Ski-Legende

Volkstümlich aber nie naiv - Rosi Mittermaier wird 70

Rosi Mittermaier ganz entspannt: Am 5. August wird die ehemalige Weltklasseskirennläuferin 70 Jahre alt.

Rosi Mittermaier ganz entspannt: Am 5. August wird die ehemalige Weltklasseskirennläuferin 70 Jahre alt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Angelika Warmuth / picture alliance/dpa

Olympiasiegerin Rosi Mittermaier ist die Blaupause des bodenständigen Sportstars. Am 5. August feiert die frühere Skirennläuferin Geburtstag.

Essen. Da steht sie also. In einem schäbigen Presseraum vor schlichtem Konferenzraummobiliar. Im Hintergrund hantieren Fotografen mit ihrer Ausrüstung, legen Filme ein. Ein Journalist hat Rosi Mittermaier offenbar gebeten, für ein schönes Motiv doch noch einmal ihre Medaillen umzuhängen. Genau diesen Augenblick, als ihre zwei Goldmedaillen schon um den Hals baumeln und die Olympiasiegerin von Innsbruck 1976 den Kopf durch das Band der dritten, der silbernen schiebt, hat ein Fotograf festgehalten.

Kann ein strahlendes Lächeln schüchtern wirken? Was auf den ersten Blick als Widerspruch in sich scheint, sagte alles über die Sportlerin von der Winklmoos-Alm in den Chiemgauer Alpen. Das gilt eigentlich bis heute. Jedenfalls beschreibt dieser Gesichtsausdruck zumindest den öffentlich sichtbaren Teil der Sportlerin, die am 5. August ihren 70. Geburtstag feiert, recht gut.

Badewannen voller Blumen für Rosi Mittermaier

Wer die vergleichsweise kurze internationale Karriere der Skirennläuferin in jenen Jahren erlebte, sah eine allzeit bodenständige Sportlerin, die nach drei Medaillen zum ersten deutschen Glamourgirl Olympischer Winterspiele befördert wurde. Zwar gab es zuvor schon Heldenverehrung, aber die Maschinerie medialer Vermarktung hatte erst vier Jahre zuvor, während der Sommerspiele 1972 richtig Fahrt aufgenommen. Die Dauerpräsenz auf den Titelseiten nach den Innsbruck-Medaillen war für die damals 25-Jährige erschreckend, der Rummel mindestens überraschend: „Im Olympischen Dorf habe ich Badewannen voller Blumen bekommen“, erinnert sich Mittermaier. In ihrem Heimatörtchen Reit im Winkl seien in einem Monat mehr als 27.000 Briefe angekommen.

Selbst wer damals am nördlichen Ende der Republik lebte, mit Wintersport aus Mangeln an Bergen nur wenig zu tun hatte, kannte die Olympiasiegerin und ihr Leben plötzlich haarklein. Goldrosi wurde mit ihrer natürlichen Ausstrahlung Blaupause für Generationen gefeierter, bodenständig-kesser Sportlerinnen, von der Schwimmerin Franziska van Almsick bis zur Biathletin Magdalena Neuner.

„Leistungssportlerin ohne Ehrgeiz“

Auch wegen des nicht enden wollenden Rummels wurde es eine kurze Karriere. Bereits wenige Monate nach den beiden Olympiasiegen in der Abfahrt und im Slalom sowie der Silbermedaille im Riesenslalom trat die Sportlerin, deren Mann, der Skirennläufer Christian Neureuther, sie angeblich einmal als „Leistungssportlerin ohne Ehrgeiz“ bezeichnete, vom Sport zurück. „Ich war auf einmal mit fremden, älteren Menschen, wie Firmenchefs auf Messen, in Sporthäusern oder wichtigen Kunden beim Abendessen. Und das weltweit. Ich war ja erst 25 Jahre alt und sehnte mich nach nichts mehr als nach meinem gewohnten Umfeld“, sagt Mittermaier heute über ihren frühen Rückzug.

