Nach Gauland-Eklat

Hamburger lobt Ex-Nachbar Boateng und greift Gauland an

Stets höflich und nett: Jérôme Boateng wohnte zwischen 2007 und 2010 in Hamburg

Stets höflich und nett: Jérôme Boateng wohnte zwischen 2007 und 2010 in Hamburg

Foto: Witters

Exklusiv im Video: Miniatur-Wunderland-Gründer Braun wohnte mit Boateng zu dessen HSV-Zeit unter einem Dach und berichtet darüber.

Hamburg/München. Die Reaktionen der Nachbarn fallen eindeutig aus: Während sich AfD-Vize Alexander Gauland mit seiner Aussage über Jérôme Boateng beim Großteil der Menschen im Wohnort des Politikers ins Abseits gestellt zu haben scheint, sind aktuelle und frühere Bewohner aus den Vierteln des deutschen Fußball-Nationalspielers voll des Lobes über Boateng.

"Ich habe selten einen höflicheren, netteren und vor allem lustigeren Nachbarn gehabt als ihn", schrieb etwa Frederik Braun auf Facebook. Der Gründer der Hamburger Modelleisenbahn-Attraktion Miniatur Wunderland hat mit Boateng in demselben Haus gewohnt, als der spätere Weltmeister zwischen 2007 und 2010 in Diensten des HSV stand. Auch ein weiterer ehemaliger Hamburger Fußball-Profi wohnte nach Abendblatt-Informationen zu dieser Zeit in dem Mehrfamilienhaus in Winterhude.

Gegenüber dem Abendblatt bekräftigte Braun seine Aussagen. "Boateng hat als Nachbarn von mir zwischen 2009 und 2010 bei uns im Haus gewohnt und es war eine super Zeit." Der Abwehrspieler habe immer nett gegrüßt und sei "immer zum Plausch bereit" gewesen. Und das, obwohl Braun als HSV-Fan "auch mal genervt" habe. "Gerade als so junger Typ. Als ich 20, 21 war, war ich anders drauf." Der Chef des Miniatur Wunderlands hätte Boateng auch, wenn er nicht für den DFB gespielt hätte, "als besonders nett empfunden". Gauland habe sich hingegen durch seine Beleidigung selbst ins Aus geschossen. "Er ist der einzige wirklich nie zu akzeptierende Nachbar in Deutschland – und das wird er zu spüren bekommen, da bin ich mir sicher."

Gauland-Nachbarn fühlen sich unwohl

Gauland hingegen wollte Braun nicht als Nachbarn haben: "Dann würde ich ausziehen!", schreibt der Unternehmer weiter. Mit dieser Meinung steht der engagierte Hamburger nicht alleine da. In einer Umfrage der Funke Mediengruppe in der Nähe des Wohnorts von Alexander Gauland am Heiligen See in Potsdam äußerten sich Anwohner kritisch über die Anwesenheit des Politikers.

"Es macht mir keinen Spaß, mit ihm zusammenzuwohnen", sagte unter anderem ein unmittelbarer Nachbar Gaulands. Er möchte nicht mit jemandem in einem Haus wohnen, der solche Ansichten hat. "Es gab bereits ein Treffen mit den restlichen Mietern, da sich Herr Gauland zu einem Vorfall einfach nicht geäußert hat. Die Mieterschaft steht ihm gespalten gegenüber."

Positive Urteile in München-Grünwald

In Boatengs aktueller Nachbarschaft im Münchener Stadtteil Grünwald wiederum, in der sich die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) umgehört hatte, gibt es ähnlich wie in Hamburg ausschließlich positive Kommentare über den Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers. Der Tenor: Boateng sei ein ganz normaler Mensch, auf dem Boden geblieben, die wilden Partys feierten eher andere.

AfD-Vorsitzende Petry entschuldigt sich

Gauland hatte am Wochenende mit Interview-Äußerungen über Boateng für Empörung gesorgt. Die FAS zitierte ihn mit den Worten: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Gauland bestritt später, sich über Boateng geäußert zu haben.

