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Deutsche Hocheyherren: Neun Sekunden fehlten zum Titel

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Björn Jensen
Der Hamburger Constantin Staib (r., gegen Lars Balk) schoss das 2:1 kurz vor Schluss.

Der Hamburger Constantin Staib (r., gegen Lars Balk) schoss das 2:1 kurz vor Schluss.

Foto: Willem Vernes / AFP

Im EM-Finale gegen Gastgeber Niederlande kassierte das Team kurz vor Ende das 2:2 – und unterlag im Penaltyschießen. Über das Spiel.

Hamburg. Pirmin Blaak grinste breit, als er nach dem Penaltykrimi den Hauptgrund für den Titelgewinn benennen sollte. „Wahrscheinlich haben wir einfach ein Stück von der deutschen Mentalität übernommen“, sagte der Torhüter der niederländischen Hockeyherren, die sich im Finale ihrer Heim-EM in Amsterdam gegen Deutschland mit 4:1 im Shoot-out durchgesetzt hatten. Worauf der 33-Jährige anspielte, war klar. Neun Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit hatte die Auswahl des Hamburger Bundestrainers Kais al Saadi noch 2:1 geführt, ehe eine von Standardspezialist Jip Janssen verwandelte Strafecke den Ausgleich brachte und „Oranje“ ins Penaltyschießen rettete.

„Die Deutschen sind erst besiegt, wenn sie auf dem Bus in Richtung Heimat sitzen“, lautet eine im niederländischen Hockey gern verwendete Redensart. Am Sonnabendmittag jedoch drehte sich diese Gewissheit um. Diesmal waren es die Niederländer, die ein verloren geglaubtes Finale noch zu ihren Gunsten umzubiegen verstanden. Dabei war das Momentum klar aufseiten der deutschen Herren gewesen, nachdem Constantin Staib vom Hamburger Polo Club mit einem Geniestreich vier Minuten vor Ablauf des letzten Viertels die Führung erzielt hatte.

Hamburger bezwang Torhüter im Penaltyschießen

Mit dem Rücken zum Tor chippte der Angreifer einen Aufsetzer über Blaak hinweg zum 2:1 ins Netz – und belohnte die Mannschaft damit für einen couragierten Auftritt, der den ersten Titelgewinn seit der EM 2013 absolut verdient gehabt hätte.

Dass es nicht so kam, hatten die Niederländer in erster Line ihrem Torhüter zu verdanken, der mit mehreren Weltklasseparaden einen höheren Rückstand vermied und im Penaltyschießen ebenfalls nur einmal – vom Hamburger Niederlande-Legionär Florian Fuchs – bezwungen werden konnte. Der Kölner Christopher Rühr, der per Siebenmeter (21.) die 1:0-Führung besorgt hatte, und der Mülheimer Timm Herzbruch scheiterten, während der junge deutsche Nationalkeeper Alexander Stadler (21/TSV Mannheim) nach einer starken Leistung in der regulären Spielzeit im Shoot-out etwas überfordert wirkte und keinen Versuch parieren konnte.

Große Enttäuschung über Finalniederlage

Die Enttäuschung über die Finalniederlage war riesig im deutschen Lager, und sie paarte sich mit Ärger über die Entscheidungen des Schiedsrichterduos Francisco Vazquez (Spanien) und Dan Barstow (England). Vor dem 1:1 durch Robbert Kemperman (34.) hatte der Ball vor dem Eintritt in den Schusskreis nicht die nötigen fünf Meter zurückgelegt, was die Deutschen per Videobeweis monierten, aber von Videoschiedsrichterin Laurine Delforge (Belgien) nicht bestätigt bekamen.

Damit hatten sie ihr Recht, den Videobeweis zu nehmen, verwirkt, was sich vor der Schlussecke zum 2:2 rächen sollte. Ob der Ball einen deutschen Fuß im Schusskreis touchiert hatte, war auf den TV-Bildern nicht zweifelsfrei zu erkennen. Aber die Entscheidung stand und konnte nicht moniert werden.

Hamburger Bundestrainer mit Leistung zufrieden

Bundestrainer Kais al Saadi gab sich nach der Partie dennoch als fairer Verlierer. „Das Wort ,ungerecht‘ gibt es im Sport für mich nicht, Ergebnisse muss man sich erarbeiten. Ich akzeptiere die Entscheidungen, denn Fehler können passieren, wir haben auch etliche gemacht“, sagte er. Dennoch sei er mit der Leistung seiner Auswahl absolut zufrieden.

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„Wir waren in vielen Phasen stärker als die Holländer und haben eigentlich sogar zu null gespielt, da innerhalb der 60 Minuten kein reguläres Tor gegen uns gefallen ist“, sagte der 44-Jährige. Mannschaftskapitän Tobias Hauke (33) vom Harvestehuder THC sagte: „Wir haben das beste Spiel des bisherigen Jahres gemacht und hätten sehr, sehr gern den Titel mitgenommen. Aber dennoch stimmt mich der Auftritt optimistisch für alles, was noch kommt in diesem Sommer.“

Deutsche Hockeyherren kämpfen um Olympiamedaillen

Und das ist wahrlich nicht wenig. Ende des Monats geht es für die deutschen Herren zu einem letzten Vorbereitungslehrgang nach Spanien, ehe vom 23. Juli an in Japans Hauptstadt Tokio um Olympiamedaillen gekämpft wird. Nach den Eindrücken von Amsterdam lässt sich festhalten, dass der Weg der Erneuerung, der nach Platz vier bei der EM 2019 in Antwerpen (Belgien) eingeschlagen wurde, zielführend zu sein scheint.

Gegen England gewann die spielfreudig und erfolgshungrig wirkende Mannschaft im Halbfinale (3:2) erstmals seit dem Bronzespiel bei Olympia 2016 in Rio wieder eine Partie mit Entscheidungscharakter und zeigte, dass sie auch Rückschläge wie das wilde 6:5 zum Vorrundenabschluss gegen international zweitklassige Franzosen während eines Turniers verarbeiten kann.

Grambusch kehrt in deutsche Hockeyteam zurück

In Tokio soll zudem der in Amsterdam noch wegen eines Zehenbruchs fehlende Kölner Mittelfeldmotor Mats Grambusch ins Aufgebot zurückkehren. Seine Erfahrung wird dem Team guttun. Wenn dann noch das Glück zurückkehrt, könnten es in Japan wieder die Deutschen sein, die am Ende feiern.

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