Boris Herrmann

Warum der Weltumsegler sein Handy "im Briefkasten versenkt"

| Lesedauer: 12 Minuten
Tatjana Pokorny
Weltumsegler Boris Herrmann steht auf der inzwischen verkauften „Seaexplorer“.  Derzeit ensteht ein neues Hightech-Boot.

Weltumsegler Boris Herrmann steht auf der inzwischen verkauften „Seaexplorer“. Derzeit ensteht ein neues Hightech-Boot.

Foto: Andreas Lindlahr / Andreas Lindlahr/Team Malizia

Spektakuläres Boot von Herrmann geht in finale Bauphase. Segel-Comeback des Vendée-Globe-Helden in Sicht.

Hamburg.  Gute 1100 Kilometer liegen in diesem Moment zwischen der Barkasse, mit der Boris Herrmann und sein Team entspannt über die Elbe schippern und dem neuen Boot des Segelprofis, das gerade in Vannes im Norden Frankreichs in die finale Bauphase geht.

Vielleicht der Grund, warum der 40-Jährige während des Interviews mit der Sonne um die Wette strahlt – vielleicht ist es aber tatsächlich in diesem Moment die berühmte Handbreit Wasser unter seinem Kiel. Ein Gespräch über die nächsten Schritte, seinen Hamburger Lieblingsort und seinen persönlichen Trick für eine erfolgreiche Handypause.

Boris Herrmann: Neues Boot geht in finale Bauphase

Hamburger Abendblatt: Herr Herrmann, Sie sind vor Kurzem zum Hamburger Sportler des Jahres gewählt worden. Ist das eine besondere Ehrung unter den vielen Preisen, mit denen Sie für Ihre Vendée-Globe-Premiere ausgezeichnet wurden?

Boris Herrmann: Definitiv! Ich bin seit 2013 hier zu Hause und liebe diese Stadt. Sie war schon früher das Gravitationszentrum zwischen meiner Geburtsstadt Oldenburg und dem Segel-Mittelpunkt Kiel. Ich fühle mich als Hamburger, deswegen bedeutet mir dieser Preis viel. Zudem war 2021 ein tolles Sportjahr, in dem ich auch sehr gerne im Clubhaus des Norddeutschen Regatta Vereins mit den Olympiaseglern mitgefiebert habe, als sie in dreieinhalb Stunden drei Medaillen gewonnen haben. Es freut mich, dass mit Erik Heil und Thomas Plößel zwei von ihnen zu Hamburgs Sportmannschaft des Jahres gewählt wurden.

Bei Ihnen müssen sich die Preise für die erfolgreiche Solo-Weltumseglung stapeln …

Es geht (lächelt). Ich habe einige im Büro, einige in unserer Wohnung. Die Vendée-Globe-Weltkugel mit einem Segel in ihrem Inneren ist schön. Sie steht im Bücherregal, sodass ich sie vom Bett aus sehen kann.

Sie sind seit bald eineinhalb Jahren ohne eigenes Boot, nachdem die „Seaexplorer“ im Anschluss an die Vendée Globe verkauft wurde. Wie geht es mit dem Neubau im französischen Vannes voran?

Wir liegen im Plan, wenn auch nur knapp. Wir haben nach wie vor den 19. Juli um 10 Uhr im Visier, das Boot recht segelfertig zu Wasser zu bringen. Wir haben also keine Zeit zu verlieren.

Sie haben ein „radikal anderes Boot“ angekündigt. Wie wird es aussehen?

Unser neues Boot wird optisch sehr viel runder aussehen, sowohl in Quer- als auch in Längsrichtung. Ein Stück weit wirkt es wie eine Banane, so rund, wie ein Kind ein Boot malen würde. Es sieht insgesamt größer und fetter aus als die „Seaexplorer“. Es hat mehr Freibord, der Rumpf ist höher, das Deck größer. Es ist eher ein Traktor fürs Gelände und weniger ein Formel-1-Wagen, der über eine flache Piste rast.

Weil die See bei Weltumseglungen oft stürmisch und eben nicht immer ideal glatt ist …

Genau. So ein Schiff wurde definitiv noch nie gebaut.

So viel Boris Herrmann steckt in dem neuen Boot

Wie viel Herrmann steckt im neuen Boot?

