Mario Gomez werden nahezu konkurrenzlos um den Stammplatz im Angriff kämpfen, ein weiterer Angreifer mit internationalem Format ist neben den beiden derzeit nicht in Sicht. Einzig Dortmunds 5,5-Millionen-Neuzugang Julian Schieber könnte mit der neuen Aufgabe beim deutschen Meister weiterwachsen.

+++ Debatte: Gut, dass der Rausch verflogen ist +++

Quantitativ ist die Qualität in Deutschland wie bei keiner anderen Nation Europas vorhanden. Lediglich Brasilien und Argentinien haben ein ähnliches Reservoir an Talenten zur Verfügung. Allerdings hat die gestern zu Ende gegangene EM einmal mehr als deutlich gezeigt, dass Erfolg nicht nur eine Sache von Qualität oder Quantität ist. Entscheidend im Kampf um einen historischen Erfolg bleiben Faktoren wie Willensstärke und Mentalität. Zudem muss auch das Trainerteam um Löw beweisen, dass es geeignete Lösungswege aufzeigen kann, für die Problemstellung, dass nahezu alle DFB-Gegner defensiv agieren werden.

Deutschlands um zwei Jahre gereifte Fußballelite hat allen Unkenrufen zum Trotz auch bei der Weltmeisterschaft 2014 gute Chancen, den ersehnten Titel zu holen. Mindestens genauso groß ist die Chance, erneut auf dem langen Weg dorthin zu scheitern. Es kann - drei Euro ins Phrasenschwein - nunmal nur einen Sieger geben.