Vermutlich konnte Rosi Mittermaier nur hier, in ihrer bayrischen Heimat richtig aufblühen. Mit ihrer Tochter Ameli (39), einer heute in München lebenden Modedesignerin. Und mit Sohn Felix (36), der nach dem Ende seiner erfolgreichen Slalom-Karriere auf Schnee mit Gattin Mariam, einer früheren Langläuferin sowie Biathletin, und den beiden Kindern gern in Garmisch geblieben ist. Die Menschen schlossen Rosi Mittermaier ja auch deshalb schnell in ihr Herz, lieben sie bis heute, auch deshalb, weil sie wie kaum eine andere Deutsche die heile Welt personifiziert. Das galt damals. Das gilt bis heute, gerade weil sie von Garmisch-Partenkirchen aus sich immer wieder in die Welt aufmacht.

Skandalfrei im Dirndl

Die abgeschiedene Bergwelt ist dabei wohl mehr Anker als Fessel. Auch Jahrzehnte nach ihrem sportlichen Erfolg tingelt sie durch alle möglichen Fernsehshows, meistens als infernalisch-fröhliches Duo zusammen mit ihrem Ehemann. Gemeinsam reden sie, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, wirken dabei zwar volkstümlich, aber eben nie naiv. Wenn über Rosi Mittermaier geschrieben wird, fällt meistens die Umschreibung „skandalfrei“. Zumindest nach außen wirkt sie wie einer dieser Menschen, die komplett in sich ruhen.

Es wäre ein Fehler, die Sportlerin wegen ihres konsequent natürlichen Auftretens zu unterschätzen. Sie vermarktete ihren Sieg zu ihren Bedingungen, mit Werbung, mit regelmäßiger Medienpräsenz oder PR-Terminen auf dem Oktoberfest. Es gibt zahlreiche Bücher von ihr, sogar weitgehend verloren gegangene Tonaufnahmen, beides wieder passend zu dem bestimmenden Aspekten ihres Lebens: Sie veröffentlichte Sportratgeber, etwa über Nordic Walking und Skifahren. Außerdem noch in den siebziger Jahren, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Eva, ebenfalls einer früheren Skirennläuferin, einige Platten mit bayrischen Liedern. Beide stilecht im Dirndl auf dem Cover.

Kritische Stimme wird in der Welt gehört

Weil sie aber erkennbar nicht gierig wirkte, sich früh sozial engagierte, unter anderem eine eigene Stiftung für Kinderrheuma aufbaute, gehört Rosi Mittermaier zu den wenigen Promis, deren häufige Präsenz im öffentlichen Leben ganz ohne Häme begleitet wird. Ihr sah man kleinere Ausrutscher auch deshalb nach, weil sie sich nicht klüger macht als sie ist: Bei einem USA-Besuch wurde sie bei dem Besuch eines American-Football-Spieles vom Stadionsprecher – ganz nebenbei Indiz für ihre weltweite Strahlkraft – gefragt, welches Team sie als Gewinner sähe. „Ich hatte keine Ahnung und sagte: Bayern München. Da war das ganze Stadion von den Socken.“

Dennoch – oder gerade deshalb – hat Gewicht, wenn sich Mittermaier ernsthaft zu Fragen der Zeit äußert: „Es muss nicht alles immer noch größer und gigantischer werden“, kritisiert sie Vermarktung der Olympischen Spiele durch das IOC. Auch bei den Skirennen gebe es eine Fülle an Disziplinen und Wettkämpfen, die unüberschaubar geworden sei. „Es wäre toll, wenn man sich auf mehr Highlights konzentrieren könnte, die den Athletinnen und Athleten und den Zuschauern eine bessere und nachhaltigere Präsentation bieten.“ Da ist sie wieder, die heimatverbundene Bayerin, die sich trotzdem gerne aus der Beschaulichkeit der Alpen heraus in das Geschehen der Welt einmischt.