Trainingslager

Streit um Corona-Ausbruch im Olympia-Boxteam

Schwergewichtler Ammar Abbas Abduljabar (24) gehört seit April 2019 zum deutschen Nationalkader. Der Hamburger ist im Irak geboren.

Schwergewichtler Ammar Abbas Abduljabar (24) gehört seit April 2019 zum deutschen Nationalkader. Der Hamburger ist im Irak geboren.

Foto: Thorsten Ahlf

Fast der komplette Kader infizierte sich im Trainingslager. Auch der Hamburger Ammar Abduljabar ist betroffen. Vorwürfe gegen Verband.

Hamburg. Am Sonntagmittag war Michael Müller um Schadensbegrenzung bemüht. „Unsere Mediziner haben jeden Tag Kontakt mit den Sportlerinnen und Sportlern sowie dem Trainerteam. Allen geht es den Umständen entsprechend gut“, sagte der Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) dem Abendblatt. Einige könnten sogar auf ihren Zimmern bereits wieder Gymnastik machen. „In der Masse herrscht wieder Normalität“, sagte Müller.

Am Freitagabend hatte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ als erstes Medium von einem Ausbruch des Coronavirus im Trainingslager des deutschen Olympiakaders berichtet. Die olympischen Faustkämpfer hatten sich in ihrem Hotel in Längenfeld (Österreich) mit Covid-19 infiziert. Am Sonntag gab der DBV bekannt, dass sich 16 der 17 teilnehmenden Aktiven – elf Männer, darunter auch der Hamburger Schwergewichtler Ammar Abbas Abduljabar (24), und sechs Frauen – angesteckt haben, also bis auf die Schwerinerin Ornella Wahner alle. Dazu kommen zahlreiche Mitglieder des 16-köpfigen Funktionsteams.

Spieler von Schalke 04 gilt als mögliche Infektionsquelle

Als mögliche Infektionsquelle gilt ein Spieler des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, der sein Trainingslager im selben Hotel abhielt und dessen Aufenthalt sich anfangs mit dem des Boxteams überschnitt. Allerdings erklärte Michael Müller gegenüber dem Abendblatt, dass der infizierte Fußballer in einem anderen Trakt des Hotels isoliert gewesen sei und das komplette Boxteam keinerlei Kontakt zu anderen Hotelgästen gehabt habe. „Wir haben eine separate Etage belegt und konnten per Aufzug direkt in die Trainingsräume gelangen“, sagte er.

Diese Aussage wiederum deckt sich nicht mit Schilderungen, die dem Abendblatt aus Tirol von Betroffenen übermittelt wurden. Offiziell darf sich niemand äußern. Intern jedoch ist die Stimmung aufgewühlt. So berichten Teilnehmer, dass es sehr wohl Kontakte zu den Schalker Profis gegeben, man sogar teilweise auf derselben Etage Tür an Tür gewohnt habe. Der Infektionsfall sei auch bekannt gewesen, die Teamleitung habe explizit vor Kontakten gewarnt und auf das Tragen von Masken im Hotel bestanden.

Hamburger Verband fordert Aufklärung

Noch schwerer wiegt allerdings der Vorwurf, dass infizierte Sportler zum Weitertrainieren gedrängt worden seien, obwohl sie sich vor Bekanntwerden ihrer positiven Tests bereits mit einschlägigen Symptomen unwohl gefühlt hatten. Die Aussage Müllers, die Infizierten würden keine stärkeren Symptome aufweisen, sei ebenfalls nicht richtig. Sportler berichten von brennenden Schmerzen in der Lunge, von Geschmacksverlust und Erschöpfung. Bundestrainer Michael Timm (57), früher viele Jahre als Weltmeistermacher bei den Profis des Hamburger Universum-Stalls aktiv, lag mehrere Tage mit Fieber im Bett. Er bestätigte dem Abendblatt, er sei seit Sonnabend „wieder über den Berg“.

Für Verwirrung sorgt zudem der Fakt, dass Müller seinen viertägigen Aufenthalt in Österreich am vergangenen Montag wie geplant beendete, obwohl sich die Ausnahmesituation dort bereits abzeichnete. Dass auch der Mannschaftsarzt, dessen Name dem Abendblatt vorliegt, und der mit der Leitung des Trainingslagers betraute Teammanager Martin Volke mittlerweile abgereist sind und das Team ohne persönliche Betreuung vor Ort in Quarantäne ist, beunruhigt die Betroffenen zusätzlich.

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„Mein Aufenthalt war nur vier Tage vorgesehen, ich habe mich direkt nach meiner Rückkehr testen lassen, mit negativem Ergebnis“, sagte Michael Müller. Die Mannschaft werde von DBV-Medizinern telefonisch und von österreichischen Ärzten vor Ort betreut. „Jeden Morgen ist Wohlfühlkontrolle. Dass Infizierte zum Training gezwungen werden, weise ich ganz klar zurück. Die Gesundheit ist das Wertvollste, die riskieren wir auf keinen Fall.“ Bis zum 19. September werden die letzten Athleten in Deutschland zurückerwartet, dann steht an deren jeweiligen Stützpunkten ein umfassender Medizincheck an. Müller: „Erst wenn dieser ohne Beanstandung ausfällt, ist die Rückkehr in die Trainingsbelastung möglich.“ Vom 14. bis 18. Oktober soll der Nationalkader am internationalen Cologne Cup in Köln teilnehmen.

Der Hamburger Verband, zu dem der ebenfalls erkrankte Abduljabar zählt, fordert nun Aufklärung vonseiten des DBV. Vizepräsident Raiko Morales sagte dem Abendblatt: „Eine lückenlose Aufarbeitung zu den Umständen und Ursachen ist zwingend notwendig. Ein Restrisiko einer Infektion besteht leider immer. Doch stellt sich heraus, dass dieses Unglück hätte vermieden werden können, wofür es mittlerweile die ersten Anzeichen gibt, dann müssen die notwendigen Konsequenzen erfolgen.“