Länderspiel gegen Chile

Ein Auftritt so gewöhnungsbedürftig wie die Trikots

Deutschland zittert sich zu einem 1:0 gegen WM-Teilnehmer Chile. Mit dem aggressiven Pressing der Südamerikaner kam die Löw-Elf überhaupt nicht zurecht. Vor allem Klose war komplett abgemeldet. Jansen schwer verletzt.

Stuttgart. Das Ergebnis stimmte: Mit 1:0 besiegte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den wie erwartet starken Gegner Chile. Doch zufrieden sein konnte am Ende kaum jemand. Joachim Löw nicht, weil seine Mannschaft über weite Strecken keinen Rhythmus fand, sich defensiv wacklig präsentierte. Und vor allem nicht der HSV – weil mit Marcell Jansen nun ein weiterer Spieler verletzt ausfällt. Noch in der Kabine diagnostizierte Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt einen Außenbandanriss im Knöchel. Während der Pause informierte Oliver Bierhoff HSV-Sportchef Oliver Kreuzer: „Für den HSV ist das ganz bitter. Uns tut das leid.“

„Wir gehen jedes Spiel so an, als sei es unser letztes“, hatte Chiles Nationaltrainer Jorge Sampaoli gesagt. Und vor allem Mauricio Isla hatte seinem Trainer offenbar gut zugehört. Sein Foul nach 20 Minuten sorgte dafür, dass sich mit Marcell Jansen ausgerechnet der letzte bis dahin gesunde Hamburger verletzte. Bereits am Dienstag hatte Pierre-Michel Lasogga mit Oberschenkelproblemen sein erhofftes Debüt absagen müssen, bei Jansen war es nun der rechte Knöchel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte der Linksverteidiger vom Platz. Er fehlt damit nicht nur dem HSV im Abstiegskampf, im schlimmsten Fall droht ihm sogar das WM-Aus. Bitter.

Für Jansen kam die Verletzung zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt. Trotz der schwachen Saison des HSV hatte sich der gebürtige Rheinländer gerade erst im internen Nationalmannschaftsduell mit Dortmunds Marcel Schmelzer, der den Hamburger nach 23 Minuten ersetzte, vorentscheidend durchgesetzt. Bereits bei den letzten beiden Länderspielen 2013 gegen Italien und England durfte Jansen insgesamt 135 Minuten spielen, Schmelzer nur 45. Sollte der 28-Jährige, der wie kaum ein anderer von seiner Fitness lebt, nun aber längere Zeit ausfallen, droht er Opfer von Löws angekündigter harter Linie zu werden. Er wolle nur noch auf absolut fitte Spieler bei der Weltmeisterschaft setzen, hatte der Bundestrainer am Montag betont.

Klose komplett abgemeldet

Fußball wurde in Stuttgart aber auch gespielt – und zwar vor allem von den Südamerikanern. Die DFB-Elf, die zunächst auf die Neulinge Shkodran Mustafi, André Hahn und Matthias Ginter verzichtete, kam mit dem aggressiven Pressing der Gäste, die klug die Räume zustellten, überhaupt nicht zurecht. Miroslav Klose war komplett abgemeldet, und das mutmaßlich so kreative Mittelfeld mit Kroos (zentral), Özil (rechts) und Götze (links) konnte für wenig Zauber sorgen. Dieser Auftritt der DFB-Elf war genauso gewöhnungsbedürftig wie die neuen Auswärtstrikots mit den schwarzen und roten Blockstreifen.

Umso überraschender, dass die Deutschen nach einer guten Viertelstunde in Führung gehen konnten, als der doch von Anfang an spielende Mesut Özil seinen Kollegen Mario Götze perfekt bediente. Der Münchner hatte sogar noch die Zeit, sich Johnny Herrera vom Elfmeterpunkt auszugucken und den Ball über den chilenischen Torhüter ins Tor zu lupfen. Als erneut Götze nach 33 Minuten sogar die frühzeitige Vorentscheidung verpasste und den Ball rechts vorbei statt in das Tor zirkelte, war Jansen bereits in der Kabine und ließ sich behandeln.

Dabei verpasste der verletzte Hamburger aber auch zwei gute Chancen (26. Vidal/44. Aranguiz) der Südamerikaner, denen Experten sogar ein Weiterkommen in der sogenannten Todesgruppe der WM zutrauen. Gegner der La Roja, die 2010 in Südafrika im Achtelfinale gegen Brasilien scheiterte, sind im Sommer Weltmeister Spanien, Vizeweltmeister Niederlande und Australien. Besonders der frühere Leverkusener Arturo Vidal, dessen Nachname passenderweise übersetzt Terrier bedeutet, war auch in Stuttgart Dreh- und Angelpunkt seiner Mannschaft, spielte allerdings sehr viel weiter vorn als früher in der Bundesliga bei Bayer.

Und auch nach Wiederanpfiff spielte vor allem ein Team: Chile. Wohl selten sah man Löw so oft wütend hereinrufen wie an diesem Abend, weil zu viele Tugenden (Verschieben, Tempo, Zweikampfhärte) fehlten. Während die Gäste mit Vehemenz den längst überfälligen Ausgleich erzwingen wollten und viele schnelle Angriffe – vor allem über die linke deutsche Abwehrseite – vortrugen, fiel Löws Team weiter nicht viel ein, was das Publikum mit zunehmender Dauer immer unruhiger werden ließ. Sogar Pfiffe musste sich die Nationalelf von den ungeduldigen Fans gefallen lassen, auch Mesut Özil bei seiner Auswechslung.

Auch wenn Deutschland den Sieg glücklich über die Zeit brachte, so zeigte sich deutlich, dass es noch ein weiter Weg sein wird, um titelfähig zu werden. „Das war eine gute Lehrstunde“, sagte Per Mertesacker ehrlich. Nämlich, wie man es nicht machen soll.

Deutschland: Neuer – Großkreutz, Boateng, Mertesacker, Jansen (24. Schmelzer) – Lahm, Schweinsteiger – Götze (83. Podolski), Kroos, Özil (89. Ginter) – Klose (46. Schürrle). Chile: Herrera – Gutierrez, Jara, Isla, Medel – Vidal (90. Fernandez), Vargas (86. Pinilla)- Aranguiz (80. Orellana), Silva (83. Gonzalez) – Sanchez, Beausejour (76. Valdivia). Schiedsrichter: Mark Clattenburg (England). Zuschauer: 54.449. Tor: 1:0 Götze (16.)