Coronakrise im Sport

Ex-HSV-Talent klagt an: "Wir sind Marionetten"

Sören Betram (r.) vom 1. FC Magdeburg kritisiert die Fortsetzung des Ligabetriebs massiv. Seine fußballerische Ausbildung hat er beim HSV genossen.

Sören Betram (r.) vom 1. FC Magdeburg kritisiert die Fortsetzung des Ligabetriebs massiv. Seine fußballerische Ausbildung hat er beim HSV genossen.

Premier-League-Fortsetzung erhält Dämpfer. NBA braucht 15.000 Corona-Tests. Dahlmeier sieht Extrawurst für den Fußball.

Die Bundesliga und Zweite Liga mit dem HSV und dem FC St. Pauli startet ab dem kommenden Wochenende den Spielbetrieb. In anderen europäischen Topligen ist die Rückkehr in die Saison noch nicht abzusehen. Nun droht in der englischen Premier League weitere Verzögerung. Der Grund: nicht alle Clubs sind sich über den Modus und die Bedingungen für den Re-Start einig.

Die Entwicklungen am 9. Mai 2020 im Überblick

Drei Clubs rebellieren gegen Premier-League-Plan

Die Pläne zur Saison-Fortsetzung auf neutralen Plätzen geraten bei immer mehr Vereinen der englischen Premier League in die Kritik. Nach Brighton and Hove Albion und Aston Villa hat sich mit dem FC Watford auch ein dritter Abstiegskandidat öffentlich gegen die Beendigung der Spielzeit an neutralen Spielorten ausgesprochen. Damit geraten die Restart-Pläne für Englands Eliteliga immer mehr ins Wanken.

Bereits am Montag treffen sich die Vereinsvertreter erneut virtuell mit den Ligaverantwortlichen, um über den Plan zu beraten. Zur Verabschiedung des „Projekt Restart“ müssten 14 von 20 Vereinen für den aktuellen Plan stimmen. Diese 70-prozentige Zustimmung könnte angesichts der Tatsache, dass alleine bereits drei Vereine öffentlich ihre Ablehnung gegen Spiele auf neutralen Plätzen kundgetan haben, wackeln. „Mindestens sechs Vereine - ich vermute sogar mehr - werden sich über die klaren Nachteile und die verheerenden Auswirkungen dieser verzerrten Miniliga mit neun Spielen Sorgen machen“, sagte Watfords Vorstandsboss Scott Duxbury. Aus seiner Sicht sei es „falsch“ und „unfair“, vor dem letzten Saisonviertel an neutrale Spielorte zu wechseln.

Auch bei Geisterspielen würde den Teams mit einer Wegnahme des Heimrechts der Vorteil der „Vertrautheit“ des eigenen Stadions genommen. Für den Vereinschef ist das vorgestellte Projekt deshalb nur für Klubs im oberen Tabellendrittel lukrativ. „Die Teilnahme an diesem kompromittierten Format bringt nur einen Vorteil mit sich - nämlich, dass Liverpool den Titel gewinnen kann und andere Klubs ihren Platz in Europa buchen können“, sagte Duxbury der englischen Zeitung Times.

In der Premier League ruht seit Mitte März der Ball, insgesamt stehen noch 92 Spiele aus. Ein Neustart soll laut Medienberichten am 8. Juni geplant sein, Mannschaftstraining soll ab dem 18. Mai wieder möglich sein.

Dritte Liga will am 26. Mai wieder mit dem Spielbetrieb starten

Der Deutsche Fußball-Bund plant einem Medienbericht zufolge vorbehaltlich der Zustimmung der Politik die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der 3. Liga am 26. Mai. Wie die „Sportschau“ berichtete, wurden die Vereine mit einem Schreiben über den detaillierten Terminfahrplan des DFB informiert. Demnach sollen die Spieler und Betreuer der Clubs bereits vom 10. bis zum 12. Mai im Rahmen einer ersten Testreihe auf das Coronavirus geprüft werden. Zwischen dem 13. und 15. Mai könnten die Mannschaften das Teamtraining wieder aufnehmen, sofern die Freigabe dafür durch die Politik erfolgt. Auch die „Bild“-Zeitung nannte den 26. Mai als mögliches Datum für den Wiederbeginn der unterbrochenen Saison.

In dem Schreiben heißt es, dass sich „die zuständigen Gremien des DFB über die Anpassung des Rahmenterminkalenders verständigt“ hätten. Dieser solle Montag vom Verbandspräsidium verabschiedet werden, sei jedoch „selbstverständlich abhängig von der Freigabe durch die politischen Verantwortungsträger“. Eine solche Freigabe habe die Politik bereits zugesagt, berichtet die „Sportschau“ unter Berufung auf Informationen aus Kreisen der Drittligisten. Für die ebenfalls derzeit unterbrochene Saison der Frauen-Bundesliga sei der 29. Mai als Fortsetzungstermin vorgesehen.

