Trainerwechsel bei Schalke

Keller soll das „tägliche Brot Bundesliga” backen

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Oliver Müller

Nur fünf Punkte aus den acht Spielen wurden Huub Stevens beim FC Schalke 04 zum Verhängnis. Jens Keller übernimmt bis Saisonende.

Gelsenkirchen. Kurz vor Beginn der Pressekonferenz wurde noch eine Besuchergruppe durch die Schalker Arena geführt. Die Schüler, die mit großen Augen die Räumlichkeiten im Stadion bestaunten, durften dann noch kurz auf dem Podium im Presseraum Platz nehmen. "Und hier sitzt dann immer unser Trainer", sagte die Dame, die die Führung leitete. Die Schüler schauten sich verdutzt an. "Huub Stevens?" fragte einer. Er bekam keine Antwort.

Eine knappe Stunde nahm Jens Keller dort Platz, wo Stevens noch vor 16 Stunden gesessen und die 1:3-Niederlage gegen Freiburg zu erklären versucht hatte. Bis zum Saisonende wird Keller, bisher Trainer der Schalker U17-Mannschaft, das Bundesligateam als Cheftrainer betreuen. Darauf wären bis wenige Stunden zuvor nicht nur ahnungslose Schüler nicht gekommen.

Stevens war am Sonntag früh mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Keller leitete wenig später bereits das Training der Mannschaft. "Der Plan ist, dass Jens Keller bis zum Ende der Spielzeit die Verantwortung trägt, und dann schauen wir, wie es geht", sagte Sportvorstand Horst Heldt, der Keller aus Stuttgarter Zeiten kennt. Keller war zunächst Jugend-, dann Co-Trainer des VfB und rückte in der Saison 2010/2011 sogar kurzzeitig zum Cheftrainer auf. Die Überlegung, sich nach einem anderen Coach umzuschauen, hätte es bei Heldt nicht gegeben. "Ich halte ihn für einen hervorragenden Trainer", so der Manager, der Keller persönlich sehr schätzt: "Warum in die Ferne schauen, wenn man gute Leute vor Ort hat?" Am Dienstag im Achtelfinale im DFB-Pokal, wenn es für die Schalker gegen Mainz 05 geht, wird Keller erstmals auf der Bank sitzen.

Stevens haben Heldt und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies dagegen nicht mehr zugetraut, eine sportliche Trendwende einzuleiten, nach dem zuletzt nur fünf Punkte aus acht Bundesligaspielen eingefahren werden konnten. Bei der Heimschlappe gegen Freiburg hatte sich die Mannschaft, physisch ausgelaugt und psychisch angeschlagen, teilweise haarsträubende individuelle Fehler geleistet.

In den Abendstunden hatten sich Heldt und Tönnies dann telefonisch kurzgeschlossen und die Trennung von Stevens beschlossen. Später in der Nacht traf sich Heldt, der am Sonntag sichtlich übermüdet wirkte, mit Keller. "Uns ist es alles andere als leicht gefallen, diese Entscheidung zu treffen", sagte Heldt und zählte dann noch einmal die Gründe auf, warum Schalke generell und er im speziellen Grund hat, Stevens dankbar zu sein: Sein kurzfristiges Einsteigen im Oktober 2011, als Heldt durch die Burn-out-Erkrankung von Ralf Rangnick plötzlich der Wunschtrainer abhanden gekommen war. Der respektable dritte Platz in der Vorsaison, das Erreichen des Achtelfinales in der Champions League.

+++ Kommentar: Abschied von der Adilette +++

"Aber unser tägliches Brot ist die Bundesliga", so Heldt. Und dort hätte es nach dem besten Start seit 41 Jahren in den letzten Wochen einen "schleichenden Prozess" des Niedergangs gegeben. "Die Ergebnisse der letzten Wochen haben uns darin bekräftigt, jetzt eine Veränderung vorzunehmen", sagte Heldt: "Wir haben nicht mehr daran geglaubt, dieses wichtige Spiel gegen Mainz so bewerkstelligen zu können. Wir mussten reagieren." Zweifel daran, ob Stevens noch der richtige Mann sei, hatte Heldt offenbar schon länger. Nur so ist es zu erklären, dass er dem Niederländer in den vergangenen Wochen, als bereits über einen Trainerwechsel spekuliert worden war, keine richtige Rückendeckung mehr gegeben hatte. Bei Fragen nach der Zukunft von Stevens gab es stets nur einen Verweis auf ein vereinbartes Gespräch über die Zukunft in der Winterpause.

Dazu kam es nun nicht mehr. Obwohl Stevens noch am Sonnabendabend davon ausgegangen war. "Ich habe eine Vereinbarung darüber und werde mich daran halten. Ich hoffe, die andere Seite wird das auch machen", hatte er gesagt. Im Übrigen könne er keine Anzeichen erkennen, dass er die Mannschaft nicht mehr erreiche. "Ich bin damals hierhin gekommen, um dem Verein, von dem ich auch Fan bin, zu helfen", hatte er gesagt: "Das habe ich auch weiterhin vor."

Am Sonntag hörte sich das jedoch ganz anders an. "Ich habe am Sonntagmorgen ein intensives Gespräch mit Stevens geführt, der sicherlich auch der Meinung war, dass es richtig ist, die Entscheidung jetzt zu treffen", sagte Heldt: "Wir sind im Guten auseinandergegangen, mit der gleichen Auffassung, dass es richtig ist auseinanderzugehen."

Unbeantwortet blieb jedoch die Frage, warum Stevens der Turnaround partout nicht mehr zugetraut wurde. Schließlich, dies musste auch Heldt einräumen, hätten die aktuellen Probleme nicht nur mit dem Trainer zu tun. Eine Vielzahl von Gründen sei zusammengekommen. Zum einen fehlt es im Kader an ausreichenden Alternativen, wenn Leistungsträger verletzt oder in einer Formkrise sind. Darauf hatte Stevens immer wieder hingewiesen.

Zum anderen gab und gibt es gleich mehrere atmosphärische Belastungen. Da ist die nach wie vor unklare Vertragssituation von Schlüsselspielern wie Torjäger Klaas-Jan Huntelaar und Mittelfeldregisseur Lewis Holtby, die offenbar mit einem Vereinswechsel liebäugeln und seitdem deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Und nicht zuletzt dürfte auch die wochenlange Diskussion um Stevens in die Mannschaft hineingewirkt haben.

"Es gibt viele Faktoren, die es nicht gerade einfach machen, hier Fußball zu spielen. Aber das ist im Moment eine Frage des Kopfes und nicht der Qualität", sagte Kapitän Benedikt Höwedes.