Jack Culcay vs. Abass Baraou

Deutscher Kampf des Jahres – Gewinner war der Boxsport

Jack Culcay (Foto) siegte im deutschen Boxkampf des Jahres in Berlin gegen Abass Baraou.

Jack Culcay (Foto) siegte im deutschen Boxkampf des Jahres in Berlin gegen Abass Baraou.

Foto: Picture Alliance / Photowende

Duell zwischen Jack Culcay und Abass Baraou hielt alles, was es versprochen hatte. Der Sieger darf nun eine WM-Ausscheidung boxen.

Berlin. Seine Stimme brach, die Tränen konnte Abass Baraou nur mit Mühe zurückhalten, als er den Ausgang des deutschen Boxkampfs des Jahres kommentieren musste. Dieser hatte zwar all das gehalten, was man sich von ihm versprechen konnte, aber nicht das Ergebnis hervorgebracht, das sich der 25 Jahre alte Superweltergewichtler vom Berliner Sauerland-Team erhofft und auch verdient gehabt hätte.

„Ich finde, ich habe eine super Leistung gebracht. Ich fühle mich nicht besiegt, dieser Kampf wird mich nicht daran hindern, an die Spitze zu kommen“, sagte Baraou – und landete damit, als der Sonnabend gerade ein paar Minuten alt war, einen letzten Volltreffer.

Zwölf hart umkämpfte Runden – Jack Culcay am Ende vorn

Während der Unterlegene also Frust und Trauer bewältigen musste, stand der Sieger mit blutunterlaufenem rechten Auge und einem Handtuch um die Schultern im Havelstudio in Charlottenburg und genoss seinen Triumph. Und obwohl Baraou auf dem Punktzettel dieser Zeitung eine Runde und bei Punktrichter Oliver Brien sogar drei Runden mehr gewonnen hatte, konnte man Jack Culcay beileibe nicht einen unverdienten Sieger nennen.

Zum einen, weil Iko Bebic (eine Runde) und Peter Milord (zwei Runden) ihn im Vorteil sahen. Zum anderen, weil die zwölf Runden in der Mehrzahl derart hart umkämpft waren, dass ein Abweichen der Punkturteile keinesfalls ein Skandal war.

„Abass hat super gekämpft. Ich glaube, dass ich zwei Runden vorn lag, aber ich bin Sportsmann. Ein Rematch können wir gern machen“, sagte Jack Culcay. Der 34-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, Kämpfe, die man gewonnen zu haben glaubt, nicht zugesprochen zu bekommen.

Schlussrunden brachten die Entscheidung

Und er ist grundsätzlich ein feiner Mensch; einer, der seine nun auch schon elf Jahre andauernde Profikarriere ohne Skandale oder Eskapaden bestritten hat und nie schlecht über Gegner redet, weder vor noch nach einem Kampf. Letztlich war es seiner Erfahrung aus nun 33 Profikämpfen mit 29 Siegen zuzuschreiben, dass er dem im zehnten Profikampf erstmals besiegten Baraou in den Schlussrunden noch einmal so arg zusetzen konnte, um damit die Punktrichter zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Der Dank dafür, sagte Culcay, gebühre seinem neuen kubanischen Trainer Franquis Aldama, der ihn nach Runde neun angetrieben habe, weil der von seinem neuen Coach Adam Booth sehr offensiv eingestellte Baraou zu dem Zeitpunkt in Führung lag. „Danach habe ich mehr Gas gegeben und mir die nötigen Runden geholt“, sagte er.

Gewinner dieses Kampfabends ist der Boxsport

Keine Diskussionen gab es darüber, dass der eigentliche Gewinner dieses Kampfabends keinen Namen trug, sondern der Boxsport war. Oft – und das in vielen Sportarten – halten im Vornherein hochgelobte Ansetzungen nicht, was sie versprechen.

Das Duell der beiden besten deutschen Boxer im Limit bis 69,853 Kilogramm, die auch als Amateure hatten glänzen können – Culcay war 2009 Weltmeister, Baraou 2017 immerhin WM-Bronzegewinner – stand technisch, athletisch und taktisch auf einem Niveau, das man national selten gesehen hat in den vergangenen Jahren, und das Boxpuristen jubilieren ließ.

Und als sich die beiden Kontrahenten in Runde zehn und elf Fuß an Fuß gegenüberstanden und ohne auch nur die kleinste Atempause und trotzdem gezielt aufeinander einschlugen, kamen sogar die Freunde der harten Hände auf ihre Kosten.

Nur 118 Zuschauer waren live im Havelstudio dabei

In diesen Momenten kam man nicht umhin sich vorzustellen, was losgewesen wäre, wenn anstelle der 118 geladenen Gäste im Havelstudio mehrere Tausend Zuschauer in einer großen Arena hätten dabei sein dürfen. Daran jedoch wollte Ingo Volckmann keinen Gedanken verschwenden.

Der Chef des ausrichtenden Agon-Stalls, der auch Culcay promotet, freute sich über die Werbung, die der Hauptkampf und auch Teile des Vorprogramms für den Boxsport machen konnten. „Wir hoffen, dass Abende wie diese dazu beitragen, dass die großen TV-Sender Lust bekommen, mit uns zusammenzuarbeiten“, sagte der Unternehmer, der sich allerdings nur dank Culcays Sieg als Gewinner fühlte.

„Wenn Jack verloren hätte, hätte der Abend uns weit zurückgeworfen“, gab er zu. Während sich der gebürtige Ecuadorianer dank des Sieges einen WM-Ausscheidungskampf beim Verband IBF gegen einen noch nicht benannten Gegner sicherte und seinem 2016/17 gehaltenen WBA-Titel weitere WM-Ehren anfügen könnte, dürfte auch Abass Baraou eine erfolgreiche Zukunft vor sich haben.

Comeback sechs Monate nach WM-Pleite gelungen

Im zehnten Kampf gegen einen Weltklassemann wie Culcay so couragiert mitgehalten zu haben, wird ihm lukrative Offerten einbringen, sobald nach Corona wieder internationale Duelle problemlos möglich sind. „Wir werden mit ihm noch sehr viel Freude haben“, sagte Promoter Nisse Sauerland, der sich immerhin auch über einen wichtigen Erfolg freuen konnte.

Der ins Mittelgewicht abgestiegene Vincent Feigenbutz (24) zeigte sich bei seinem Comeback sechs Monate nach der WM-Pleite gegen Caleb Plant (USA) und der Trennung von seinem langjährigen Manager Rainer Gottwald runderneuert und gewann mit einer von ihm noch nie gezeigten boxerischen Glanzleistung durch einstimmigen Punktsieg über Agons Jama Saidi (27) den IBF-Interkontinentaltitel.