Hamburg

„Jetzt muss Klopp auch einmal was gewinnen“

Erik Meijer

Erik Meijer

Foto: imago sportfotodienst / imago/Future Image

Der frühere HSV-Profi Erik Meijer analysiert vor dem Champions-League-Achtelfinal-Hinspiel zwischen Liverpool und Bayern die Mannschaften.

Hamburg.  Erik Meijer kann sich noch genau an den Moment 1999 erinnern, als ihn Gérard Houllier anrief, damals Manager beim FC Liverpool. „Da hatte ich eine Gänsehaut“, sagt der heute 49-Jährige, der damals für Bayer Leverkusen spielte, übrigens gemeinsam mit dem heutigen Bayern-Trainer Niko Kovac.

Doch die Konkurrenz in seinem absoluten Lieblingsclub mit Michael Owen und Robbie Fowler erwies sich als zu groß. Nach eineinhalb Jahren verließ der Niederländer (über die Zwischenstation Preston North End) die Insel wieder und wechselte zum HSV, wo er bis 2003 auf 58 Pflichtspiele (elf Tore) kam. „Ich hatte eine herrliche Zeit in Hamburg. Mit 30 Jahren weißt du dir deine Kräfte besser zu verteilen und bist in der Lage, das Leben ein bisschen mehr zu genießen, gerade in dieser Stadt.“ Heute arbeitet Meijer als Fußball-Experte beim TV-Sender Sky und ist natürlich auch beim Achtelfinalhinspiel in der Champions League zwischen dem FC Liverpool und Bayern München (21 Uhr, Sky live) im Einsatz.

Herr Meijer, Sie kennen das legendäre Anfield in Liverpool. Lässt sich selbst eine erfahrene Mannschaft wie die Bayern noch von dieser Atmosphäre beeindrucken?

Erik Meijer:Davon bin ich überzeugt! Es ist einfach Kult, dort zu spielen. Auch wenn das ganze Stadion gegen dich ist: Es muss doch ein herrliches Gefühl sein, auf diesen Rasen zu laufen. Viele Spieler besitzen die Fähigkeit, diese Atmosphäre in positive Energie zu verwandeln, davon gibt es auch bei Bayern einige.

Wer ist für Sie favorisiert?

Meijer: Liverpool verfügt über etwas mehr Qualität. In der Mannschaft gibt es Spieler mit viel Tempo, die den Bayern in jedem Spiel Probleme bereiten können. München hat sich zuletzt unglaublich viele Konter eingefangen.

Warum sind die Bayern denn defensiv anfälliger geworden?

Meijer: Ganz einfach: Weil die Spieler hinten älter geworden sind und sich der Fußball in den vergangenen fünf Jahren weiterentwickelt hat, das Tempo immer wichtiger geworden ist. Nicht umsonst suchen die Bayern für die neue Saison schnelle Spieler für die Außenpositionen. Der halbe Laden steht bei München in Flammen, wenn Ribéry, Robben und Coman verletzt sind – weil man weiß, dass man über diese Positionen Spiele gewinnen kann.

Sie waren früher Angreifer – für welchen Spieler der beiden Teams schlägt Ihr Herz?

Meijer: Bei Liverpool ist es das Trio mit Salah, Firmino und Mané. Salah ist natürlich einzigartig in seiner Art und wie er gelernt hat, seine Schnelligkeit gut einzusetzen. Jürgen Klopp hat noch einmal zehn Prozent mehr aus ihm rausgekitzelt als seine Vorgänger, er ist förmlich explodiert. Wenn du so viele Tore erzielst, in der Premier League und auch international, dann bist du ein ganz Großer.

Und bei den Bayern?

Meijer: Für mich ist Robert Lewandowski noch immer der Mann, der entscheidet, ob Bayern sehr weit kommt oder nicht.

Ist die jüngste Kritik ungerechtfertigt?

Jürgen Klopp: Die Bayern sind ein großer Club!

Meijer: Für einen Stürmer ist es nicht verkehrt, wenn er mal ein bisschen gekitzelt wird. Stürmer wie Lewandowski wollen immer zeigen, wie gut, wie wichtig sie sind. Wenn sie abwinken, sind sie eher mit sich selbst unzufrieden. Am Ende werden sie aber daran gemessen, wie viele Striche hinter ihrem Namen stehen.

Sie haben mit Niko Kovac in Leverkusen und beim HSV gespielt ...

Meijer: ... und gehörten auch zur Kartenrunde, gemeinsam mit seinem Bruder Robert, Ulf Kirsten und Jan Heintze. Wir haben sehr viel gemeinsam unternommen, saßen immer zusammen auf dem Zimmer.

Hätten Sie damals gedacht, dass er einmal Trainer wird?

Meijer: Absolut. Niko konnte schon als Spieler lange über Szenen und Situationen diskutieren, um das Beste herauszuholen. Selbst dann noch, als wir schon abgewinkt und gesagt haben: hör auf, Niko, ist gut so. Das zeigt auch seinen Drang zum Perfektionismus.

Trauen Sie ihm zu, dass er längerfristig in München bleibt?

Meijer: Ich hoffe es für ihn, aber dafür muss er gemeinsam mit seinem Trainerteam die richtigen Entscheidungen treffen. Ich weiß auch, dass er eine Person ist, die gerne mit anderen diskutiert, auch mit seinen Assistenten. Ich würde ihm den Erfolg gönnen. Ab und zu schicken wir uns Nachrichten. Ich mache ihm auch mal Mut, wenn es gerade nicht so gut läuft. Das ist für mich normal, wenn man so eine intensive Zeit miteinander verbracht hat

Warum passen Liverpool und Jürgen Klopp so gut zusammen?

Meijer: Weil sie in Liverpool einen im positiven Sinne so bekloppten Trainer gut gebrauchen können. Er passt zur Fußballkultur der Stadt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass er einen Freibrief bekommen hat, um zu investieren und die Mannschaft nach seinen Wünschen zu verstärken. Jetzt, nach den vielen Jahren des Investments, muss er auch einmal was gewinnen.

Liverpool hatte zuletzt zehn Tage Pause und flog ins Trainingslager in die Sonne nach Spanien. Ein Vorteil?

Meijer: Natürlich ist es ein Luxus, wenn du mit deinem Kader in Ruhe Dinge einstudieren kannst. Klar, als Spieler möchtest du lieber jeden Sonnabend die Schuhe schnüren und spielen, im Rhythmus bleiben. Aber die Liverpooler haben schon früher gezeigt, dass sie nicht viel Zeit benötigen, um wieder in diesen gewünschten Rhythmus zu kommen. Und noch etwas: Wenn du am Wochenende nicht spielst, kannst du auch niemanden enttäuschen.

Sie spielen auf den wenig überzeugenden Auftritt der Bayern in Augsburg an (3:2). Was würden Sie Niko Kovac taktisch empfehlen?

Meijer: Die Bayern wären sicher gut beraten, etwas tiefer zu stehen, um den schnellen Liverpoolern nicht den Raum zu geben, schnell zu werden.

Wer kommt weiter?

Meijer: Ich bin von Kindheit an Liverpool-Fan, mein großes Vorbild war Ian Rush mit seinen halbhohen Stutzen und nicht Karl-Heinz Rummenigge, was nichts gegen die Bayern sagen soll. Deshalb hoffe ich, dass es Liverpool schafft.