4:2 im Elfmeterschießen

Harts Grimassen-Show nutzlos - Italien gewinnt den Krimi

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Englands Torhüter versuchte, das Elfer-Trauma wegzukaspern. Doch sein Versuch, die italienischen Schützen zu irritieren, misslang gründlich.

Kiew. Deutschlands Halbfinalgegner bei der Fußball-Europameisterschaft heißt Italien. Im letzten Viertelfinalspiel setzte sich das Team von Cesare Prandelli in Kiew mit 4:2 im Elfmeterschießen durch. Damit kommt es am Donnerstag in Warschau (20.45 Uhr; ARD) zur Neuauflage des WM-Halbfinales von 2006 - damals siegte der spätere Weltmeister Italien mit 2:0 nach Verlängerung.

Auch dieses Elfmeterschießen war ein Krimi. Mario Balotelli und Steven Gerrard trafen sicher, dann aber schoss Riccardo Montolivo den Ball neben das Tor. Die Engländer träumten schon vom Halbfinale, als Wayne Rooney auf 2:1 erhöhte. Doch Andrea Pirlo hielt die Italiener mit einem aufreizend lässig geschossenen Elfmeter im Rennen. Und dann traf Ashley Young nur die Latte und Italiens Torwart Gianluigi Buffon wehrte den Versuch von Ashley Cole ab. Dagegen verwandelte Antonio Nocerino sicher und Alessandro Diamanti behielt die Nerven und schoss Italien zum Sieg. Die Show von Englands Torhüter Joe Hart, der vor jedem Duell mit aberwitzigen Grimassen versuchte, den italienischen Schützen zu verunsichern, hatte somit ihren Zweck verfehlt.

Der Sieg im Elfmeterschießen ist ein Ergebnis, das zwar glücklich, aber vom Spielverlauf der vorangegangenen zwei Stunden hoch verdient war. "Wir haben ein fantastisches Spiel gegen eine Mannschaft hingelegt, die nur schwer zu bezwingen war", sagte Italiens Trainer Prandelli. "Erst genießen wir jetzt den Erfolg - und dann denken wir an Deutschland."

Die 28. Partie dieser Titelkämpfe war zugleich die erste, die nach 90 Minuten torlos unentschieden endete.

Vor dem "Duell der Diven" mit Mario Balotelli hatte Wayne Rooney getönt: "Wir sind hier, um die EURO zu gewinnen." Und auch die englische Fußball-Legende Sir Bobby Charlton war vor dem Spiel ausgesprochen optimistisch. "Wenn wir das Spiel gewinnen, dann können wir alles gewinnen", sagte der Weltmeister von 1966. Um erst mal dieses Spiel zu gewinnen, schickte Teammanager Roy Hodgson zunächst jene Mannschaft auf das Spielfeld im Olympiastadion von Kiew, die Gastgeber Ukraine nach dem "Torklau" von Donezk im letzten Gruppenspiel glücklich mit 1:0 besiegt hatte.

Italiens Trainer Cesare Prandelli dagegen ging auf Risiko. Neben Leonardo Bonucci für den verletzten Giorgio Chiellini in der Abwehr sowie Riccardo Montolivo für den angeschlagenen Thiago Motta vertraute er von Beginn an auf Mario Balotelli. Der Angreifer ist den Engländern bestens bekannt - er spielt beim Meister Manchester City und ist in zwei Jahren Premier League dort schon fünfmal vom Platz geflogen.

Das Spiel ließ sich gut an, bald hatte es mehr hochkarätige Torchancen gegeben als am Abend zuvor in den gesamten 90 Minuten zwischen Spanien und Frankreich.

Erst drehte sich ein Linksschuss aus 25 Metern von Daniele de Rossi an den Pfosten (3.), Torhüter Hart wäre chancenlos gewesen. Nach knapp drei Minuten hatten die Engländer das erste Mal den Ball unter Kontrolle, kurz darauf schoss Glen Johnson aus sechs Metern, Gianluigi Buffon rettete mit einem Reflex.

