Pandemie

Lena Micheel hofft auf positiven Aspekte der Corona-Krise

Lena Micheel (22) spielt seit der WM 2018 für Deutschland.

Lena Micheel (22) spielt seit der WM 2018 für Deutschland.

Foto: Marcelo Hernandez

Hockey-Nationalspielerin vom UHC wünscht sich, dass die Wertschätzung für das Miteinander in Sport und Gesellschaft dauerhaft wächst.

Hamburg. Ihren Schutzengel trägt Lena Micheel als Anhänger an einer Silberkette um den Hals. Abergläubisch ist sie nicht; die Kette, ein Geschenk ihres Freundes, gefällt ihr einfach. Und wenn damit tatsächlich das Karma positiv beeinflusst werden kann, dann nimmt die 22-Jährige das gerne mit. Dass das Engelchen vor Enttäuschungen nicht schützt, das hat die Hockey-Nationalspielerin, die in der Bundesliga für den Uhlenhorster HC die Abteilung Offensive verstärkt, in den vergangenen Monaten erfahren müssen. Seit am 23. März die Olympischen Spiele in Tokio in den Sommer 2021 verschoben wurden, kämpft Lena Micheel wie so viele andere Leistungssportler um die Rückkehr in das, was man die „neue Normalität“ nennt.

Für eine junge Frau ihres Alters ist eine Verschiebung des größten Traums, den sich Amateursportler erfüllen können, um ein Jahr keine Hiobsbotschaft. „Natürlich hoffe ich, dass Tokio nicht meine letzte Chance auf eine Olympiateilnahme ist“, sagt die gebürtige Berlinerin, die im Sommer 2016 von TuS Lichterfelde nach Hamburg gewechselt war. Wer am Ende seiner Karriere die Lebensplanung für die Zeit nach den Spielen bereits vorangetrieben hatte, muss sich nun mit anderen Themen beschäftigen als diejenigen, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen. „Aber die emotionale Komponente der Olympiaverschiebung hat nichts mit dem Alter zu tun“, sagt Lena Micheel, „es ist zunächst für alle ein Traum, der platzt.“

Die gesamte Tagesstruktur musste komplett umgebaut werden

Und so etwas muss verarbeitet werden. Nicht nur, dass die unverhofft frei gewordene Zeit anders genutzt und im Gegenzug die erhoffte freiere Zeit in der nacholympischen Saison nun für eine erneute Vorbereitungsphase geblockt werden muss. Nein, die gesamte Tagesstruktur, die auf Training, Bundesligaspiele und viele Reisen mit dem Nationalteam ausgerichtet war, musste in der Zeit des Lockdowns komplett umgebaut werden. Lena Micheel hatte anfangs große Bedenken, dass die viele Zeit, die sie in ihrer Singlewohnung in Fuhlsbüttel plötzlich zum Nachdenken hatte, das mentale Loch tiefer aufreißen würde. „Aber letztlich war es gut, diese Phase dazu zu nutzen, die Umstellung zu verarbeiten, damit mir das nicht später auf die Füße fällt“, sagt sie.

Geholfen haben ihr Gespräche. Viele Gespräche. Mit Anett Szigeti, der Sportpsychologin am Olympiastützpunkt. Mit ihrem Freund Gian Graffiti, selbst Bundesligaspieler beim UHC, ihrer Mutter und ihrer Schwester, die beide ebenfalls Hockeyerfahrung haben, und ihrer besten Freundin im Nationalteam, Amelie Wortmann. Aber auch mit Freunden, die mit Leistungssport überhaupt nichts zu tun haben und deshalb einen anderen Blickwinkel auf ihre Probleme einbringen konnten. „Dadurch habe ich eine positive Perspektive gewonnen und bin nun guter Dinge, was die ganze Thematik angeht“, sagt die Jurastudentin, die die frei gewordene Zeit auch für eine Ausweitung ihres Uniprogramms nutzte.

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Lena Micheel hat in den vergangenen Wochen, in denen eine Rückkehr in den Trainingsbetrieb schrittweise möglich wurde, wichtige Erkenntnisse gewonnen. Sie hat gespürt, wie sehr sie ihren Sport liebt. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich auf Training in Fünfergruppen so sehr freuen würde“, sagt sie. Außerdem ist ihr bewusst geworden, wie wichtig ihr das soziale Miteinander ist. „Das Clubleben und das Zusammensein mit dem Nationalteam, das sind die Dinge, die mir am meisten fehlen“, sagt sie. Videotreffen zum gemeinsamen Yogatraining seien zwar schön, ersetzen könnten sie das Zwischenmenschliche jedoch keinesfalls.

„Wenn Corona dazu führt, dass wir diese Dinge mehr wertschätzen, anstatt sofort wieder zum alten Trott zurückzukehren, dann wäre das ein positiver Aspekt dieser Krise“, sagt Lena Micheel. Sie hat sich fest vorgenommen, in der Vorbereitung auf Tokio 2021 nicht zu hadern, sondern sich darüber zu freuen, auf dem Hockeyplatz hart arbeiten zu dürfen. Der Tag der Rückkehr wird kommen, „vielleicht im Herbst, vielleicht auch erst nächstes Jahr“. Aber wenn er da ist, dann wird sie ihn genießen.