Basketball in Hamburg

Towers-Star Kotsar: Über Selbstzweifel zum Topspieler

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Berthold
Maik Kotsar (M.) steht im Schnitt 28:24 Minuten pro Partie für die Towers auf dem Court.

Maik Kotsar (M.) steht im Schnitt 28:24 Minuten pro Partie für die Towers auf dem Court.

Foto: Witters

Der Este Maik Kotsar ist aktuell der begehrteste Center der Basketball-Bundesliga. Zeigt er das auch gegen Alba Berlin?

Hamburg. Das schönste Lob bekam Maik Kotsar (24) in dieser Woche von seiner Freundin Veronica. „Ich bin so stolz auf dich, was du im vergangenen Jahr erreicht hast, obwohl viele Menschen an dir gezweifelt haben. Du verdienst den Hype, der um dich entstanden ist. Das hast du immer“, schrieb die emotionale Lebensgefährtin des Centers der Hamburg Towers bei Instagram.

In der Tat ist der Este, der an diesem Sonnabend (18 Uhr, MagentaSport live) mit seinen Teamkollegen bei Alba Berlin antreten muss, in Basketball-Deutschland derzeit in aller Munde. Innerhalb von 28 Saisonspielen hat sich Kotsar von einem Nobody, der auf der Universität von South Carolina ganz solide war, zu einem Topstar in der Basketball-Bundesliga (BBL) entwickelt.

Derzeit ist der Nationalspieler mit 14,7 Punkten pro Spiel der erfolgreichste Center der Liga. „Ich muss gestehen, dass ich selbst überrascht bin, wie gut und wie schnell ich mich in der BBL zurechtgefunden habe. Ehrlich gesagt bin ich komplett ohne große Erwartungen nach Hamburg gekommen. Ich wollte nur den Sport, den ich so sehr liebe, so gut es geht ausüben. Das ist, glaube ich, bisher ganz gut gelungen“, sagt Kotsar bescheiden.

Was Towers-Star Kotsar so stark macht

Dabei steht außer Frage, dass der 2,11 Meter große und 123 Kilogramm schwere Profi in dieser Spielzeit zu einem unersetzlichen Puzzleteil bei den Hamburg Towers geworden ist. Kotsar ist kein typischer Center, der einfach nur unter den Körben auf Rebounds und leichte Punkte lauert. Trainer Pedro Calles wollte das Toptalent verpflichten, weil Kotsar ein mitspielender „Big Man“ ist.

Für seine Statur ist er erstaunlich beweglich. Fast schon grazil dreht er sich regelmäßig mit einem „Spin Move“, einer Drehung um die eigene Achse, um seine Gegenspieler, um anschließend den Korb zu attackieren. „In der Highschool war ich mit 14 Jahren mit 1,77 Metern recht klein und habe dort vor meinem späten Wachstumsschub als Point Guard gespielt. Diese Beweglichkeit habe ich mir erhalten“, erklärt Kotsar, der pro Partie im Schnitt 28:24 Minuten auf dem Court steht.

Zudem hat er seit März 2020 an Gewicht verloren, nachdem er wegen einer Schulterverletzung in der Vorbereitung auf diese Spielzeit weniger Gewichte stemmen konnte, als er es ursprünglich vorhatte. „Bei den Towers achten die Trainer sehr gut darauf, dass ich eine ideale körperliche Konstitution habe. Zu dürr möchte ich auch nicht werden, schließlich muss man sich in der BBL gegen richtige Schwergewichte behaupten“, sagt Kotsar.

Warum Kotsar für die Towers so wichtig ist

Doch es sind nicht nur seine basketballerischen Fähigkeiten, die auffallen. Vor allem die mentale Stärke ist für einen Spieler, der kaum Profierfahrung mitbringt, außergewöhnlich. Egal ob er fünf Bälle in Folge im Korb versenkt, sechsmal danebenwirft oder von den Schiedsrichtern Foulentscheidungen gegen sich ausgelegt bekommt: Der Este zeigt nie eine negative Körpersprache, hadert nicht mit sich oder anderen und lächelt jeden Pfiff der Referees so charmant weg wie kaum ein anderer BBL-Spieler. „So bin ich halt als Mensch. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich meine Emotionen auf dem Court mal so übermannt haben, dass sie mich an meiner Leistung gehindert haben. Ich habe noch nie ein technisches Foul erhalten“, erklärt Kotsar.

