Sicherheit im Stadion

Die Fußballklubs spielen mit dem Feuer

Bengalos auf den Tribünen, Randale in und um Stadien. Polizei und Politik fordern schärfere Maßnahmen. Empörte Fans und gespaltene Klubs.

Ob sie in Berufung gehen, soll noch entschieden werden. Aber die Wut bei Dynamo Dresden ist groß. Wegen der Randale rund um das Pokalspiel Ende Oktober in Hannover hatte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Zweitligaklub am Montagabend für die kommende Saison aus dem Wettbewerb ausgeschlossen. In der Vorsaison hatte das DFB-Bundesgericht eine solche Strafe später in ein Geisterspiel und eine Geldbuße umgewandelt. Diesmal auch?

Das Urteil ist der vorläufige Höhepunkt in einer Debatte um mehr Sicherheit im deutschen Fußball, die am Mittwoch in Frankfurt bei der Vollversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) ein Ende finden soll. Am Vormittag treffen sich im Sheraton-Hotel am Flughafen die Verantwortlichen der DFL und der 36 Profivereine aus der Ersten und Zweiten Liga, um über die Anpassung der bestehenden Statuten zu entscheiden. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Worüber wird abgestimmt?

Die Anwesenden befinden über insgesamt 16 Anträge. Während eine Vielzahl der Punkte bereits im Vorfeld auf große Zustimmung gestoßen ist, sorgte vor allem die geforderte Verbesserung der Einlasskontrollen für zum Teil heftige Diskussionen. Bei allen Anträgen, welche die Lizenzierungsordnung (LO) betreffen, wird eine Zweidrittelmehrheit benötigt. Soll der Ligavorstand einen entsprechenden Antrag beim Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vorbringen, reicht eine einfache Mehrheit. Die nächste Sitzung des DFB-Präsidiums findet am 25. Januar 2013 statt.

Was sind die Hauptstreitpunkte?

Die strittigsten Punkte in der Debatte um den Maßnahmenkatalog sind die Sicherheitskontrollen vor dem Stadion, Videoüberwachung und Gemeinschaftsstrafen. Ganzkörperkontrollen will der Ligaverband nicht vorschreiben. Der Vorstand beantragt aber "lageabhängige Kontrollen der Besucher und der von ihnen mitgeführten Gegenstände". Entscheiden darüber sollen Heimverein und Polizei. "Die Kontrolleinrichtungen müssen so beschaffen sein, dass Kontrollen sicher, zügig und angemessen durchgeführt werden können", heißt es in Antrag 8. Fans fürchten, dass die Voraussetzungen geschaffen werden für Körperkontrollen wie kürzlich beim Spiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt.

Des Weiteren soll es in jedem Stadion einen Kontrollraum für die Ordnungsdienste geben, ausgestattet mit einer Videoanlage zur Überwachung der Zuschauerbereiche. Fans sprechen hier von Totalüberwachung, kleine Vereine ohne Probleme mit Gewalttätern sehen vor allem Mehrkosten auf sich zukommen. Bei Spielen mit erhöhtem Risiko soll weiter "zu erwägen" sein, das Ticketkontingent für Gästefans von zehn Prozent zu verringern. Alle Anträge beschäftigen sich mit einer Veränderung des Status quo. Das Ziel ist klar: Die Vereine sollen mehr Autonomie beim Umgang mit dem Thema Sicherheit erhalten.

Was wollen die Fans?

Immer wieder wurden die Vorschläge kritisiert, die die DFL mit ihrem Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" gemacht hatte. Dass dieses Konzept am Mittwoch nicht zur Abstimmung kommt, dürfen die Anhänger als Teilerfolg für sich verbuchen. Häufig wurden in den vergangenen Wochen die sogenannten Selbstreinigungskräfte ins Feld geführt, mit denen Chaoten aussortiert oder auf den richtigen Weg gebracht werden sollen. Bislang machen sich solche Kräfte jedoch kaum bemerkbar. Die Fans sind aufgerufen, im respektvollen Umgang mit gutem Beispiel voranzugehen.

