Rudern

Er ist der Prototyp eines idealistischen Sportlers

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Während er auf dem Ruderergometer im Leistungszentrum Ratzeburg ackert, verfolgt Stephan Riemekasten online die Vorlesungen seines Medizinstudiums.

Während er auf dem Ruderergometer im Leistungszentrum Ratzeburg ackert, verfolgt Stephan Riemekasten online die Vorlesungen seines Medizinstudiums.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Stephan Riemekasten studiert Medizin, spricht vier Sprachen, spielt drei Instrumente. Ruderer will nach Tokio, sogar als Ersatzmann.

Hamburg. Ehrliche Worte waren es, die wie eine Abrechnung klangen. „Ich war mit dem Herzen bei meiner Familie, mit dem Kopf beim Studium. Mein Körper allein konnte mich nicht dahin bringen, wo ich hätte sein müssen, um ins Team zu kommen. Ich fühlte mich gefangen in einem System, das nie zum Ziel hatte, mich persönlich zu Bestleistungen zu bringen.“ Stephan Riemekasten hat diese Sätze Anfang des vergangenen Jahres geschrieben, um den Mitgliedern des Hamburger und Germania Ruder Clubs, seines Vereins, seine Entscheidung zu erläutern, sich vom Traum, in Tokio an den Olympischen Sommerspielen teilzunehmen, verabschiedet zu haben.

Ein Jahr später sitzt der 27-Jährige in der Ruderakademie Ratzeburg, wo Deutschlands beste Skuller regelmäßig zu Trainingslagern zusammenkommen, auf einem Fahrradergometer. Zweieinhalb Stunden Ausdauertraining stehen auf dem Programm, die eigentlich in Lago Azul an der frischen Luft auf einem Rennrad hätten stattfinden sollen. Die schlimme Corona-Welle in Portugal hat die Reise verhindert, und so muss Stephan Riemekasten in der Monotonie des Kraftraums seine Kilometer fressen. Zeit genug also, um über seinen Sinneswandel zu reden, schließlich sitzt er nicht zum Spaß auf dem Ergometer. Er will nach Tokio.

Riemekasten kann schneller rudern als viele andere

„Die Situation hat sich dadurch verändert, dass nach der Verschiebung der Spiele um ein Jahr mit Lars Hartig und Timo Piontek zwei Sportler aufgehört haben, die in der Hierarchie vor mir standen“, sagt er, „dadurch habe ich wieder eine realistische Perspektive gesehen, in Japan dabei zu sein.“ Diese Perspektive, an die er sich klammert, ist die Position des Ersatzmannes, über die er seit seinem Eintritt in den Olympiakader 2017 nie hinausgekommen ist, und „um die ich auch hart kämpfen muss, die habe ich keinesfalls sicher“, sagt er. „Aber wenn ich es nach Tokio schaffe, will ich nicht auf der Bank sitzen, sondern am liebsten im Doppelzweier.“

Was ihn limitiert, ist ein Mangel an physiologischer Leistungsfähigkeit. Die Trainer bewerten diese höher als er selbst, was bisweilen zu Konflikten führt, weil Riemekasten, der 2011 Juniorenweltmeister im Einer war, schon oft bewiesen hat, dass er schneller rudern kann als viele andere. „Aber ich muss das akzeptieren. Es ist meine Aufgabe, den Trainern zu beweisen, dass ich ins Boot gehöre“, sagt er. „Ich habe so viel in meinen Sport investiert, dass es sich so anfühlen würde, als wenn ich bei der Besteigung des Mount Everest bei 7000 Metern umdrehen würde, wenn ich jetzt aufgeben würde.“

Der gebürtige Berliner ist Vater von zwei Kindern

Um nachvollziehen zu können, warum Stephan Riemekasten als Prototyp des idealistischen Leistungssportlers taugt, muss man wissen, was er für seinen Traum von Olympia hintanstellt. Der gebürtige Berliner ist Vater von zwei Kindern, drei und ein Jahr alt. In Stellau in der Gemeinde Barsbüttel hat er mit seiner Frau Sophia kürzlich ein Haus gekauft, das er eigenhändig renoviert. Er hat vier Jahre an der US-Eliteuniversität Yale studiert, seinen Bachelor of Science in Neuropsychologie erworben und das Physikum, die Zwischenprüfung für das Medizinstudium, abgelegt.

