Basketball-Bundesliga

Towers liefern in Berlin einen Kampf bis zum Erbrechen

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Rainer Grünberg
Leidenschaft pur: Towers-Topscorer Kameron Taylor (r.) erkämpft den Ball gegen Berlins besten Werfer Niels Giffey.

Leidenschaft pur: Towers-Topscorer Kameron Taylor (r.) erkämpft den Ball gegen Berlins besten Werfer Niels Giffey.

Foto: O. Behrendt / imago images/Contrast

Die Wilhelmsburger stehen nach dem achten Sieg in Folge, 75:68 bei Meister Alba Berlin, praktisch im Play-off-Viertelfinale.

Berlin/Hamburg. Zum Freuen und Feiern blieb Marvin Willoughby nur wenig Zeit. Eine Dreiviertelstunde nach dem 75:68 (15:10, 15:19, 23:16, 22:23) beim EuroLeague-Team Alba Berlin, dem zweiten Erfolg über den deutschen Meister und Pokalsieger innerhalb von 18 Tagen (Hinspiel 90:75), saß der Sportchef der Hamburg Towers schon wieder in seinem Auto, „um Termine wahrzunehmen“.

Der achte Sieg in der Basketball-Bundesliga in Folge, die praktisch feststehende Qualifikation für das Play-off-Viertelfinale Mitte Mai, zwingt den 43-Jährigen zu erhöhten Aktivitäten. Mit jedem Erfolg wird die Mannschaft teurer, steigen Erwartungen und Ansprüche – auch in Richtung der neuen Saison. „Das sind alles Herausforderungen für uns, aber ich könnte mir weit schlimmere Probleme vorstellen“, sagt Willoughby.

Towers-Kapitän DiLeo übergibt sich – und spielt weiter

Ernsthafte Schwierigkeiten bereiten die Towers derzeit nur ihren Gegnern. Und wenn es am Sonnabend in der Mercedes-Benz Arena eine Szene im Spiel gab, die exemplarisch für die Einstellung des gesamten Teams steht, dann wohl diese: 3:08 Minuten vor Ende des dritten Viertels signalisiert Kapitän Max DiLeo, dass er ausgewechselt werden will.

Gleich hinter der Bande muss er sich übergeben, eine Spucktüte liegt in Griffweite. Der Deutsch-Amerikaner wischt sich den Mund ab, sagt dann zu Cheftrainer Pedro Calles: „I’m ready again.“ Er könne sofort wieder spielen. 3:04 Minuten später kehrt er zurück aufs Parkett, dirigiert weiter die Defense der Towers.

Towers nerven Titelkandidaten mit guter Verteidigung

Keine Mannschaft liegt in der Bundesliga häufiger am Boden als die Towers – um Bälle zu erobern oder zu sichern. Es ist diese imponierende Intensität in der Verteidigung, die das Team charakterisiert, diese besondere Mentalität, die Calles immer wieder von seinen Profis fordert und sie inzwischen regelmäßig zu sehen bekommt. 21 Ballgewinne, darunter 13 Steals, waren auch gegen Alba der Schlüssel zum Erfolg. Die Towers dagegen leisteten sich nur zwölf Ballverluste inklusive sieben Steals.

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Der Kampf bis zum Erbrechen machte den Siegeszug der vergangenen vier Wochen erst möglich, dazu das gestiegene Selbstvertrauen, „aber genauso die Tatsache, dass uns im Training jetzt genug gesunde Spieler zur Verfügung stehen, um Wettkampfsituationen einstudieren zu können. Das war zuvor selten der Fall“, sagt Willoughby. Dadurch eröffnen sich auch in der Tabelle neue Perspektiven. Platz fünf scheint realistisch, in den Play-offs träfen die Towers dann möglicherweise auf die EWE Baskets Oldenburg, bereits am Mittwoch (20.30 Uhr, MagentaSport) der nächste Gegner in der edel-optics.de Arena.

Spielmacher Hollatz lobt Kampfgeist

In Berlin, das bis auf 2,21-Meter- Center Christ Koumadje in Bestbesetzung antrat, ragte Towers-Shooting-Guard Kameron Taylor mit 23 Punkten, fünf Rebounds, vier Assists heraus. Mit acht Steals stellte er zudem den Saisonrekord von Vechtas Stefan Peno ein. „Unser Kampf war entscheidend.

Und ,Kam‘ hat uns am Ende mit seinen Dreiern gerettet, als die Berliner viereinhalb Minuten vor Schluss plötzlich auf 62:64 herangekommen waren“, würdigte Jung-Nationalspieler Justus Hollatz seinen an diesem Abend wichtigsten Mitspieler. Der hatte ganz im Sinne seines Trainers das Spiel schnell abgehakt: „Acht Siege in Folge sind sehr schön, doch jetzt wollen wir den nächsten.“

Center Kotsar lieferte fünf Korbvorlagen

Wie die Towers als Mannschaft funktionieren, zeigt auch die Statistik ihres Centers Maik Kotsar. Mit sieben Punkten blieb der Este zwar deutlich unter seinem starken Saisonschnitt von 14,4 Punkten, fünf Korbvorlagen für seine Kollegen (Saisonschnitt: 1,9) lieferten jedoch einen erneuten Beweis seiner für einen 2,11 Meter großen „Big Man“ ungewöhnlichen spielerischen Klasse.

Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, dass die Berliner, die bislang 37 Saisonspiele mehr als die Towers absolvierten, im vierten Viertel nach 15 vergeblichen Versuchen ihren ersten Dreier trafen (insgesamt 5 von 23/Towers 9 von 17). Nationalspieler Niels Giffey, mit 14 Punkten neben Luke Sikma Albas Topscorer, wiederholte das Kunststück kurz darauf, für die Wende fielen die Treffer zu spät.

Elbdome: Towers erhöhen Druck auf Senat

Mit ihren Auftritten in der Bundes­liga erhöhen die Towers noch einmal den Druck auf den Hamburger Senat. Wollen sie wie geplant ihre Entwicklung zu einem nationalen und später europäischen Spitzenteam fortsetzen, braucht Hamburgs derzeit erfolgreichste Bundesligamannschaft eine größere Spielstätte.

Hauptgesellschafter Tomislav Karajica hat der Stadt ein entsprechendes Konzept für einen privatwirtschaftlich finanzierten „Elbdome“ mit bis zu 9000 Zuschauern erstmals vor vier Jahren vorgelegt. Ein Standort dafür wurde bis heute nicht gefunden. „Wir haben sportlich und planerisch alle Vorleistungen erbracht, jetzt brauchen wir dringend eine Entscheidung“, sagt Willoughby.

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