Schon viel! Ich wollte ein Boot mit rundem Bug. Die Frage ist nur, wie extrem man es macht und wie viel man sich wieder ausreden lässt. Am Ende haben wir mit dem Team von Designern und Konstrukteuren, in Telefonaten, Konferenzen oder mit bis zu 15 Leuten am Tisch entlang von internen und externen Studien versucht, den idealen Gesamtsatz zusammenzubrauen und eine gemeinsame Linie gefunden. Dabei muss man ganz viele Kompromisse eingehen.

Zum Beispiel?

Der große Dauer-Kompromiss besteht in der Balance zwischen dem Wunsch nach maximalem Geschwindigkeitspotenzial bei gleichzeitiger Robustheit und Allround-Fähigkeiten des Bootes in allen Bedingungen. Die Bugform ist stark von der Class 40 inspiriert. Dazu haben wir die Regeln der Imoca-Klasse zu beherzigen. Daraus entsteht ein Boot, das fürs Auge vielleicht weniger gefällig ist als die Vorgängerin. Es ist ein Boot, bei dem alles dem Zweck untergeordnet ist.

Die Berechnungen für so einen Neubau sind weitgehend theoretischer Natur, finden auf Basis gesammelter Erfahrungswerte und Annahmen am Rechner statt. Besteht auch die Gefahr, falschzuliegen?

Unseren ersten aus heutiger Sicht angedachten Start bei der Regatta Défi Azimut Ende September kann man vielleicht als D-Day bezeichnen. Da werden wir sehen, ob wir richtig gearbeitet haben. Ist Romain Attanasio mit der alten „Seaexplorer“ schneller als wir, dann haben wir etwas falsch gemacht. Diese Sorge hat man immer im Hinterkopf.

Die Popularität der Vendée Globe steigt weiter, der Imoca-Bootsbaumarkt boomt wie nie. In diesem Jahr entstehen sieben neue Boote, bis 2023 werden es 15 sein. Gibt es auch Spionage unter den Teams wie im America’s Cup?

Nein, das ist unmöglich und entspricht auch nicht dem Geist des Rennens. Die großen Teams betreiben ihre Projekte in Abgeschlossenheit und für sich. Auch die drei in Vannes, die bei der Werft Multiplast entstehen und zu denen wir gehören, arbeiten klar getrennt voneinander.

Sie haben während Ihrer Vendée-Globe-Premiere Meeresdaten für die wissenschaftliche Klimaforschung gesammelt. Wird auch das neue Boot wieder so ein Mini-Labor an Bord haben?

Das bewährte Labor segelt eins zu eins wieder mit. Es hat seinen Dienst sehr zuverlässig getan. Wir waren im Zeitraum der Vendée Globe der größte Datensammler weltweit und sind stolz darauf. Die Halterungen für das Labor sind schon eingebaut.

Wie groß ist Ihre Sehnsucht, endlich wieder eine Regatta auf eigenem Kiel zu bestreiten?

Die ist da, und ich freue mich darauf. Die erste Regatta mit dem neuen Boot wird schneller kommen, als wir denken …

Ihr Team plant für die kommenden vier Jahre rund ein Dutzend Regattateilnahmen und zwei große Gipfelstürme: die wichtigste Mannschaftsweltumseglung The Ocean ­Race ab 15. Januar 2023 und Ihre zweite Vendée Globe 2024/2025. Das alles mit dem Neubau. Haben Sie manchmal Angst, dass diesem Boot etwas zustößt, was alle Pläne zunichtemachen könnte?

Natürlich machen wir uns darüber Gedanken. Einige Kampagnen wie Charal oder LinkedOut haben ihre alten Boote zur Sicherheit behalten.

Ihr 2016 mit Pierre Casiraghi gegründetes und anfangs nur mit Direktorin Holly Cova und zwei, drei weiteren engen Mitstreitern angetriebenes Team ist im vergangenen Jahr enorm gewachsen. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Wir haben jetzt 31 fest angestellte Mitglieder aus elf Nationen und viele weitere direkte und indirekte Mitarbeiter. Wir haben mit dem Yacht Club de Monaco, EFG, Zurich, Kühne + Nagel, MSC, Hapag-Lloyd und Schütz starke Partner. Das Team ist jung und gesund gewachsen. Wir sind jetzt ein richtiger Rennstall mit Strukturen, Büro, Hangar, Containern und allem, was dazugehört.

Boris Herrmann: Warum sich der Segler Team-Verstärkung geholt hat

Hätten Sie sich das vor zehn Jahren erträumt?