Da dieses jedoch in Deutschland nicht anerkannt wird, studiert er nun mit Anbindung ans UKE in Hamburg Medizin mit dem Ziel, 2024 zu promovieren und anschließend als Arzt zu arbeiten. Stephan Riemekasten spricht Deutsch, Englisch, Spanisch und etwas Französisch. Seit er zwölf Jahre alt ist, spielt er Geige und Klavier, er war in der Jugend Schlagzeuger in einer Metalband und lernte über die Musik seine Frau kennen.

„Die Atmosphäre, die dort herrschte, werde ich niemals vergessen"

Auf die Frage, warum ein mit einem solch bunten Strauß an Talenten gesegneter Mensch sich zweieinhalb Stunden auf einem Fahrradergometer quält und nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen weiß, als tagein, tagaus zig Kilometer auf dem Wasser abzuspulen, ohne dafür regelmäßig mit Erfolgen belohnt zu werden, erntet man zunächst ein Lachen.

Stephan Riemekasten kennt diese Frage, es sind vor allem die Kommilitonen im Studium, die nicht verstehen können, warum er sich das antut. Dann erzählt er von 2012. Als Zuschauer war er in London bei den Paralympischen Spielen dabei. „Die Atmosphäre, die dort herrschte, werde ich niemals vergessen. Es war für mich ein Erweckungserlebnis. In dem Moment wusste ich: Ich werde alles geben, was ich habe, um einmal als Athlet diese Atmosphäre erleben zu dürfen.“

Riemekasten braucht Erfolge, kleine Belohnungen

Nun ist jedoch auch dieser 192 Zentimeter lange Athlet keine Maschine, sondern ein Mensch, der Erfolge braucht, kleine Belohnungen, um die Motivation nicht zu verlieren. Was jedoch ersetzt diese Momente des kleinen oder großen Glücks, wenn man immer nur Ersatzmann ist bei den großen internationalen Regatten? Wie bleibt man am Ruder, wenn man am Ende doch nur den anderen beim Feiern zuschaut? Stephan Riemekasten hat auch dafür seinen eigenen Weg gefunden. „Niemand kann mir verwehren, bei nationalen Ausscheidungen anzutreten. Außerdem bin ich ein ehrgeiziger Dickkopf und fahre Rennen gegen mich selbst, indem ich versuche, immer noch ein Stück besser zu sein als beim vorigen Wettkampf.“

Und dann sagt er noch einen Satz, der in seiner ehrlichen Klarheit alle Zweifel beiseiteschiebt: „Ich habe meinen inneren Schweinehund so kleingeprügelt, dass ich ihn mittlerweile im Griff habe.“

Riemekasten folgt einem Plan

Stephan Riemekasten mag ein Idealist sein, ein Träumer vielleicht. Aber alles, was er tut, folgt einem Plan. „Ich mache immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Ich kann mir dank meines Sports das Studium finanzieren und meiner Leidenschaft folgen“, sagt er. Der Sold als Soldat in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, die Unterstützung durch die Sporthilfe und das Team Hamburg reichen aus, um finanziell über die Runden zu kommen. Seine Frau, die Psychologie studiert hat, trägt seine Leidenschaft voll mit, „sie ist die beste Partnerin, die ich mir vorstellen kann, und eine enorm wichtige Hilfe“, sagt er.

Am 24. Februar wird ihm allerdings niemand helfen können. In Ratzeburg steht an jenem Mittwoch der Ergometertest an, der den Bundestrainern wichtige Parameter für die Besetzung der Boote liefert. Stephan Riemekasten wird alles geben, was in ihm steckt, um ihnen zu beweisen, dass er die notwendige Leistung bringen kann. Wenn es nicht reicht, wird er weitermachen, bis Paris 2024. Er könnte anders. Aber er will es nicht.