DFB-Sorgenkinder

Schweinsteiger und Lahm finden endlich ins Turnier

Die Bayern-Stars stellen gegen die USA ihre Unverzichtbarkeit für die Mannschaft von Bundestrainer Löw unter Beweis.

Recife. Über Jahre galt Bastian Schweinsteiger als das Herzstück des deutschen Spiels. Ihn hatte Löw noch bei der WM 2010 seinen „aggressive leader“ getauft und zwei Jahre später für so unersetzbar gehalten, dass er ihn trotz mangelnder Fitness durch die EM 2012 schleppte. Doch nachdem Löw Khedira in den ersten beiden Partien gegen Portugal und Ghana bevorzugt hatte, schien Schweinsteigers Rolle bei seiner wohl letzten WM zu einer Nebenrolle zu verkümmern. Und es passte zu dieser Saison, in der ihn immer wieder Verletzungen zurückgeworfen hatten.

Gegen die USA, gegen seinen alten Mentor Jürgen Klinsmann, durfte der 29-Jährige endlich von Beginn an ran. Sami Khedira erhielt dafür eine Verschnaufpause. Und sofort zeigte Schweinsteiger, dass sich an seinem Wert für die deutsche Elf nichts geändert hat. Dem physischen und bisweilen überharten Spiel der Amerikaner hielt er mit den mittlerweile grau melierten Schläfen eine Wucht und Aggressivität entgegen, die man ihm nach seiner Knieverletzung und dem weitestgehend verpassten Trainingslager in Südtirol nicht zutrauen konnte.

Schweinsteiger lieferte sich krachende Duell mit dem deutschamerikanischen Raubein Jermaine Jones im Mittelfeld, trieb seine Mannschaft immer wieder nach vorn, forderte Bälle und war nicht ohne Grund der meistgefoulte Spieler auf dem Feld.

Als er in der 76. Minute unter großem Applaus der deutschen Anhänger das Feld für Mario Götze verließ, durfte sich der Münchner offiziell als Gewinner dieser Partie betrachten. „Bastian hat seine Sache sehr, sehr gut gemacht“, lobte denn auch Joachim Löw. Torwart Manuel Neuer befand: „Basti hat es ja schon sehr gut nach seiner Einwechslung gegen Ghana gemacht. Er ist ein Stratege, der das Spiel kontrolliert und den Rhythmus vorgibt. Es tut uns einfach gut, dass er die Kontrolle hat. Man merkt einfach, dass er wieder da ist.“

Genau wie Schweinsteiger galt auch Kapitän Philipp Lahm als völlig unantastbar. Bis zum zweiten Gruppenspiel seines Teams, als er sich entgegen seinem Naturell beim 2:2 gegen Ghana einen verhängnisvollen Fehlpass erlaubte. Der Fehlerlose war plötzlich in das Reich der ganz normalen Fußballprofis hinabgestiegen, die auch einmal ein, zwei schwache Spiele im Portfolio haben. Der langjährige Streber im Kader von Bundestrainer Joachim Löw hatte sich also diesmal eine mäßige Note verdient. Nun forderten Experten wie Michael Ballack, Lahm solle doch wieder in seinen natürlichen Lebensraum zurückkehren – auf die rechte Abwehrseite. Da sei er der Weltbeste, im Mittelfeld schwächele er offensichtlich.

Löw allerdings pfiff gegen die USA auf alle Kritiker. Der 54-Jährige bot Lahm einfach weiter stur im defensiven Mittelfeld auf, und er tat gut daran. Lahm ordnete das Spiel seiner Mannschaft von hinten heraus, trug die Bälle aus der Abwehr nach vorn und zeigte sich in der Offensive agil wie noch nie zuvor bei dieser WM. So ließ er zwei US-Amerikaner mit einem feinen Dribbling am gegnerischen Strafraum aussteigen, steckte durch auf Jerome Boateng, doch dessen Flanke verpasste Thomas Müller in der Mitte.

Löw hat Vertrauen in Lahm. Warum sollte er auch nicht? Lahm hat ihn in den allermeisten Spielen unter seiner Regie seit acht Jahren nicht enttäuscht. Doch Löws Aussitzen der Debatte um seinen Kapitän hatte darüber hinaus einen anderen Grund: Es war auch das Aussitzen einer gesamten Systemdebatte. Für die WM in Brasilien hat Löw eine Idee seines Spiels entworfen, in deren Zentrum ein Dreier-Mittelfeld steht, das sich variabel verschiebt, ballsicher ist und vor allem im Umschaltspiel nach vorn kreative Akzente setzt.

Lahm und Schweinsteiger, zwei, die lange als unantastbar galten, zuletzt aber ziemlich angreifbar wurden, haben sich an diesem wasserreichen Tag in Recife freigeschwommen. Als Schweinsteiger sein Werk schon verrichtet hatte und auf der Bank zusah, wie seine Mannschaft das 1:0 verwaltete, fügte Lahm seinem ohnehin schon guten Tagewerk eine weitere wichtige Aktion bei: Kurz vor Abpfiff klärte der Kapitän mit einer Grätsche den gefährlichen Schuss von Alejandro Bedoya und sorgte damit auch dafür, dass Löw mit dem zweiten Sieg im dritten WM-Spiel in die K.-o.-Runde einziehen kann.

„Ich habe die Debatte natürlich mitbekommen. Ich lebe ja nicht in einer Blase. Aber für mich spielt das keine Rolle. Ich habe immer gesagt, dass ich da spielen werde, wo der Trainer es will. Das war immer so und wird auch immer so bleiben“, sagte Lahm nach dem Abpfiff. Seinem Team machte er das gewohnte Kompliment: „Wir haben klug nach vorne gespielt.“ Schweinsteiger mochte dagegen nichts sagen – er macht sich ohnehin sehr rar bei diesem Turnier. An seiner Rolle als Taktgeber der deutschen Nationalmannschaft gibt es dennoch keinen Zweifel mehr.