WM-Qualifikation: Nationalelf morgen in Russland

Michael Ballack: Die letzte Chance des Kapitäns

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Lars Gartenschläger

Der Makel des ewigen Zweiten soll 2010 in Südafrika getilgt werden. Schon ein starker Auftritt morgen könnte die Ballack-Kritiker ruhigstellen.

Moskau. An das Luschniki-Stadion in Moskau hat Michael Ballack keine guten Erinnerungen. Als er letztmals am 21. Mai 2008 dort gastierte, war er kurz vor Mitternacht im strömenden Regen weinend zu Boden gefallen. Ballack hatte mit Chelsea London das Finale der Champions League gegen Manchester United erreicht. 0:0 stand es nach 120 Minuten, das Elfmeterschießen musste entscheiden. Ballack trat als Erster für Chelsea an und traf. Doch der letzte Schütze - Nicolas Anelka - vergab. Chelsea verlor mit 5:6. Wieder mal hatte Ballack einen großen Titel verpasst.



Heute Abend kehrt der 33-Jährige an den Ort dieser Schmach zurück. Zum Training der deutschen Nationalmannschaft wird Ballack den Platz betreten, auf dem es morgen gegen Russland (17 Uhr, ZDF live, Ticker bei abendblatt.de) um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika geht. Mit einem Sieg hätten sich der Kapitän und sein Team für die WM qualifiziert.


"Wir werden mit aller Macht versuchen, diese 90 Minuten für uns zu entscheiden", sagt Ballack. Als Kapitän spricht er gern in der Mehrzahl. Dennoch ist die Teilnahme gerade für ihn persönlich von immenser Bedeutung. Südafrika ist seine letzte Chance auf den Gewinn des WM-Titels. 2014, wenn das Turnier in Brasilien stattfindet, ist er 37 Jahre alt - und dann wohl kein deutscher Nationalspieler mehr.


Ballack weiß also, was auf dem Spiel steht. Mit der Erfahrung von 95 Länderspielen muss er vorangehen. Aus Eigennutz, aber auch für das Wohl des deutschen Fußballs. Gerade weil derzeit nicht alle Nationalspieler in Bestform sind, verlangt der Stab um Bundestrainer Joachim Löw in erster Linie von ihm, dass er gegen die Russen Verantwortung übernimmt und das Spiel der Deutschen lenkt.


Mit einem starken Auftritt könnte er zugleich seine Kritiker ruhigstellen. Speziell hierzulande ist die Schar derer groß, die - wie Weltmeister Lothar Matthäus ("Er ist kein Leader") - noch immer an Ballacks Führungsqualitäten zweifeln und ihm vorhalten, der ewige Zweite zu sein. "Das wird dem Michael aber nicht gerecht", sagt der ehemalige Teamchef Rudi Völler. Ein Spieler sei nicht Weltklasse, wenn er das 3:0 oder 4:0 erzielt. Weltklasse sei einer, der den Siegtreffer macht. So wie es Ballack unter Völlers Leitung bei der WM 2002 getan hat. Damals traf er im Viertelfinale gegen die USA und im Halbfinale gegen Südkorea jeweils zum Endstand von 1:0.


Auf entscheidende Aktionen seines Kapitäns hofft auch Joachim Löw, der 2008 immerhin auch von Ballacks Tor im letzten EM-Vorrundenspiel gegen Österreich profitiert hat. Die beiden sind wieder im Reinen, nachdem Ballack dem Trainer vor elf Monaten noch mangelnden Respekt vorgeworfen hatte. Beide stehen telefonisch ständig in Kontakt, laut Löw "viel häufiger als zuvor". Auch in der Mannschaft hat Ballack wieder an Ansehen gewonnen. Weil er über die Kritik, "wie ich die Mannschaft führe und ihr als Kapitän gegenübertrete", nachgedacht hat. Nachdem Weggefährten wie Oliver Kahn, Jens Lehmann oder Torsten Frings nicht mehr dabei sind, hat Ballack einsehen müssen, dass er nur vollends akzeptiert wird, wenn auch er seine Mitstreiter akzeptiert.


Ballacks Ansehen ist aber auch wieder gestiegen, weil er bei seinen Auftritten in der englischen Premier League überzeugt hat. Auf der Insel schwärmen sie mittlerweile in höchsten Tönen vom Deutschen, den der englische Nationalstürmer Wayne Rooney für einen "der besten Spieler der letzten zehn Jahre weltweit" hält. Auch beim morgigen Gegner Russland reden sie voller Ehrfurcht von Ballack. So erzählt Andrej Arschawin, der Stürmer von Arsenal London, von zwei deutschen Mannschaften, die es gäbe. Eine ohne und eine mit Ballack. "Aber nur die mit ist richtig gefährlich", so Arschawin.


Auch Russlands Nationaltrainer Guus Hiddink, der Ballack in der vergangenen Saison für ein halbes Jahr bei Chelsea trainierte, hat sein Team insbesondere vor dem Chemnitzer gewarnt. Hiddink bezeichnet ihn als eine "große Persönlichkeit" und begründete dies unter anderem mit einer Auswechslung Ballacks, die in der vergangenen Saison aus taktischen Gründen mal notwendig gewesen sei. "Es gibt Jungs, die daraufhin im Training nicht mehr als nötig machen. Aber er hat sich nichts anmerken lassen und gearbeitet wie immer."