Rennsport

Formel-1-Comeback des Jahres für Nico Hülkenberg

Plötzlich wieder als Rennfahrer gefragt: Nico Hülkenberg.

Plötzlich wieder als Rennfahrer gefragt: Nico Hülkenberg.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Niko Hülkenberg arbeitete schon als TV-Experte, nun fährt er wieder Formel 1 – als Ersatz für den positiv getesteten Sergio Perez.

Silverstone. Negativ. Das ist vermutlich der beste abschlägige Bescheid, den Nico Hülkenberg in seinem Rennfahrerleben je bekommen hat. Denn aus dem bestandenen Corona-Test wird die Positiv-Nachricht des Jahres für den 32-Jährigen aus Emmerich: Seine Formel-1-Karriere geht beim Großen Preis von Großbritannien Sonntag (15.10 Uhr/RTL und Sky)urplötzlich weiter. Als Ersatz für den positiv getesteten Stammfahrer Sergio Perez kehrt der Mann, den sie im Fahrerlager „Hulk“ nennen, nach einem Dreivierteljahr aus der Rente zurück. Statt für RTL den Experten zu spielen greift er wieder ins Lenkrad. Eine Riesenchance – vielleicht wird sogar mehr als bloß eine Aushilfsstelle bei Racing Point daraus.

„Das fühlt sich alles noch ein bisschen surreal an“, gesteht Hülkenberg kurz vor der ersten Trainingssitzung am Freitagmorgen, „aber ich mag ja Herausforderungen, und das ist sicher eine. Eine schwierige Situation für das Team und meinen Kumpel Sergio, aber ich versuche das beste für alle draus zu machen.“ Eine gute Stunde vor Trainingsbeginn erlaubten die Rennkommissare Hülkenbergs Start – sein Glück, dass er eine gültige Superlizenz besitzt.

Was für ein Comeback. 177 Rennen hat Nico Hülkenberg in der Formel 1 bestritten, eine Pole-Position und zwei schnellste Rennrunden wurden ihm bisher gutgeschrieben, aber aufs Podest kam er kein einziges Mal – das ist sein trauriger Rekord. Doch in der Branche hat er einen exzellenten Ruf sowohl als Entwickler als auch für seine Aggressivität auf der Piste. Allein, zu oft war er zur falschen Zeit an der falschen Stelle, hatte nie ein wirklich konkurrenzfähiges Auto (was sich mit der Silberpfeil-Kopie von Racing Point jetzt ändern könnte).

Innere Wut und Ehrgeiz

Zuletzt hat ihm Renault überschwänglich gedankt für seine Aufbauarbeit, und ihm dann den Vertrag nicht verlängert. Offenbar sein Schicksal, was die innere Wut und den Ehrgeiz immer noch steigert, es allen zu zeigen. Auch jetzt wieder. Fit ist er, gut drauf sowieso.

Teamchef Otmar Szafnauer freut sich, dass er aus der Notlage das optimale herausholen konnte: „Wir haben mit Nico einen Super-Ersatzmann gefunden. Das ist fantastisch, auch wenn er natürlich ins kalte Wasser geworfen wird. Aber er lernt schnell, und wird deshalb auch schnell schneller werden.“

Hülkenberg fuhr schon für den Rennstall

Racing Point zum Dritten also, denn schon zweimal – als der inzwischen von Lawrence Stroll übernommene und umgetaufte Rennstall noch Force India hieß, stand Hülkenberg dort schon unter Vertrag. 2011 als Testfahrer, 2012 und dann von 2014 bis 2016 fuhr er für die Truppe aus Silverstone. Sein Partner damals war jeweils Sergio Perez. Der Mexikaner war nach einem unklaren ersten Testergebnis am Mittwoch noch einmal überprüft worden, diesmal eindeutig positiv.

Er wurde sofort isoliert, mit ihm auch alle Teammitglieder von Racing Point, die mit ihm in Kontakt standen. Dass nicht gleich der ganze Laden und der Formel-1-Betrieb insgesamt geschlossen wird, hat mit den konsequenten Vorsichtsmaßnahmen zu tun. Genau deshalb, um in der Notsaison nicht plötzlich einen Grand Prix absagen zu müssen, dürfen sich Fahrer nur in bestimmten Blasen bewegen.