Der DFB will für die Fortsetzung seiner Wettbewerbe im Kern das von der „Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb“ entwickelte Konzept für die Bundesliga und 2. Bundesliga anwenden.

NBA braucht 15.000 Corona-Tests für Ligafortsetzung

Die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA könnte möglicherweise erst im Juni über einen Neustart der wegen der Corona-Krise unterbrochenen Saison entscheiden. Das sagte NBA-Commissioner Adam Silver übereinstimmenden Medienberichten zufolge am Freitagabend (Ortszeit) in einer Telefonkonferenz mit Mitgliedern der Spielergewerkschaft NBPA. Zudem sollen für die seit 11. März unterbrochene Saison weiter Playoffs über die maximale Länge von sieben Spielen pro Serie angestrebt werden und die Partien ohne Fans stattfinden.

Zudem nannte Silver demnach die Option, nur an ein oder zwei Austragungsorten zu spielen. Demnach sollen Vegas und Orlando Favoriten unter den Kandidaten sein. Damit wolle man die vielen Reisen und den Kontakt der Spieler zur Außenwelt minimieren. „Es macht keinen Sinn, ein zusätzliches Risiko einzugehen und alle Spieler von Stadt zu Stadt zu fliegen, wenn es dort sowieso keine Fans geben wird“, sagte Silver laut dem Sportsender ESPN: „Wir glauben, dass es sicherer ist, in einem oder zwei Orten zu beginnen.“ Experten rechnen frühestens im Juli mit einem Re-Start.

Bedenken habe Silver aber hinsichtlich der Tests auf das Coronavirus. Laut US-Medienberichten benötige die Liga 15 000 Tests, dabei sind in den USA Massentests für die Bevölkerung weiterhin nicht verfügbar. Die NBA wolle niemandem die wichtige Testkapazitäten wegnehmen. Ein Testprogramm ist aber Voraussetzung für die Wiederaufnahme des Spielbetriebes. Laut Silver hätten sich alle 30 Club-Eigentümer geeinigt, die Saison zu Ende zu bringen. Vor dem Spielstart soll es in Trainingslager in einem Zeitraum von mindestens drei Wochen geben.

Ex-HSV-Profi Betram hat Angst vor Ansteckung auf dem Platz

Der ehemalige HSV-Offensivspieler Sören Bertram vom 1. FC Magdeburg sieht den Neustart der Profiligen inmitten der Coronapandemie äußerst kritisch. „Ich habe Angst davor, mich bei einem Spiel anzustecken. Die Gefahr ist bei vielen Zweikämpfen gegeben“, sagte der 28-Jährige der Magdeburger Volksstimme und fügte an: „Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten.“

Die 3. Liga soll nach einem Bericht der ARD-Sportschau am 26. Mai den Spielbetrieb wiederaufnehmen. „Der DFB will unbedingt, dass es weitergeht. Die Spieler werden zu diesem Thema aber überhaupt nicht einbezogen. Wir sind nur Marionetten“, sagte der ehemalige Junioren-Nationalspieler.

Bertram befürwortet daher genau wie sein Klub einen Abbruch der Saison. Zudem sei auch die Verletzungsgefahr für die Spieler enorm hoch. „Wir haben acht Wochen nicht richtig trainiert, sollen dann aber innerhalb von fünf Wochen elf Saisonspiele und möglicherweise zwei Landespokalspiele absolvieren. Bei einer solchen Belastung sind Verletzungen vorprogrammiert“, sagte er.

Bobic appelliert an Frankfurter Fangruppen

Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic hat eindringlich an die Fans des hessischen Fußball-Bundesligisten appelliert, sich bei den Geisterspielen vom Stadion fernzuhalten. „Wir haben viel mit unseren Fans gesprochen und gesagt: "Hört zu, Jungs, taucht nicht am Stadion auf. Wenn ihr dort auftaucht, verlieren wir dieses Spiel, weil die Regeln sehr streng sind". Denn wenn sie auftauchen, geht das Spiel ans Auswärtsteam“, sagte Bobic (48) dem amerikanischen Sportsender "ESPN".

Die Bundesliga will ihre wegen der Corona-Krise seit Mitte März unterbrochene Saison am Sonnabend kommender Woche mit Geisterspielen fortsetzen. Eintracht Frankfurt empfängt um 18.30 Uhr Borussia Mönchengladbach.

Bobic vertraut auf das Verantwortungsbewusstsein der Fans, auch dem Club gegenüber. „Sie sind schlau. Sie haben in den letzten Wochen die Regeln befolgt und viel für die Gemeinde getan, insbesondere für die Ältesten“, sagte der frühere Stürmer. Die Kommunikation mit den Fangruppen sei gut verlaufen und von ihnen seien positive Signale gekommen, sich an die Vorgaben zu halten.

