Interview

Laura Lindemann: „Halbe Sachen mache ich sehr, sehr ungern“

Laura Lindemann war in Hamburg 2017 Dritte und 2018 Zweite. Nun soll der Sieg folgen.

Laura Lindemann war in Hamburg 2017 Dritte und 2018 Zweite. Nun soll der Sieg folgen.

Foto: Witters

Triathletin spricht vor der Doppel-WM im Stadtpark über ihren Kampfgeist, Corona-Ängste und Olympische Spiele ohne Fans.

Hamburg. Den obligatorischen Corona-Test absolvierte Laura Lindemann am Montag. Ihre Form schätzt die 24 Jahre alte Potsdamerin als „sehr gut“ ein. Die Voraussetzungen für Deutschlands beste Triathletin auf der Sprint- und Kurzdistanz, die 2017 Sprint-Europameisterin war, scheinen also bestens, um bei der Doppel-WM an diesem Wochenende im Hamburger Stadtpark sowohl im Sprint (Sa, 18 Uhr/ARD) als auch in der Mixedstaffel (So, 13.30 Uhr/ZDF) um die Medaillen zu kämpfen.

Frau Lindemann, das Rennen in Hamburg gilt unter nationalen und internationalen Triathletinnen und Triathleten als atmosphärischer Jahreshöhepunkt. Was bleibt davon in diesem Jahr, in dem Zuschauer ausgeschlossen sind?

Laura Lindemann: Das ist im Vorhinein schwer zu sagen. Natürlich ist Hamburg auch deshalb so beliebt, weil die Zuschauer in der Innenstadt eine so besondere Stimmung erzeugen. Das wird uns allen sicherlich sehr fehlen. Auch die Strecke ist anders, weil wir im Stadtpark und nicht in der Innenstadt unterwegs sein werden. Trotzdem erwarte ich ein sehr gutes Rennen. Dass Hamburg das Vertrauen des Weltverbands bekommen hat, diese Doppel-WM auf die Beine zu stellen, spricht für die hohe Kompetenz der Veranstalter.

Ist bei Ihnen Vorfreude das beherrschende Gefühl? Erleichterung, dass es wieder losgeht mit Wettkämpfen? Oder gar Druck, weil Sie sich unbedingt beweisen wollen?

In den vergangenen Wochen sind viele Rennen kurzfristig abgesagt worden, sodass ich mich mit Vorfreude gar nicht so viel beschäftigen wollte, um nicht enttäuscht zu werden. Aber je näher das Wochenende rückte, umso mehr wuchs diese Vorfreude, und jetzt freue ich mich richtig auf die Rennen. Erleichterung kann ich noch nicht fühlen, es ist eher die Hoffnung, die ich mit dem Startschuss in Hamburg verbinde, dass wir in eine neue Normalität zurückkehren können, die diese Doppel-WM einleitet. Und Druck? Ja, der ist sicherlich höher geworden dadurch, dass nach der Staffel auch die Sprintrennen den WM-Status bekommen haben. Aber genau das macht es ja auch interessant.

Sie wirken grundsätzlich wie ein Mensch, der mit Druck sehr gut umzugehen weiß. Ist das nur äußerlich so, oder sind Sie tatsächlich stressresistent?

Ich denke schon, dass ich mit Druck gut umgehen kann. Ich bin meist in Rennen besser, in denen ich unter Druck stehe, weil ich ihn in positive Gedanken umsetzen kann.

Haben Sie professionelle Hilfe, oder kommt das aus Ihnen selbst?

Ich habe zwar schon Gespräche mit Sportpsychologen gehabt, aber festgestellt, dass es bei mir ganz gut allein funktioniert. Also habe ich keine dauerhafte professionelle Hilfe.

Auch in der langen Zeit des Lockdowns und der Wettkampfpause nicht? Viele Athletinnen und Athleten haben darunter mental sehr gelitten. Sie nicht?

