Nach EM-Aus gegen Italien

Joachim Löw: Der entzauberte Bundestrainer

Lesedauer: 7 Minuten
Kai Schiller

Der Mann, der immer alles richtig macht, lag gegen Italien ziemlich daneben. Erstmals richtete Löw das eigene Dominanzspiel am Gegner aus.

Warschau. Joachim Löw wollte ein fairer Verlierer sein. Direkt nach dem Schlusspfiff am späten Donnerstagabend machte sich der Bundestrainer auf den Weg zur italienischen Auswechselbank. Mit kurzen Schritten ging er Meter um Meter, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte Cesare Prandelli zu erspähen. Doch nicht mal die grau melierten Haare von Löws Trainerkollegen waren in der Traube von jubelnden und hüpfenden Italienern zu orten, sodass Löw nach ein paar Sekunden des Überlegens schließlich den geordneten Rückzug antreten musste. An diesem Abend, so schien es das Drehbuch des erneuten Halbfinaldramas vorgesehen zu haben, sollte für den Badener nahezu alles schiefgehen.

"Was hätte anders laufen können, was hätte man anders machen können? Natürlich wird jetzt viel über die Aufstellung diskutiert", sagte der Bundestrainer am nächsten Tag. Er stand während des Rückflugs von Warschau nach Frankfurt zwischen Reihe 34 und 35 und verteidigte die Mannschaft, die "trotz allem ein gutes Turnier gespielt hat. Ein sehr gutes Turnier." Zu einem herausragenden Turnier, das den Deutschen noch nach der WM 2010 attestiert wurde, fehlte aber sowohl der Mannschaft als vor allem auch dem gegen Italien so glücklosen Bundestrainer die entscheidenden Prozente. Das 1:2 gegen die Squadra Azzurra, das dürfte sich Löw bei der Aufarbeitung der für ihn wohl bittersten Niederlage als Bundestrainer in ein paar Tagen eingestehen, war zu verhindern gewesen. Doch der Mann, der immer alles richtig macht, hatte an diesem schwül-warmen Abend von Warschau ganz einfach zu viel falsch gemacht.

Löws Plan, mit der überraschenden Hereinnahme von Toni Kroos das zentrale Mittelfeld zu dominieren und Italiens alternden Strategen Andrea Pirlo zu entzaubern, war nach insgesamt 94 Minuten nicht nur grandios gescheitert. Es war eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Strategie gewesen. Erstmals überhaupt bei dieser EM richtete der 52-Jährige, der in den vergangenen Wochen immer betont hatte, genau dies nicht tun zu wollen, das eigene Dominanzspiel am Gegner aus. Zugunsten von Kroos, Lukas Podolski und Mario Gomez nahm Löw mit Marco Reus, André Schürrle und Miroslav Klose Geschwindigkeit, Beweglichkeit und auch Spielverständnis aus der Startelf, die fünf Tage zuvor gegen defensiv eingestellte Griechen im Viertelfinale teilweise noch brilliert hatte.

+++ Debatte: Gut, dass der Rausch verflogen ist +++

Während des Flugs erklärte Löw noch einmal seine Überlegungen: "Weil Italien über die linke Seite eigentlich nur defensive Spieler hatte, wollte ich, dass Jerome Boateng ein wenig nach vorne rückt und die Abwehr ein bisschen auflöst. Am Anfang waren wir schon ganz gut im Spiel. Mit Toni Kroos und Mesut Özil hatten wir zwei zentrale offensive Spieler, zwei Zehner. Das war meine Idee. Das ist nicht zu 100 Prozent aufgegangen. Ich denke, dass die Idee, Pirlo und De Rossi mit zwei zentralen Spielern zu stören, auch nicht so schlecht war." Und die Gegentore hätten in ihrer Entstehung nichts mit der Aufstellung zu tun gehabt.

Sein Kollege Prandelli hingegen freute sich nach dem Sieg darüber, dass es "für uns ein Vorteil war, dass wir immer einen freien Mann im Mittelfeld hatten". Denn statt Pirlo war es viel mehr Mesut Özil, der immer wieder von der Mitte nach rechts außen ausweichen musste und so aus dem Spiel genommen wurde.

+++ Das EM-Aus - woran lag's? Ihre Meinung gefragt +++

Ausgerechnet Löw, dem bislang ein geradezu magisches Händchen bei seinen taktischen Umstellungen nachgesagt wurde, ließ sich auf diese Art und Weise entzaubern. Hatte sich der Wahl-Freiburger nach den Erfolgen in Serie ganz einfach überschätzt? Löw überraschte bereits vor dem Eröffnungsspiel gegen Portugal mit seiner Entscheidung, Gomez und Mats Hummels statt Miroslav Klose und Per Mertesacker aufzustellen.

Gomez traf zum 1:0, Hummels überragte in der Abwehr, Löw wurde gefeiert. Das war auch nicht anders, als der Fußballlehrer nach den drei gewonnenen Vorrundenspielen im Viertelfinale das Wagnis einging, sein Team gleich auf vier Positionen zu tauschen. Never change a winning team? Von wegen! Diesmal trafen die hereingenommenen Klose und Reus. Und bejubelt wurde erneut Löw. "Er kann einwechseln, wen er will. Es klappt einfach immer", lobte Gomez seinen Trainer, der sich sogar dazu hinreißen ließ, nach dem 4:2-Sieg gegen Griechenland seine "Glückshände" in Wort und vor allem Bild öffentlich erklären zu lassen. Der Star des Teams, das schien allgemeiner Konsens zu sein, war der Trainer.

+++ Info: Philipp Lahm ist nun alleiniger Rekordhalter +++

Dass es nun ausgerechnet "Jogi Superstar" war, dem die Fäden beim Halbfinale aus dem einstigen Goldhändchen glitten, war folglich umso erstaunlicher. "Nach einem solchen Spiel ist einfach Leere und Stille", sagte Oliver Bierhoff, dem die Enttäuschung noch lange nach dem Schlusspfiff anzusehen war. "Man plant eine EM zwei Jahre lang, man denkt sich 1000 Dinge aus, man kümmert sich um jedes Detail, und dann scheint es natürlich in einem solchen Moment nutzlos."

Nun wäre es ungerecht, ja vermessen, Löw wegen dieser einen Pleite grundsätzlich infrage zu stellen. Der Weg, den der frühere Assistent von Jürgen Klinsmann mit seiner Mannschaft seit der WM 2006 gegangen ist, bleibt zweifelsohne der richtige. Platz zwei bei der EM 2008 folgte Platz drei bei der WM 2010. Und so schmerzhaft das erneute Aus gegen Italien auch war, so sehr darf man sich auch über das vierte Halbfinale in Folge freuen.

"Ich denke, wir sollten nicht zu viel infrage stellen", antwortete Löw, als er gefragt wurde, ob er seinen Vertrag bis 2014 erfüllen werde. "Unser Weg und die Dinge, die wir gemacht haben, waren schon sehr gut. Jetzt muss man aber erst mal ein bisschen Abstand gewinnen, um zu sehen, welche neuen Reize und Möglichkeiten da sind." Und zum Fußball gehöre eben auch eine Niederlage dazu. Eine Niederlage, die mit Sicherheit zu verhindern gewesen wäre.