Oliver Kahn ist TV-Experte des ZDF

"Früher hatte ich zu viel Verständnis für die Spieler"

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Als TV-Experte des ZDF will Oliver Kahn den Zuschauern während der WM die Psychologie der Spieler und taktische Systeme näherbringen.

Hamburg. Nach der EM 2008 engagierte das ZDF den langjährigen Nationaltorhüter als Co-Kommentator für Länderspiele. Die WM ist für den 40-Jährigen die erste Turnierteilnahme in dieser Position.

Abendblatt:

Herr Kahn, haben Sie als TV-Experte auch ein WM-Vorbereitungslager absolviert?

Oliver Kahn:

Das kann man nicht miteinander vergleichen. Auf eine WM bereitet man sich als aktiver Spieler mental die ganze Saison vor, als Experte ist das natürlich anders. Sicher informiert man sich über die Mannschaften. Ich will alles wissen, was Taktik, Spieler, Trainer und Feinheiten betrifft. Aber im Vordergrund stehen die Spieler und die Spiele. Das möchte ich transportieren.

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Inwieweit müssen Sie sich bremsen mit Ihrem Insiderwissen, nicht alles preiszugeben?

Bei mir gibt es keine Abhängigkeiten, ich brauche auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Mein Ansatz ist aber nicht, Spieler in die Pfanne zu hauen. Ich versuche den Menschen, die vor dem Fernseher sitzen, zu eröffnen, warum ein Spieler so gehandelt hat, was in ihm vorgegangen sein könnte. Und zwar sachlich, kritisch und neutral. Dazu braucht man eine gewisse Distanz, was bei mir eine Weile gedauert hat. Bei meinen ersten Partien als Co-Kommentator war ich noch zu sehr Spieler, da hatte ich noch zu viel Verständnis.

Sind Sie der Meinung, dass die Masse der Fans das Spiel beurteilen kann?

Dafür bin ich ja da ... (lacht). Ich möchte versuchen, den Menschen genau die Dinge nahezubringen, die jemand, der nicht selbst einmal da unten auf dem Platz stand bei einer WM, nicht sehen kann. Nebenbei: auch den Journalisten. Das kann man nur beurteilen, wenn man das selbst gefühlt hat. Ich möchte helfen bei den Fragen: Warum ist ein Spieler gut oder schlecht drauf? Warum wählt ein Trainer unter welchen Umständen ein System? Seit 1994 war ich bei jedem Turnier, bei jeder WM oder EM dabei. Deshalb kann ich, glaube ich, den Menschen am TV einen Mehrwert liefern, damit sie sagen: Hey, so habe ich es noch gar nicht gesehen! Oder es regt zumindest zu Diskussionen an.

Wie empfanden Sie rückblickend die Weltmeisterschaften?

Von der Anspannung und Konzentration her ist eine WM das höchste Level. Das kann man nicht mit Champions League und schon gar nicht mit der Bundesliga vergleichen. Eine WM ist eine absolute Ausnahmesituation. Wenn ich das mit dem Job beim ZDF vergleiche, muss ich in mich hineinlächeln. Natürlich geben Sender auch Zielsetzungen vor, es gibt Konkurrenzsituationen. Aber das ist nicht vergleichbar mit dem Druck, der auf einem Spieler lastet.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass Spieler durch diese enorme Drucksituation krank werden?

Ich würde Depressionen oder Erschöpfung nicht in einen direkten Zusammenhang mit Profifußball stellen. Derartige Erkrankungen gibt es in allen Berufszweigen, in allen Facetten. Das ist abhängig von Veranlagung, von biografischen Aspekten. Einen Zusammenhang herzustellen mit Berufen, in denen viel Druck und Anspannung herrscht und viele Menschen Depressionen bekommen, ist nicht sinnvoll.

Erwarten Sie Neuerungen von dem Turnier?

Das sind immer die Erwartungen der Journalisten. Kann man den Fußball neu erfinden? Natürlich nicht. Interessant ist aber, dass es weniger Spezialisten gibt, dafür aber mehr Allrounder. Wer heute in der Verteidigung spielt, muss theoretisch auch - je nach Situation - Aufgaben eines Stürmers übernehmen. Nehmen Sie Holger Badstuber: Wenn der bei den Bayern Innenverteidiger oder Linksverteidiger spielen kann und vorne auch noch die Freistöße schießt, sieht man, dass die Spieler immer besser ausgebildet sind. Mal sehen, wie weit die Entwicklung in dieser Hinsicht ist.

Sie haben zur Bundesliga derzeit eine große Distanz. Würde Sie ein Job in der Liga nicht reizen?

In naher Zukunft nicht. Ich habe sehr viele Aufgaben. Mit dem ZDF, mit Asien-Aktivitäten, dann habe ich ein Studium begonnen, das mich extrem fordert. Momentan macht es wenig Sinn, in eine Kerntätigkeit zurückzukehren.