Das schreibt die Presse über Gaulands Boateng-Äußerung

Nach der Kritik entschuldigte sich AfD-Chefin Frauke Petry bei Boateng "für den Eindruck, der entstanden ist" und verwies auf Erinnerungslücken Gaulands. Dieser verteidigte sich zunächst, er habe in einem vertraulichen Hintergrundgespräch mit der Zeitung nur "die Einstellung mancher Menschen beschrieben". Dem widersprach die FAS. Am Abend räumte Gauland in der ARD ein, Boatengs Name möge gefallen sein.

Boateng findet die Äußerungen "traurig"

Boateng selbst hat Gaulands Äußerungen über ihn als "traurig" bezeichnet. "Kann ich nur drüber lächeln. Ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt", sagte er nach dem Länderspiel gegen die Slowakei (1:3) am Sonntagabend in der ARD. Es habe im Stadion aber "auch genug positive Antworten" gegeben. Zu sehen war in der Tat unter anderem ein großflächiges Transparent mit der Botschaft "Jérôme, sei unser Nachbar!".

Sami Khedira, der die deutsche Mannschaft am Sonntag in Augsburg als Kapitän aufs Feld geführt hatte, verurteilte das Gauland-Zitat ebenfalls. "Das ist unverschämt“, sagte der Mittelfeldspieler. "Wir als Nationalspieler leben das moderne Deutschland wie keine anderen“, ergänzte er.

Merkel findet den Satz "niederträchtig"

Am Montag musste der AfD-Politiker weitere Schelte einstecken, allen voran durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Der Satz, der da gefallen ist, ist ein niederträchtiger und ein trauriger Satz“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin auf die Frage eines Journalisten, wie Merkel den FAS-Bericht über Gauland bewerte. Seibert sagte: "Jérôme Boateng hat es selbst auf den Punkt gebracht, als er gesagt hat: Traurig, dass so etwas heute noch vorkommt.“ Die Fußballnationalmannschaft habe "wunderbar“ reagiert mit einem Video unter dem Titel "Wir sind Vielfalt.“

Seehofer und Bouffier kritisieren Gauland

Gauland habe sich mit seiner Äußerung "total disqualifiziert auf der politischen Bühne“, sagte CSU-Chef Horst Seehofer vor einer Vorstandssitzung seiner Partei in München. "Es ist erbärmlich, wie er sich da präsentiert. Ich glaubte eigentlich, so etwas wäre in Deutschland nicht mehr möglich.“ CDU-Vize und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sagte über Gauland: "Ich hoffe, dass mancher jetzt auch merkt, welche Kameraden da das Sagen haben."

Forscher sieht gezielte AfD-Taktik

Der Rechtsextremismusforscher Alexander Häusler sieht in Gaulands abfälligen Äußerungen derweil eine gezielte Strategie der AfD. Gauland habe bewusst an der "rechtspopulistischen Eskalationsschraube" gedreht, sagte der Wissenschaftler der Hochschule Düsseldorf am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Dabei handle es sich um "eine typische Inszenierung der AfD". Die Partei verfolge damit das Ziel, "in die Schlagzeilen zu kommen", betonte Häusler vom Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus (Forena). Sie begehe einen "moralischen Tabubruch" und mache anschließend die Medien für eine angeblich falsche Darstellung verantwortlich.

Nach Ansicht von Häusler ist die Reaktion Petrys ein Indiz für den Konkurrenzkampf an der Spitze der rechtspopulistischen Partei. Zudem geht der Wissenschaftler davon aus, dass die Äußerungen Gaulands in der Bevölkerung ein eher negatives Echo haben: Gerade jetzt vor Beginn der Fußball-EM werde eine solche Debatte auf Unverständnis und Ablehnung stoßen. Mit einer solchen Strategie der Diskreditierung dunkelhäutiger Fußballer sei schon die NPD vor der WM 2006 bei dem damaligen Nationalspieler Patrick Owomoyela gescheitert.

Kalle Schwensen fordert Veröffentlichung

Unterdessen wurde allerdings auch Kritik an dem Vorgehen der FAS laut. So forderte etwa die Hamburger Kiez-Legende Karl-Heinz Schwensen von der Zeitung eine Veröffentlichung des Interview-Audiomitschnitts. "Wir Konsumenten, dieser zur Zeit viel zitierten Medien-Nachricht, haben ein Recht darauf zu erfahren, was wirklich gesagt wurde", schrieb der wie Boateng dunkelhäutige Schwensen.