Ganz ehrlich: Mein Horizont verschiebt sich täglich. Vor einer Weile habe ich noch gedacht, wir müssen als Team schlank bleiben. Jetzt war die Verstärkung in einigen Bereichen wichtig und richtig. Das Tolle ist, dass wir bei dieser Fünf-Jahres-Kampagne Spielraum haben, wann wir wie viel Geld investieren. Die aktuelle Boots- und Aufbauphase ist intensiver. Alles geht gut voran, wir verlieren keine Zeit und sind gut aufgestellt.

Wird sich Ihre Rolle im Laufe der Kampagne verändern?

Sicher. Momentan habe ich das Team, das „Big Picture“ und vor allem den Bootsbau stark im Blick. Ist das Boot bereit, werde ich mich auf seine Optimierung, das Segeln, die Vorbereitungen auf die Route du Rhum, die erste Transatlantik-Regatta im November, und den Aufbau für The Ocean Race konzentrieren.

Ihr Team-Slogan „A Race we must win“ bezieht sich vor allem auf Ihren Klimakampf und Ihre Beiträge zum Erhalt der Gesundheit der Meere. Welche sportlichen Ziele haben Sie sich für die kommenden Großeinsätze gesetzt?

Ich wünsche mir, dass wir unserem Potenzial gerecht werden. Wir haben eines der größten Teams und starke Partner. Da wollen wir natürlich nicht hinterhersegeln. Ich kann Erfolg aber nicht an nur einem Rennen festmachen. Wir wollen wieder die Top fünf anpeilen und versuchen, vorne mitzusegeln. Andererseits haben auch alle anderen Teams intensiv gearbeitet. Apivia und Charal haben mit 30.000 bis 35.000 Design-Arbeitsstunden fast doppelt so viel investiert wie wir mit rund 20.000. Zum Vergleich: In die Yachten im America’s Cup fließen etwa 150.000 Design-Stunden. Unsere Team-Direktorin Holly Cova hat es in Hamburg bei der Sportgala gut ausgedrückt: Wir wollen sportlich gut dabei sein, aber wir haben eine noch größere Aufgabe zu erfüllen.

Die Anforderungen an Sie sind durchweg hoch. Irgendjemand will immer irgendetwas von Ihnen. Wie schaffen Sie sich den nötigen Freiraum?

Das Problem sind nicht die anderen. Ich bin es selbst, der sich ständig über alles Gedanken macht. Dann wache ich nachts auf. Oder frühmorgens. Manchmal sind mir diese vielen Gedanken unerträglich. Dann gehe ich aufs Wasser zum Wingfoilen oder Kiten. Man muss sich so sehr konzentrieren, diese Boards mit den Füßen auszugleichen, dass man darüber in eine andere Welt eintaucht. Das befreit mich binnen einer halben Stunde. Dann geht es mir wieder gut.

Boris Herrmanns Café-Tipp: Entenwerder1

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Hamburg, wo Sie sich gerne mit Familie und Freunden entspannen?

Entenwerder1 ist gut! Das ist ein schwimmendes Café in Rothenburgsort, schon von Weitem am Goldenen Pavillon zu erkennen. Da herrscht eine schöne Atmosphäre. Und mit meinem Foil bin ich da auch schon rumgefahren.

Schaffen Sie es als Intensiv-Kommunikator, Ihr Handy auch mal aus der Hand zu legen?

Das Handy ist Arbeitsmittel Nummer eins, ohne das wir nicht machen können, was wir tun. Ich versuche, es einmal im Monat für ein Wochenende in den Briefkasten zu versenken und erst am Montagmorgen wieder rauszuholen. Das gelingt mir ganz gut. Aber ich erwische mich dann auch manchmal dabei, dass ich stattdessen zehn Minuten später auf dem Handy meiner Frau Birte schaue, wie morgen der Wind ist oder wen wir treffen können.

Haben Sie immer noch die gleiche unbändige Kommunikationslust, mit der Sie Millionen Fans bei der Vendée Globe zu sich aufs Boot geholt und mitgerissen haben?

Ja. Nur, wenn sich Fragen oft wiederholen, kann es auch mal anstrengend sein, aber ich spreche sehr gerne über unsere Abenteuer und rufe gerne zum frischen Denken im Klimakampf auf.

Die Collector’s Edition „Boris Herrmann“ vom Hamburger Abendblatt gibt es auf abendblatt.de/shop und in der HA-Geschäftsstelle am Großen Burstah.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport