Profiboxen

Der letzte Anlauf auf einen großen Titelkampf

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Sebastian Formella (34) gewann 22 seiner 24 Profikämpfe.

Sebastian Formella (34) gewann 22 seiner 24 Profikämpfe.

Foto: Torsten Helmke

Nach zwei Pleiten in 2020 und schweren Rückenproblemen will der Hamburger Profi Sebastian Formella 2022 noch einmal in den USA boxen.

Hamburg. Menschen, die nicht stillsitzen können, sagt der Volksmund nach, sie hätten Hummeln im Hintern. Bei Sebastian Formella müssten es demnach ganze Schwärme sein, die sein Gesäß bevölkern, umso interessanter ist die Phase, die der Hamburger Profiboxer aktuell durchlebt. Der 34-Jährige, im Hauptberuf Containerfahrer im Hafen und damit normalerweise in mindestens zwei Leben unterwegs, ist wegen eines Bandscheibenvorfalls krankgeschrieben. Bei einem Arbeitsunfall Anfang März war er mit einer Zugmaschine kollidiert. Seitdem schmerzte der Rücken so stark, dass er vor fünf Wochen die Notbremse zog

Was natürlich nicht heißt, dass der Mann vom Hamburger Profistall EC Boxing, den seine Fans „Hafen-Basti“ nennen, zur Untätigkeit verdammt wäre. Die Reha, die er bei Katrin Werner im Studio Relaxa in Jesteburg absolviert, läuft auf Hochtouren, 50 Minuten Joggen am Stück funktioniert schon wieder, die Pein im Rücken ist mittlerweile erträglich. Aber Sebastian Formella hat, für seine Verhältnisse zumindest, viel Zeit. Zeit, die er auch genutzt hat, um nachzudenken. Über das, was er erlebt hat im vergangenen Jahr, und was noch kommen soll in den verbleibenden Jahren seiner Karriere.

Formella verteidigte Titel in Hamburg

2020 hatte ja vielversprechend begonnen, seinen WM-Titel des nachrangigen Verbands IBO im Weltergewicht hatte Formella im Januar in Hamburg gegen Roberto Arriaza (31/Nicaragua) erfolgreich verteidigt – und anschließend niedergelegt, um im August in den USA gegen Superstar Shawn Porter (33) um eine WM-Chance beim Verband WBC zu kämpfen. In Los Angeles verlor er zwar deutlich nach Punkten, gewann aber die Herzen der Fans mit einem couragierten Auftritt, den viele ihm nicht zugetraut hatten. „Für mich war das ein überragendes Erlebnis, mit dem ich gezeigt habe, was ich kann“, sagt er.

Der Fehler, den er dann machte, war, sich nach den zwölf Runden, die physisch hart, aber vor allem mental ex­trem fordernd waren, nicht ausreichend Pause zu gönnen. Stattdessen stieg er nur drei Monate später in London erneut in den Ring, diesmal gegen den aufstrebenden Briten Conor Benn (24). „Wir dachten, dass er mir liegen würde und ich mit einem Sieg eine WM-Chance bekommen könnte“, sagt er. Was folgte, war eine Demontage, auch weil Formella versuchte, seinen Stil zu verändern. Anstatt auf seine starke Defensive, agile Beinarbeit und Konterfähigkeit zu setzen, wollte er mit Benns Tempo mitgehen und selbst den Kampf bestimmen. Mental und physisch ab Mitte des Kampfes ausgelaugt, wurde er vorgeführt und verlor deutlich nach Punkten.

Zwangspause für Hamburger Profiboxer

Sieben Monate sind seitdem vergangen, die Seele schmerzt jedoch noch immer. „Ich kann damit leben zu verlieren, wenn ich alles gegeben habe wie gegen Porter. Aber diese Schmach wird immer ein Schatten auf meiner Karriere bleiben, sie tut richtig weh“, sagt Sebastian Formella, der bis zu den beiden Auswärtsniederlagen alle seine 22 Profikämpfe gewonnen hatte. Nach dem Benn-Kampf hat er die Handschuhe sechs Wochen lang nicht übergestreift, es folgte die Zwangspause und die Zeit des Nachdenkens, die in Gesprächen mit Trainer Mark Haupt, Manager Steffen Soltau und Promoter Erol Ceylan eine Reihe von Lehren ergeben hat.

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Zum Ersten die, dass er seine Fähigkeiten realistisch einzuordnen versteht. „Für die Weltspitze reicht es nicht, so ehrlich muss ich sein. Aber ich kann die zweite Garde schlagen und die erste ärgern, wenn ich in Topform bin.“ Zum Zweiten könne er diese Topform nur erreichen, wenn er seine Stärken stärke. „Es bringt nichts, nach so vielen Jahren seinen Stil verändern zu wollen. Ich bin Weltmeister geworden mit dem, was ich kann, daran muss ich festhalten“, sagt er

„Mir macht das Boxen immer noch großen Spaß"

Zum Dritten, und das ist die wichtigste Erkenntnis, will er noch einen letzten Anlauf auf einen Titelkampf nehmen. „Mir macht das Boxen immer noch großen Spaß, ich hatte nie den Gedanken ans Aufhören“, sagt er, „aber wenn, dann mache ich es ganz oder gar nicht. Ich bin keiner, der jetzt nur noch Geld abholt und sich dafür verhauen lässt, auch wenn es dafür schon gute Angebote gab.“ Ein für August geplanter Aufbaukampf musste wegen des maladen Rückens ver-legt werden, Ende September soll er voraussichtlich in Hamburg stattfinden.

Und dann will Formella in 2022 wieder in den USA in den Ring. „Einmal noch beweisen, dass der Kampf gegen Porter mein wahres Gesicht war und nicht die Schmach gegen Benn“, sagt er. Voraussetzung ist jedoch, dass Zuschauer zugelassen sind, „denn ich habe gemerkt, wie sehr ich die Energie brauche, die die Fans mir geben“. Die Signale seines Körpers, der unter fast 30 Jahren Leistungssport und der Doppelbelastung auf der Containerbrücke ächzt, will er nicht überhören, „es wird von Jahr zu Jahr härter“, sagt er. Auch sein Team achtet darauf, ihn nicht zu verheizen, wie es im Boxen leider zu oft passiert, wenn Berater noch Verdienste wittern und dabei die Gesundheit der Aktiven aus dem Fokus gerät. Aber die Hummelschwärme im Hintern lassen Sebastian Formella einfach noch keine Ruhe.

( bj )

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