Auch ich hatte schon ein paar Löcher, habe mich gefragt, wie Leistungssport überhaupt wieder möglich werden kann. Aber das hat zum Glück nie lange angehalten, auch weil wir in Deutschland das Glück hatten, praktisch ohne Unterbrechung durchtrainieren zu können. Das hat mir schon sehr geholfen. Über die sozialen Medien habe ich mitbekommen, wie es der Konkurrenz im Ausland teilweise ging. Im Höhentrainingslager in Livigno, wo ich im Juli war, habe ich mit einer Italienerin gesprochen, die sechs Wochen lang nur in ihrer Wohnung trainieren konnte. Dagegen ging es uns hier wirklich gut.

Haben Sie sich während des Lockdowns und der Phase danach manchmal privilegiert gefühlt, weil Sie mit Schwimmen, Radfahren und Laufen drei Disziplinen betreiben, die ohne große Einschränkungen ausgeübt werden dürfen?

Auf jeden Fall. Für mich war es schon super, kaum Trainingsausfall zu haben. Bei uns am Stützpunkt in Potsdam konnte ich als Olympiakader-Athletin sogar immer schwimmen. Laufen und Radfahren an der frischen Luft war ja sowieso möglich. Insofern ist mir klar, dass ich noch Glück hatte. Es hätte wesentlich schlimmer kommen können.

Auf der Sportschule in Potsdam haben Sie als Schwimmerin begonnen. Ist Schwimmen auch heute noch Ihre Lieblingsdisziplin?

Nein, gar nicht, vor allem das Training finde ich mittlerweile deutlich langweiliger, als an der frischen Luft zu laufen und Rad zu fahren. Deshalb trainiere ich das Schwimmen auch lieber im Freiwasser als in der Halle. Im Wettkampf kommt es auf die Tagesform an. Da genieße ich manchmal das Schwimmen, wenn ich einfach dahingleiten kann, manchmal ist es furchtbar, wenn man im Wasser nur verprügelt wird. Mit dem Laufen ist es ähnlich. Manchmal läuft es wie von selbst, manchmal tut jeder Schritt weh.

Warum haben Sie sich überhaupt für den Triathlon entschieden?

Die Entscheidung wurde mir nahegelegt. Ich hatte den geforderten Leistungsauftrag für das Schwimmen in der 9. Klasse nicht erfüllen können und wurde vom Trainer vor die Wahl gestellt, aufzuhören oder umzusatteln. Sport war immer der Mittelpunkt meines Lebens, also bin ich zum Triathlon gewechselt, obwohl ich mich damit vorher nie beschäftigt hatte. Anfangs dachte ich als Brustschwimmerin, die ein bis zwei Minuten für Wettkämpfe brauchte, dass Rennen über ein oder zwei Stunden sehr langweilig sein müssten. Aber ich habe schnell festgestellt, wie viel Spaß mir das macht. Im Rückblick war es eine sehr gute Entscheidung.

Vor Corona waren Sie in starker Form, haben sich das Ticket für Tokio gesichert. Wie hart war für Sie der Rückschlag der Verlegung der Olympischen Spiele?

Das ist schwer einzuschätzen, weil mir der Vergleich mit der Konkurrenz fehlt. Im Schwimmen habe ich mich verbessert, meine Radleistung ist gut, im Laufen habe ich meine Bestzeit über 5000 Meter auf 16:01 Minuten verbessert. Ich fühle mich sehr gut in Form, aber jetzt brauche ich Rennen, um meine Form mit anderen abzugleichen.

Haben Sie sich angesichts der vielen ausgefallenen Wettkämpfe nie existenzielle Sorgen machen müssen?

Zum Glück bin ich als Mitglied der Sportfördergruppe der Landespolizei Brandenburg und über die Sporthilfe sehr gut abgesichert, sodass ich finanziell keine großen Einbußen erlitten habe. Leider ist ein Autohaus als Sponsor abgesprungen, sodass ich auf der Suche nach Ersatz bin, denn ein Auto, in das mein Rad hineinpasst, ist schon wichtig. Aber das ist nichts Existenzielles.

