Fussball-WM 2010

Oliver Kahn: "Druck ist Anreiz und setzt Kräfte frei"

Foto: picture-alliance / Pressefoto UL / dpa

Heute gegen Ghana (20.30 Uhr im Liveticker) steht die DFB-Elf unter Zugzwang. Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn spricht über Drucksituationen.

Erasmia. Oliver Kahn, 40, war Welttorhüter, mehrmals deutscher Meister und Pokalsieger. Er gewann 2001 mit dem FC Bayern die Champions League und verpasste mit der Nationalmannschaft 2002 nur knapp den WM-Sieg, als die DFB-Elf im Finale gegen Brasilien 0:2 verlor. Kahn war bekannt für seinen Ehrgeiz. Drucksituationen empfand er als besondere Herausforderung.

Abendblatt:

Wie beurteilen Sie die Lage vor dem Spiel , das die deutsche Mannschaft gewinnen muss, um ins Achtelfinale einzuziehen?

Oliver Kahn:

Die deutsche Mannschaft erlebt derzeit ihre erste extreme Situation bei diesem Turnier. Sie steht unter hohem Druck. Jetzt ist das ganze Team gefordert, insbesondere aber die Führungsspieler.

Trauen Sie der Mannschaft zu, dass sie dem Druck standhält?

Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Mannschaft gegen Ghana behauptet. Doch es bringt diesbezüglich jetzt wenig, auf alte Zeiten zu verweisen, in denen sich deutsche Mannschaften aufgrund bestimmter Tugenden durchgesetzt haben. Die Mannschaft ist relativ jung und muss nun beweisen, dass sie dieser Aufgabe gewachsen ist. Wenn ihr das gelingt, kann das ein richtungweisendes Erlebnis für den weiteren Turnierverlauf sein.

Weil ein Erfolgserlebnis neue Kräfte freisetzen würde?

Nicht nur das. Gewinnt die deutsche Mannschaft das Spiel gegen Ghana, hätte sie etwas Wichtiges dazugelernt im Umgang mit solchen Drucksituationen. Das könnte die Mannschaft noch weiter zusammenschweißen.

Als früherer Profi des FC Bayern und Nationaltorhüter haben Sie unzählige Situationen erlebt, in denen es Druck gab. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe Druck nie als negativ empfunden. Es war irgendwie Anreiz und hat Kräfte freigesetzt. Zunächst einmal ist es wichtig, dass sich jeder einzelne Spieler zu 100 Prozent auf seine persönliche Aufgabe konzentriert. Jeder muss sich optimal vorbereiten und sehr konzentriert trainieren. Dazu ist es von Bedeutung, immer wieder miteinander zu kommunizieren, sich gegenseitig zu motivieren. Aber es muss innerhalb des Teams natürlich zwei, drei Figuren geben, die diese totale Überzeugung in sich haben. Diese müssen sie versuchen, auf ihre Kollegen zu übertragen.

Wer wären denn Ihrer Meinung nach die Typen, die jetzt vorweggehen müssten?

Joachim Löw hat ja einen Mannschaftsrat gebildet mit Spielern, von denen er annimmt, dass sie dazu in der Lage sind. Natürlich kommt es jetzt auf Spieler wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger an. Sie sind beide beim FC Bayern, wo ständig Druck herrscht. Sie kennen Situationen wie diese und haben Erfahrung. Beide wissen, was zu tun ist. Aber auch ein Arne Friedrich spielt da eine wichtige Rolle. Er ist ein sehr erfahrener Profi, der schon viele schwierige Sachen erlebt hat. Selbst Jörg Butt als dritter Torhüter kann jetzt wichtig für das Team werden. Er hat einen großen Erfahrungsschatz durch seine Zeit bei Bayer Leverkusen, in der Nationalelf und jetzt in München.

Welche Rolle spielt der Bundestrainer?

Es ist doch völlig normal, dass auch der Bundestrainer bis kurz vor Anpfiff alles tun wird, um die Mannschaft in die Erfolgsspur zu bringen. Er wird bis zuletzt Optimismus verbreiten, die Spieler starkreden und ihnen sagen, dass sie Ghana besiegen werden, wenn jeder seine Aufgabe ordentlich erfüllt. Insgesamt ist es wichtig, dass alle Beteiligten im Umfeld eine so gute Stimmung erzeugen und so perfekte Rahmenbedingungen schaffen, dass die Mannschaft in der Lage ist zu explodieren.

Und wenn das nicht gelingt?

Ich kann mir beim besten Willen nicht mal im Ansatz vorstellen, dass die deutsche Mannschaft gegen Ghana nicht gewinnt und somit ausscheidet. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass afrikanische Mannschaften nur sehr schwer mit Drucksituationen umgehen können. Ghana führt zwar die Tabelle an, hat aber offensichtlich Probleme im defensiven Bereich. Da wäre es sogar überlegenswert, in diesem Spiel von dem System mit einer Spitze abzukehren und für eine Partie zum alten mit zwei Spitzen zurückzukehren. Aber selbst wenn das nicht passieren sollte, sehe ich die deutsche Mannschaft klar im Vorteil. Zumal sie im Vergleich zu Ghana viel bessere Spieler für die jeweiligen Positionen in der Hinterhand hat.