Perez droht das Aus bei Racing Point

Mit dem 30 Jahre alten Perez meint es das Schicksal nicht besonders gut: Obwohl er einer der leidenschaftlichsten Piloten im Feld ist und mit dem aktuellen Racing-Point-Mercedes auch eines der besten Mittelfeldautos zur Verfügung hat, droht ihm das Aus. Teamchef Stroll liebäugelt damit, Sebastian Vettels Karriere zur verlängern und damit einen Top-Mann an die Seite seines Sohnes Lance zu stellen, damit der Rennstall nach oben katapultiert wird. Offenbar lässt der Vertrag von Perez eine Kündigung zu, wenn diese bis zum 31. Juli ausgesprochen und mit einer hohen Abfindung vergolten wird.

Der Mexikaner hatte bereits Mitte Juli aktiv andere Rennställe angesprochen, um sich ein Cockpit für 2021 zu sichern. Er kann auf die Mitgift mexikanischer Sponsoren zählen, wenn er sich bei Haas oder Alfa Romeo bewirbt. Immerhin geht es Perez bislang gesundheitlich gut, er muss aber zehn Tage in Quarantäne verbringen und fällt somit auch für das zweite Rennen kommende Woche in Silverstone aus. „Es ist einer der traurigsten Tage meiner Laufbahn“, sagt „Checco“, der zwischen den Rennwochenenden zwei Tage auf Heimatbesuch bei seiner kranken Mutter in Mexiko war.

Für Hülkenberg sprach die größere Erfahrung

Sein Landsmann Esteban Gutierrez war zunächst als Ersatzmann vorgesehen, und auch schon in Silverstone vor Ort. Gutierrez gehört zum Mercedes-Reservepool, auf den Racing Point vertraglich Zukunft hat. Er hatte zuletzt 2016 einen Grand Prix bestritten. Damit war Hülkenberg im Vorteil: Größere Erfahrung, aktuelles Wissen, höhere Chancen. Und natürlich den Biss, sich mit einer guten Vorstellung für eine Rückkehr im nächsten Jahr zu empfehlen. Weshalb der Rennfahrer seine Reiseplanung fürs Wochenende am Donnerstag rasch umstellen musste: statt zu Probefahrten mit einem Lamborghini an den Nürburgring zu fahren, machte er sich schnurstracks auf den Weg nach Silverstone.

Den Helm hatte er ja schon im Gepäck. Sofort nach der Ankunft absolvierte er den Corona-Test. Allerdings musste er am Freitagmorgen noch einmal zum Testcontainer an der Strecke und danach in der Rennfabrik von Racing Point warten, bangen, hoffen. Diese liegt direkt gegenüber der Einfahrt zum Silverstone Circuit.

Auftakt gelungen: Platz sieben im Training

Dann geht kurz vor zwölf alles ganz fix: noch einmal das Testergebnis bestätigen lassen, grünes Licht der Ärzte, im Laufschritt in die Box. Jetzt nur noch den Sitz anpassen, den schwarzen Helm ohne Sponsorenaufkleber überstülpen, sich in den von Lance Stroll geliehenen Rennoverall zwängen, seine Nummer 27 auf die rosa Fahrzeuglackierung kleben – und Go!

Nach einer Stunde auf der Strecke von Silverstone bat er Racing Point um eine Auszeit. „Kann ich eine kurze Pause machen?“, funkte Hülkenberg an die Box: „Meine rechte Pobacke wird taub, da unten ist ein Druckpunkt.“ Der in einer Hauruck-Aktion angepasste Sitz ließ noch ein paar Wünsche offen.

Der Auftakt aber gelang mit Platz sieben im Training. Hülkenberg hatte nur etwas mehr als eine halbe Sekunde Rückstand auf Teamkollege Stroll, der die Bestzeit fuhr.