Ohnehin ist der Towers-Center ein Kopfmensch. Wie seine Freundin in dem Instagram-Post andeutete, gab es über die Jahre immer wieder Menschen, die daran gezweifelt haben, dass Kotsar das Zeug zum Profibasketballer hat. Zweimal wurde ihm in den USA ein Stipendium für die Highschool verwehrt, weil er für zu untalentiert gehalten wurde. Seine Eltern finanzierten aus eigener Tasche die Schule, weil sie an ihn glaubten. „Ich habe ein paarmal nicht den Sprung in die Jugendnationalmannschaft geschafft. Da gab es Zweifler. Auf dem College kamen dann Verletzungsprobleme dazu. Diese ganzen Nebengeräusche haben bei mir vor zwei Jahren zu großen Selbstbewusstseinsproblemen geführt“, gibt Kotsar zum ersten Mal öffentlich zu.

Towers-Star Kotsar plagten Selbstzweifel

Seit dieser Zeit beschäftigt sich der Towers-Profi intensiv mit Mentaltraining jeglicher Art. Regelmäßig tauscht er sich mit dem estnischen Sportpsychologen Bert Klemmer aus, der mit seinem Bruder Ats „Klemmer Consultancy“ betreibt. „Es ist unglaublich wichtig für mich, vom Kopf her voll da zu sein. Einmal monatlich oder wann immer ich es für nötig erachte, rufe ich ihn an. Zudem meditiere ich regelmäßig. Mentale Stärke ist genauso wichtig wie körperliche. Und man kann beides trainieren“, sagt Kotsar, der sich eine Stunde vor jedem Spiel zehn Minuten Zeit nimmt, um auf der Spielerbank zu meditieren, während seine Kollegen längst ein paar Bälle auf den Korb werfen.

„Ein Warm-up hat nicht nur etwas mit körperlicher Vorbereitung zu tun. Ich nutze diese Minuten, um mich mental auf die Partie einzustellen, mich zu fokussieren und vom Kopf her in bester Verfassung für Topleistung zu sein“, erklärt Kotsar.

Seine Selbstzweifel hat der Youngster so inzwischen in den Griff bekommen. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er stolz darauf ist, es all den Zweiflern gezeigt zu haben und nun ein international gefragter Basketballprofi zu sein. „Ja, ein wenig Genugtuung ist schon dabei, aber das ist nicht mein Antrieb. Mich interessiert es nicht mehr, was Menschen von außen über mich denken“, sagt der Leistungsträger.

Verlässt Kotsar die Hamburg Towers?

In Hamburg denken die Fans und auch die sportliche Leitung nur das Beste von Kotsar. Gerade die Anhänger befürchten, dass die guten Leistungen dazu führen könnten, dass er nicht lange in Wilhelmsburg zu halten sein wird. Nach Abendblatt-Informationen laufen bereits die Gespräche mit Agent Bennet Ahnfeldt bezüglich einer Vertragsverlängerung.

„Die Towers sind ein toller Club, den ich auch weiterhin sehr gerne repräsentieren würde, aber ich habe mir über meine Zukunft noch gar keine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass mein Agent im Hintergrund arbeitet, möchte aber, dass er all das von mir fernhält. Ich werde erst nach der Saison eine Entscheidung treffen“, erklärt der Center, der zum ersten Mal in seinem Sportlerleben derartige Zukunftsplanungen bewältigen muss.

Doch es gibt Schlimmeres, als sich zwischen vielen guten Optionen entscheiden zu müssen. Und die Angebote werden kommen. Denn: „Das alles ist erst der Anfang“, sagt nicht Kotsar selbst, sondern seine Freundin Veronica – und bringt damit die derzeitige Situation des Towers-Profis perfekt auf den Punkt.