Was den Umgang mit den Anhängern betrifft, appellierte Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), noch einmal an die Vereine. Nur die wenigsten Klubs hätten laut Gabriel eine Idee, wie sie die Kommunikation mit den und die Einbindung der Fans organisieren sollen. "Das Thema Fußballfans wird unwillig behandelt, es sind die Schmuddelkinder", sagte Gabriel: "Die Vereine und Verbände merken jetzt, dass sie das Thema Fußballfans mit zu wenig Aufmerksamkeit behandelt haben."

Was sagen die Hamburger Klubs?

In seltener Eintracht plädieren der HSV und der FC St. Pauli für einen Aufschub der Abstimmung. "Ich werde dafür stimmen, dass wir am Mittwoch nicht abstimmen, sondern dass wir diese Fragen diskutieren und dann auf der ersten Mitgliederversammlung im neuen Jahr abstimmen", sagt HSV-Vorstandschef Carl Jarchow: "Ich finde es übereilt. Ich bin der Meinung, dass wir diesen Zeitdruck, der dort aufgebaut wird, nicht haben." Auch der FC St. Pauli hat die DFL informiert, er werde den Anträgen nicht zustimmen. "Wir halten eine Verschiebung für sinnvoll, damit die notwendige Zeit genutzt werden kann, um die Dinge intern ansprechen zu können und verbandsseitig eine entsprechende und mit Fanvertretern besetzte Sicherheitskommission zu formieren", sagt Geschäftsführer Michael Meeske. Die Vereinsführung war auf der Jahreshauptversammlung am 26. November per Mitgliederentscheid angewiesen worden, das DFL-Konzept abzulehnen.

Was sagen die Politiker?

Einige Innenminister haben mehrfach bekräftigt, die Vereine notfalls für Polizeieinsätze finanziell in die Verantwortung nehmen zu wollen. "Wenn keine Einigung über ausreichende Maßnahmen erzielt wird, werden wir künftig auf jeden Fall mehr Polizei einsetzen, und das wird dazu führen, dass wir die rechtliche Situation herbeiführen und Gebühren für Polizeieinsätze nehmen werden", sagte Niedersachsen Innenminister Uwe Schünemann (CDU) der "Welt am Sonntag". Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat die DFL und Vereine "zu Geschlossenheit" aufgerufen.

Wie denken die Gewerkschaften?

Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG, 80.000 Mitglieder), ist es leid, dass Woche für Woche Tausende Beamte bei Fußballspielen eingesetzt werden müssen. "Wenn jeder dritte Bereitschaftspolizist in Deutschland eigentlich nichts anderes mehr macht, als beim Fußball tätig zu sein, ist das eindeutig zu viel. Die Polizei wird an anderer Stelle dringend gebraucht", sagte Wendt. Seiner Auffassung nach sei jetzt genug geredet worden: "Jetzt müssen Regeln eingehalten werden. Die Regeln hat der Gesetzgeber vorgegeben, und nicht der DFB und nicht die Deutsche Fußball Liga." Bernhard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP, 170.000 Mitglieder), plädiert dafür, künftig mehr Geld in Fanprojekte zu investieren: "Geld muss gezielt in die Erziehung und Betreuung junger Menschen fließen. Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun, das gelöst werden muss."

Welches Szenario droht?

In Frankfurt geht es auch um die Eigenständigkeit des deutschen Fußballs. "Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Souveränität nicht verlieren", betonte DFL-Chef Reinhard Rauball. Doch genau dies könnte passieren, wenn die Anträge in der Mehrheit abgelehnt werden. Es gilt für die Vereine, ein Signal zu setzen, dass man gewillt ist, an einer Entspannung der Situation zu arbeiten. Geschieht dies nicht, übernimmt die Politik die Federführung.

Fest steht: Jeder ist von jedem abhängig. Die Mannschaft braucht die Unterstützung der Fans. Das Stadion ist aber nur voll, wenn der Verein ein leistungsstarkes Team aufbieten kann. Das kostet Geld, das durch Sponsoren und VIP-Gäste fließt. Diese kommen auch wegen der tollen Stimmung im Stadion. Die DFL wiederum braucht wirtschaftlich gut aufgestellte Vereine, die einen reibungslosen Spielbetrieb gewährleisten. Nur dann fließen die Millionen Euro an TV-Geldern. Dieses Konstrukt dürfte ins Wanken geraten, wenn in Frankfurt nicht die entsprechenden Zeichen zu erkennen sind.