Wie groß war – und ist – denn Ihre Sorge, sich mit Corona zu infizieren? Man bekommt oft den Eindruck, dass die meisten Sportlerinnen und Sportler die Konsequenzen aus der Pandemie deutlich mehr fürchten als die Krankheit selbst.

Das trifft sicherlich auf viele zu. Ich persönlich habe auch nicht täglich Angst vor Corona, aber ich habe schon versucht, mich und andere so gut wie möglich zu schützen. Auch wenn es Jüngere nicht so schlimm trifft, sind die Langzeitfolgen noch zu wenig erforscht. Das beunruhigt mich schon, deshalb versuche ich, so vorsichtig wie möglich zu sein und das Risiko so gering wie möglich zu halten.

Trotzdem sehnen Sie die Rückkehr der Normalität herbei. Wie geht es Ihnen bei dem Gedanken, wieder durch die Welt zu jetten, um Wettkämpfe oder auch Trainingslager zu absolvieren?

Über das Reisen habe ich tatsächlich noch nicht viel nachgedacht. Aktuell machen wir alles mit dem Auto, ich versuche das Fliegen zu vermeiden. Trainingslager in Südafrika oder Mauritius, wie zu Beginn dieses Jahres, wird es erst einmal nicht geben. Wir sind alle bereit, Kompromisse einzugehen. So wie in Hamburg ohne Zuschauer zu starten. Hauptsache ist, dass es wieder Wettkämpfe gibt.

Sehen Sie das auch für Olympia so? Können Sie sich vorstellen, 2021 in Tokio vor leeren Rängen um eine Medaille zu kämpfen?

Das ist für mich tatsächlich kaum denkbar. Die olympische Idee lebt davon, dass sich die Nationen der Welt versammeln. Dazu gehören auch die Zuschauer. Wenn all das nicht möglich ist, wäre es nur eine halbe Sache. Und halbe Sachen mache ich sehr, sehr ungern.

Tatsächlich gelten Sie als extremer Wettkampftyp.

Es stimmt, dass ich Wettkämpfe lieber mag als Training, denn ich trainiere dafür, mich mit anderen messen zu können. Deshalb waren die vergangenen Monate auch anstrengend und manchmal eintönig.

Sie wollten Anfang August deshalb sogar bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften über 5000 Meter starten, durften aber nicht. Warum?

So richtig verstanden habe ich das auch nicht. Es hat wohl eine Athletin dagegen geklagt, dass ich als Disziplin-Fremde anderen den Startplatz wegnehme, die dann aber selbst gar nicht starten wollte. Das war schade, denn mit meiner Zeit hätte ich gut mithalten können.

Woher kommt Ihr Kampfgeist? Was gibt Ihnen das Kräftemessen mit anderen?

Ich glaube, mein Kampfgeist kommt daher, dass ich zwei ältere Brüder habe, gegen die ich mich immer durchsetzen musste, damit sie mich beim Fußball mitspielen ließen. Ich will immer die Beste sein, wenn ich antrete. Je größer die Herausforderung, desto mehr spornt es mich an. Deshalb freue ich mich auch, dass in Hamburg die Weltelite startet.

Was können Sie am Wochenende realistisch von sich erwarten?

Es ist schwer einzuschätzen, wo ich aktuell stehe, aber genauso unklar ist, wie gut die anderen in Form sind. Wir haben uns ja ein halbes Jahr lang nicht messen können. Ich möchte so weit vorn wie möglich landen. Auch wenn die WM dieses Jahr anders zu bewerten ist, sind WM-Rennen immer etwas Besonderes. Zwei Medaillen wären optimal. Das wäre die Bestätigung dafür, dass die harte Arbeit der vergangenen Monate nicht umsonst war.