+++ Italien: Allen Umständen zum Trotz +++

Abwarten gehörte offensichtlich nicht zu den taktischen Anweisungen beider Trainer. Von Beginn an galt für beide Mannschaften die Devise: voller Einsatz und den Ball so schnell wie möglich nach vorn, schnörkellos, möglichst direkt. Vor allem die Engländer machten Druck, spielten variabel und mit Herz, oft über Außenverteidiger Johnson, der die linke Seite der Squadra Azzurra beschäftigte. Prandelli wirkte nervös, gestikulierte wild. Hodgson saß ruhig auf der Bank. Mario Balotelli hatte seine erste große Chance in der 25. Minute. Kurz vor der Strafraumgrenze erreichte ihn ein wunderschöner Pass von Andrea Pirlo, dem 33 Jahre alten Strategen der Azzurri, doch Balotelli überlegte zu lange. John Terry grätschte gerade noch rechtzeitig dazwischen, ehe der Italiener den Ball lupfen konnte. Nur sieben Minuten später schoss Balotelli artistisch aufs Tor, allerdings zu harmlos. Insgesamt ließ er ein halbes Dutzend Möglichkeiten liegen.

Und dann war da noch Wayne Rooney: Er wurde vom ehemaligen Wolfsburger Andrea Barzagli gut überwacht, legte Sturmpartner Danny Welbeck allerdings einen gefährlichen Schuss auf, der knapp über Buffons Tor ging (32.). Am Ende baute Rooney ab und war in der Nachspielzeit kaum noch zu sehen.

In der Verlängerung spielten die Italiener, die eigentlich müde schienen, hoch überlegen. Dem Übergewicht an ballsicheren Strategen im Mittelfeld konnten die taktisch unterlegenen Engländer wenig entgegensetzen. Sie verlegten sich darauf, es gerade noch ins Elfmeterschießen zu retten. So traf Alessandro Diamanti in der 100. Minute zum zweiten Mal für die Italiener den Pfosten und setzte den Ball ein paar Minuten später knapp neben das Tor. Ein Kopfballtor von Antonio Nocerino in der 115. Minute wurde wegen Abseits nicht anerkannt.

Englands Abwehrchef John Terry vom FC Chelsea setzte sich das eine ums andere Mal in letzter Sekunde als Retter in Szene. Aber es blieb dabei: Joe Hart hielt seinen Kasten sauber. Bis zum Elfmeterschießen. Denn da setzte sich das englische Trauma fort. Zum sechsten Mal in sieben Duellen verloren die Briten ein Elfmeterschießen bei einem großen Turnier.

Statistik

England: Hart/Manchester City (25 Jahre/22 Länderspiele) - Johnson/FC Liverpool (27/40), Terry/FC Chelsea (31/77), Lescott/Manchester City (29/20), Cole/FC Chelsea (31/98) - Milner/Manchester City (26/30) ab der 61. Walcott/FC Arsenal (23/5), Gerrard/FC Liverpool (32/96), Parker/Tottenham Hotspurs (31/17) ab der 94. Henderson/FC Liverpool (22/1), Young/Manchester United (26/25) - Rooney/Manchester United (26/76) - Welbeck/Manchester United (21/9) ab der 60. Carroll/FC Liverpool (23/3). - Trainer: Hodgson

Italien: Buffon/Juventus Turin (34 Jahre/118 Länderspiele) - Abate/AC Mailand (25/4) ab der 90.+1 Maggio/SSC Neapel (30/1), Barzagli/Juventus Turin (31/31), Bonucci/Juventus Turin (25/18), Balzaretti/US Palermo (30/10) - Pirlo/Juventus Turin (33/87) - Marchisio/Juventus Turin (26/24), Montolivo/AC Florenz (27/2), De Rossi/AS Rom (28/76) ab der 80. Nocerino/AC Mailand (27/1) - Balotelli/Manchester City (21/12), Cassano/AC Mailand (29/33) ab der 78. Diamanti/FC Bologna (29/1). - Trainer: Prandelli

Schiedsrichter: Pedro Poenca (Portugal)

Elfmeterschießen: 0:1 Balotelli, 1:1 Gerrard, Montolivo schießt neben das Tor, 2:1 Rooney, 2:2 Pirlo, Young schießt an die Latte, 2:3 Nocerino, Buffon hält gegen Cole, 2:4 Diamanti

Zuschauer : 64.340

Beste Spieler: Terry, Lescott - Pirlo, Marchisio

Gelbe Karten: - Barzagli, Maggio

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( (HA) )