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Boris Herrmann ist bereit für die nächste Vendée Globe

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Tatjana Pokorny
Boris Herrmann auf der Kieler Woche mit Kindern auf der „Malizia“.

Boris Herrmann auf der Kieler Woche mit Kindern auf der „Malizia“.

Foto: dpa

Der Hamburger Segelstar hat den Grundstein für die nächste Fünfjahreskampagne gelegt. Die hat noch ein weiteres großes Ziel.

Kiel.  Er ist wieder da. Bei der Kieler Woche feiert Boris Herrmann ein gutes halbes Jahr nach seiner packenden Vendée-Globe-Premiere sein Comeback auf dem Wasser und an Land. Am vergangenen Sonnabend hatte der 40 Jahre alte viermalige Weltumsegler Deutschlands älteste Regattawoche eröffnet und dabei mit der goldfarbenen Glocke um die Wette gestrahlt, mit der Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther die infolge der Corona-Pandemie erneut in den September verschobene Segelwoche einläutete.

Zuvor hatte der Segelstar mit seinem Team Malizia das Welcome Race bestritten. Für den ins Visier genommenen Rekord fehlte dem schnellen Katamaran „Malizia I“ der Wind. Herrmanns Segelfreude tat das keinen Abbruch: „Es ist so schön, wieder auf dem Wasser zu sein und ein Rennen zu Hause und nicht irgendwo in einem entfernten Winkel der Welt zu bestreiten“, sagte der glückliche Vater einer einjährigen Tochter.

Die 219 Tage seit dem Ende seines stürmischen Ritts um die Welt haben Boris Herrmann und sein auf 16 Kernmitglieder angewachsenes internationales Team Malizia intensiv genutzt, um die Grundsteine für die neue Fünf-Jahres-Doppelkampagne zu legen. In weiteren 318 Tagen, am 19. Juli 2022, soll das neue Boot für Herrmanns kommende Abenteuer fertig sein und getauft werden. „Da sind wir ehrgeizig und auf bestem Weg“, so Herrmann, „die wichtigsten Entscheidungen sind getroffen.“

Boris Herrmann peilt nächste Vendée Globe an

Der Neubau soll den Segelprofi und sein Team bei 18 großen Regatten in mehr als 15 Ländern zu Erfolgen tragen. Höhepunkte des neuen Kapitels im Leben von Deutschlands prominentestem Seesegler werden mit The Ocean Race 2022/2023 das bekannteste Mannschaftsrennen um die Welt und 2024/2025 sein zweiter Vendée-Globe-Start sein. Bei der zehnten Jubiläumsauflage des wichtigsten Solo-Marathons um die Welt wird Herrmann als Mitfavorit ins Rennen gehen.

Sechs Unternehmen werden seine Kampagne beflügeln: das Logistik-Unternehmen Kühne+Nagel, die Zurich Versicherungsgruppe, EFG International, der Yacht Club de Monaco, die Mediterranean Shipping Company (MSC) und die Linienreederei Hapag-Lloyd. In einer Zeit, in der das Finden von Sponsoren im Sport nicht leicht ist, konnte Herrmann die alten Partner mit seinen Leistungen und Aktivitäten zum Schutz der Meere halten und neue dazugewinnen. Darum wird er in der internationalen Segelwelt beneidet. „Wir haben sehr gute und solide Unterstützung, müssen keine Kompromisse machen“, sagt er selbst, ohne das Fünf-Jahres-Budget zu enthüllen.

Einen großen Happen Budget verschlingt der Neubau der Imoca-Yacht. Die künftige Hoffnungsträgerin wurde vom französischen Designbüro VPLP im Zusammenspiel mit Herrmann und seinem Team konstruiert und wird bei Multiplast, der Top-Werft für futuristische Extrembauten, im französischen Vannes gebaut, wo auch Rekordjägerinnen wie „Groupama“ oder „Gitana“ entstanden. Die neue Rennyacht wird unter deutscher Flagge segeln und auch „Made in Germany“-Elemente haben, denn die Decksform entsteht im Westerwald. Unternehmer Udo Schütz ist der deutschen Segelgemeinde neben dem 2014 verstorbenen hanseatischen Vater der deutschen Seesegelszene, Hans-Otto Schümann („Rubin VII“), und Willy Illbruck („Pinta) als einer der drei letzten Admiral‘s-Cup-Eigner bekannt, die den legendären englischen Segelpokal 1993 gewinnen konnten.

In Hamburg hat Boris Herrmann zuletzt viel Zeit in sein Buch „Allein zwischen Himmel und Meer“ gesteckt, das gemeinsam mit dem früheren Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule, An­dreas Wolfers, entstand und am 20. September erscheint. Eine Vorab-Lesung in der Laeiszhalle am 16. September ist bereits ausverkauft, weitere folgen. „Er hatte es nicht leicht mit mir“, sinniert Herrmann lächelnd über die Arbeit mit Wolfers, „denn erstens weiß ich alles besser, zweitens bin ich das Kind eines Deutschlehrers, und drittens wollen wir mehr als nur die Geschichte der Vendée Globe erzählen.“

Ein mobiles Labor, das Daten der Meere erfasst

Herrmann hat die Bucharbeit als fordernd empfunden. Es sei, so der Wortgewandte mit Heimathafen in der HafenCity, nicht einfach gewesen, sich noch einmal mit der Vendée Globe auseinanderzusetzen: „Mit dem Rennen waren eine so große Intensität, eine seelische Last und auch Erschöpfung verbunden. Davon will man sich erholen und es nicht noch einmal erleben.“ Wolfers habe den Prozess federführend gemanagt. „Es gab viele Diskussionen. Das Ergebnis waren sie alle wert. Es ist für alle, die die Vendée Globe noch einmal nacherleben wollen und Abenteuer lieben.“

Zum Wochenende will Herrmann zeigen, dass sein Projekt viel mehr ist als „nur“ ein Segelabenteuer – so er sich denn erholt von der Lebensmittelvergiftung, die ihn am gestrigen Donnerstag ausbremste. Demonstriert wird im Olympiazentrum das mobile Labor, mit dessen Hilfe er während der Vendée Globe an Bord der „Seaexplorer“ wichtige Daten wie den CO2-Gehalt der Meere messen und an Forschungsinstitute übermitteln konnte. Mithilfe von 3-D-Brillen können sich Neugierige in Kiel das neue Boot ansehen. Auf die kleinsten Besucher wartet eine lebendige Einführung in das von Herrmann und Birte Herrmann-Lorenzen entwickelte Bildungsprogramm „My Ocean Challenge“.

Eine finale Poster-Autogrammstunde gibt das neue deutsche Segelsport-Idol am Sonntag zwischen 11 und 12 Uhr. Bis dahin will der Skipper sein Heimspiel vor Kiel auf allen Wellen genießen.

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