3:3 gegen Paraguay

Die deutsche Abwehr war so schlecht wie seit 1964 nicht

Der Tag der offenen Tore in Kaiserslautern offenbart die Defensivschwächen der Nationalmannschaft. Ernüchternde Einzelkritik. Flick zitiert Götz von Berlichingen.

Kaiserslautern. Als „Vorglühen“ auf die WM 2014 hatte Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld das erste Länderspiel dieser Saison gegen Paraguay locker eingestuft. Und der Gegner schien wie gemacht für einen positiven Start der deutschen Nationalmannschaft: In der Fifa-Weltrangliste rangiert Paraguay zwischen Burkina Faso und Schottland auf Position 49, in der Südamerika-Qualifikationsgruppe belegt man den letzten Platz. Doch dann kam alles ganz anders. Mit 3:3 musste sich das deutsche Team am Ende zufriedengeben.

„Wir wissen, dass manche Dinge defensiv überhaupt nicht gepasst haben“, sagte Thomas Müller, „das war ein Testspiel, das irgendwie komisch einzuordnen ist.“

9,27 Millionen Zuschauer sahen im ZDF zu. Das entsprach einem Marktanteil von 34,7 Prozent.

Als der kroatische Schiedsrichter Ivan Bebek zur Pause pfiff, hagelte es Pfiffe von den Rängen. Mit 2:3 lag die Nationalelf nach 45 Minuten zurück. Es war das Ergebnis einer Fülle an Unzulänglichkeiten in der Defensive. Dabei hatte Joachim Löw am Tag vor dem Spiel eine verbesserte Abwehrarbeit als wichtigste Aufgabe für die kommenden Monate genannt.

Es war erschreckend, wie leicht der deutsche Verbund auszuhebeln war – wie zum Beispiel in der neunten Minute: Nach einem Steilpass von der Mittellinie entwischte Nunez dem falsch postierten Mats Hummels, zudem hob Per Mertesacker das Abseits auf – der frühe Rückstand.

Wer einen einmaligen Ausrutscher vermutete, wurde nur vier Minuten später eines Besseren belehrt, als Sami Khedira nach einer Faustabwehr von Manuel Neuer amateurhaft den Ball verlor und Pittoni aus 16 Metern zum 0:2 traf. Entsetzen auf den Tribünen, Löw winkte genervt ab.

Ein Gutes hatten die frühen Tore: Für die Zuschauer entwickelte sich ein äußerst unterhaltsames Spiel, begünstigt durch die offensive Ausrichtung beider Teams und die Vielzahl an Fehlern in der Rückwärtsbewegung. So kam auch die DFB-Elf fast im Minutentakt zu klaren Torchancen, von denen sie zwei nutzen konnte: Zunächst erzielte Ilkay Gündogan den Anschlusstreffer mit einem Linksschuss aus 16 Metern (18.), dann spielte Hummels Müller mit einem einfachen Steilpass frei, plötzlich stand es 2:2 – die Wende? Von wegen!

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte passte Hummels erneut nicht auf und musste Santa Cruz in die Mitte flanken lassen, wo Samudio einschob. Drei Gegentore in der ersten Halbzeit, das gab es zuletzt unter Herberger 1964 in Ludwigshafen gegen die Tschechoslowakei. Damaliger Endstand: 3:4. Und auf der Bank schimpfte Co-Trainer Hansi Flick: „Leck mich doch am A….“

Gündogan mit Rückenproblemen ausgewechselt

Wer geglaubt hatte, dass die Nationalelf nach Wiederanpfiff mit zunehmender Spieldauer ihre physische und technische Stärke gewinnbringend einsetzen würde, wurde zunächst enttäuscht. Einfallslos berannte das Team die Abwehr Paraguays, die vielen Wechsel behinderten den Spielfluss zusätzlich. Eine echte Torchance konnte sich zunächst nur der für Miroslav Klose eingewechselte Mario Gomez erkämpfen, die der Neu-Italiener aber per Kopf nicht präzise genug vollenden konnte.

Das zuvor als „WM-Vorglühen“ titulierte Aufeinandertreffen bekam mit zunehmender Spieldauer den Charakter eines schmerzhaften Katerfrühstücks. Während die Südamerikaner, bei denen der erfolglos vom HSV umworbene Roque Santa Cruz eine durchwachsene Partie spielte, mit den drei erzielten Treffern zufrieden waren, wirkte das deutsche Spiel ohne den mit Rückenproblemen ausgewechselten Taktgeber Ilkay Gündogan ideenlos und statisch. Ein Schüsschen Müllers (73.) war da zunächst schon ein Höhepunkt.

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Eine Viertelstunde vor Schluss wurden die 47.500 Zuschauer, die zunehmend unruhig wirkten, dann aber doch wieder etwas munterer. Der eingewechselte Lars Bender hatte sich nach einem misslungenen Hackentrick Müllers den Ball zurückerobert und aus 14 Metern zum 3:3-Ausgleich eingeschossen. Kurios: Es war sein viertes Länderspieltor, obwohl er überhaupt erst fünfmal in seiner DFB-Karriere aufs Tor geschossen hatte. Zum Sieg sollte der Treffer am Ende aber nicht reichen.

Wirklich ernst wird es für die defensivschwache Nationalmannschaft dann am 6. und 10. September, wenn das Team von Bundestrainer Löw in den Qualifikationsspielen gegen Österreich und die Färöer endgültig das WM-Ticket lösen will – vorausgesetzt, der Gegentor-Kater ist überstanden.

Statistik

Deutschland: Neuer – Lahm, Mertesacker (46. Boateng), Hummels, Schmelzer (81. Jansen) – Khedira, Gündogan (27. L. Bender) – Müller (81. Schürrle), Özil, Reus (62. Podolski) – Klose (54. Gomez). Paraguay: Villar (46. Fernandez) – Candia, da Silva, Aguilar, Samudio (54. Melgarejo)– Ayala, Pittoni (63. Romero), Ortiz, Fabbro (62. Rojas) – Nunez (46. Riveros), Santa Cruz (82. Sanabria). Tore: 0:1 Nunez (9.), 0:2 Pittoni (13.), 1:2 Gündogan (18.), 2:2 Müller (31.), 2:3 Samudio (45.), 3:3 L. Bender (75.). SR.: Bebek (Kroatien). Zuschauer: 47.500. Gelb: L. Bender / da Silva, Ayala, Romero.