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FC St. Pauli revolutioniert sein Präsidium

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Carsten Harms
St. Paulis Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler und Präsident Oke Göttlich wurden im November 2014 erstmals gewählt

St. Paulis Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler und Präsident Oke Göttlich wurden im November 2014 erstmals gewählt

Foto: Witters

Erstmals sollen bis zu vier Mitglieder des Führungsgremiums hauptamtlich tätig sein. Am 15. November wird darüber abgestimmt.

Hamburg.  Es soll der Aufbruch in eine neue Ära beim FC St. Pauli werden. Erstmals in seiner 110-jährigen Geschichte wird es künftig hauptamtliche, also bezahlte, Mitglieder im Präsidium geben – wenn auf der Mitgliederversammlung am 15. November mindestens 75 Prozent der Abstimmenden den Weg dafür frei machen. Den entsprechenden Antrag zur dafür notwendigen Satzungsänderung haben jetzt das amtierende, vor drei Jahren gewählte Präsidium und der Aufsichtsrat, der seit 2018 im Amt ist, für die anstehende Versammlung eingebracht.

„Wir haben uns schon seit 2015 immer wieder die Frage gestellt, wie wir es schaffen, diesen Verein zukunftssicherer und nachhaltiger aufzustellen. Für uns ist immer noch sehr wichtig, dass wir ein eingetragener Verein sind und keine ausgegliederte Kapitalgesellschaft im Profifußballbereich haben“, sagt Sandra Schwedler, die seit Ende 2014 Aufsichtsratsvorsitzende des Millerntor-Clubs ist.

„Doch wie können wir mit einem ehrenamtlichen Aufsichtsrat und Präsidium die anstehenden Aufgaben gut bewältigen?“, so Schwedler weiter. Schließlich ist der FC St. Pauli inzwischen mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro und mehr als 600 Beschäftigten nicht nur ein Sportverein mit 23 Abteilungen, sondern auch ein mittelständisches Unternehmen.

„Unsere Prämisse ist, dass die Mitbestimmung der Mitglieder nicht beschnitten wird"

Bei der Suche nach der geeigneten Lösung wurden die Protagonisten im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) unter Paragraf 30 fündig. Dieser sieht die Bestellung von „besonderen Vertreterinnen und Vertretern“ in ein bestehendes Präsidium vor. Im konkreten Fall plant der FC St. Pauli, dass es maximal vier dieser Personen zusätzlich zu den von den gewählten Präsidiumsmitgliedern geben soll.

Auf jeden Fall soll die Zahl der hinzugeholten Personen aber kleiner sein als die der ehrenamtlichen Führungskräfte. „Unsere Prämisse ist, dass die Mitbestimmung der Mitglieder nicht beschnitten wird. Gleichzeitig aber ist die Frage, wie wir es schaffen können, schnelle Entscheidungen zu treffen, um auf das Marktgeschehen reagieren zu können“, sagt Sandra Schwedler.

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Der Plan bedeutet, dass künftig nicht etwa die derzeitigen vier Mitglieder des Präsidiums bezahlt werden, sondern andere Personen in diese Ebene aufrücken. Dies können Experten aus den Bereichen Sport, Recht, Finanzen, Vertrieb und Vermarktung/Sponsoring sowie Vereinsstrategie und Clubentwicklung sein – ganz nach dem jeweils aktuellen Bedarf.

Bei der revolutionär anmutenden Kursänderung geht es nicht um kurzfristige Aspekte

Ein entscheidender Unterschied zwischen den derzeitigen Geschäfts­leitern, die die höchste hauptamtliche Ebene des Clubs bilden, und den künftigen bezahlten Präsidiumsmitgliedern wird sein, dass Letztere in ihrem jeweiligen Bereich den Verein nach außen verantwortlich vertreten dürfen, aber entsprechend auch in der Haftung stehen.

Präsident Oke Göttlich stellt dabei klar, dass es bei der revolutionär anmutenden Kursänderung nicht um kurzfristige Aspekte geht. „Diese Satzungsänderung zielt nicht allein auf die aktuelle Situation ab, sondern soll den Verein möglichst in den kommenden zehn bis 20 Jahren begleiten. Es ist eine Zukunfts­sicherung, die personenunabhängig sein soll. Je nach Konstellation, wer im Ehrenamt sitzt, kann man sich die Expertinnen und Experten aus diesen Bereichen bestmöglich dazuholen“, sagt er. „Wir können es so schaffen, das Beste aus beiden Welten zusammenzufügen.“

„Sollte die Satzungsänderung beschlossen werden, müsste sie anschließend beim Amtsgericht eingetragen werden. Erst dann würde sich das Präsidium überlegen, für welchen Bereich die besonderen Vertreterinnen und Vertreter sinnvoll sind und wer dies sein könnte“, betont Sandra Schwedler. Diese Vorschläge müssten dann mit dem Aufsichtsrat abgestimmt werden. „Wir haben diese Struktur nicht gebaut, um irgendwelche Leute, die wir jetzt gerade sehen, in eine Position zu hieven“, sagt sie weiter. Trotz aller Bekenntnisse, erst nach dem Mitgliedervotum über die Bestellung der besonderen Vertreterinnen und Vertreter zu befinden, ist Sportchef An­dreas Bornemann ein logischer Kandidat für einen der Posten. Im Moment ist im Präsidium Präsident Göttlich selbst unter anderem für diesen Bereich zuständig.

Unklar, ob Mitgliederversammlung durchgeführt werden darf

Da nach dem Rücktritt von Joachim Pawlik im Sommer dieses Jahres das gewählte Präsidium nur noch aus vier Personen besteht, könnten zunächst also maximal drei Hauptamtliche in dieses Gremiun berufen werden. Ob Pawliks Ehrenamtsposten vor der kompletten Neuwahl im Herbst 2021 nachbesetzt wird, ist noch offen.

Zu den Chancen, eine mindestens 75-prozentige Mehrheit zu erhalten, will sich Oke Göttlich lieber nicht äußern und vergleicht die Abstimmung mit einem Fußballspiel, bei dem man vorher auch nie so ganz genau weiß, wie es ausgeht. Eine Verweigerungshaltung der Mitglieder ist aber nicht wirklich zu befürchten, da der Antrag nicht nur vom Präsidium, sondern auch von dem mit mehreren sehr Fan-nahen Mitgliedern besetzten Aufsichtsrat, allen voran Sandra Schwedler selbst, eingebracht und nachvollziehbar begründet worden ist.

Etwas unsicherer ist eher, ob die auf der Haupttribüne des Millerntor-Stadions geplante Mitgliederversammlung durchgeführt werden darf. Die Erfahrungen bei den beiden jüngsten Heimspielen mit bis zu 2226 Zuschauern beim Match gegen Heidenheim könnten sich aber als hilfreich erweisen.

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