Biathlon-Legende Dahlmeier kritisiert Extrawurst der Fußballer

Die ehemalige Weltklasse-Biathletin Laura Dahlmeier hätte sich einen etwas späteren Neustart der Fußball-Bundesliga gewünscht. „Ob das jetzt pervers oder einfach typisch Fußball ist, ist schwer zu beurteilen“, sagte die siebenmalige Weltmeisterin der "Deutschen Presse-Agentur" zum Wiederbeginn der Bundesliga und Zweiten Liga am 16. Mai.

Aber der Fußball habe schon immer eine Sonderrolle gehabt. „Fußball steht über allem. Aus meiner Sicht wäre es gut, wenn man noch ein bisschen warten würde, es muss ja jetzt nicht sofort wieder gespielt werden“, meinte die Doppel-Olympiasiegerin. Zuvor hatten einige Spitzensportler wie Speerwerfer Johannes Vetter, Kugelstoßerin Christina Schwanitz und Ruder-Olympiasieger Karl Schulze die Bevorzugung des Fußballs teils scharf kritisiert. „Wenn dem wirklich so ist, dann verkauft der Staat die Gesundheit des Volkes und der leidenden Menschen an den Fußball. Das ist pervers“, sagte Ex-Weltmeister Vetter.

Dahlmeier, die vor einem Jahr ihre Erfolgskarriere beendet hatte, findet es wichtig, „dass nicht nur die Bundesliga spielt, sondern dass es dann wirklich auch bis in den Nachwuchs rein reicht“. Denn es sei schwer zu argumentieren, „wenn kleine Jungs nicht kicken dürfen, aber im Fernsehen kann man wieder Bundesliga anschauen, das steht nicht in Relation“.

Zudem müssten parallel zu Fußballspielen „auch andere Sportveranstaltungen wieder laufen dürfen, und man muss runtergehen bis in den Nachwuchs“, forderte die 26-Jährige.

Mediziner Froböse warnt vor Folgeschäden nach langer Corona-Pause

Sportmediziner Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln glaubt, dass die Fußball-Bundesliga vor allem aus finanziellen Gründen den Spielbetrieb wieder aufnimmt und dabei wenig Rücksicht auf die Sportler genommen wird. „Ich muss wirklich sagen, das macht mit schon große Sorgen. Und ich glaube, da werden die Spieler schon ein wenig missbraucht“, sagte Froböse im Interview mit dem "SWR".

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte am Donnerstag bekannt gegeben, dass der Spielbetrieb in der Bundesliga am 16. Mai wieder aufgenommen wird. Die Vereine werden zu dem Zeitpunkt nur eine knappe Woche Mannschaftstraining hinter sich haben - nach knapp zweieinhalb Monaten Pause.

Darin sieht der Sportmediziner ein Problem. „Ohne gute Vorbereitung bedeutet das, dass wir einerseits eine wahnsinnig hohe Belastung unseres Stütz- und Bewegungssystems haben - Knochen, Bänder, Sehnen, Gelenke beispielsweise, die überfordert werden können, weil sie eben nicht optimal vorbereitet sind. Und dann natürlich die ganze Corona-Problematik, die im Sport - bei dieser hohen Belastung - sicherlich noch verschärfend wirkt.“

Vor allem zum Ende der Partien wird es laut Froböse vermehrt zu Verletzungen kommen: „Gerade die zweite Halbzeit mit der 70. / 80. Minute, wenn der Gegner mir auf dem Schlappen steht und dementsprechend versucht, mich vom Ball zu trennen, Sprints noch gemacht werden müssen, eine Grätsche gemacht werden muss. Wir haben einen Leistungsdefizit. Das gilt besonders für die Ermüdungsreaktionen, die der Körper zwischen der 70. und 90. Minute zeigt. Das bedeutet, wir haben hier ein Leck, und dementsprechend ist die Verletzungsgefahr geradezu Ende des Spiels sicherlich deutlich erhöht.“

Lok Leipzig verkauft 182.612 Tickets für Geisterspiel

Regionalligist Lok Leipzig hat mit seiner Spendenaktion „Leute, macht die Bude voll!“ eine eindrucksvolle Marke erreicht. Für das imaginäre Spiel gegen einen „unsichtbaren Gegner“ verkaufte der Klub 182.612 Tickets. Fans aus der ganzen Welt verfolgten am Samstag die Übertragung in deutscher und englischer Sprache live im Internet.

Aus zahlreichen Ländern seien Spenden angekommen, teilte Lok mit. Tickets waren im offiziellen Fanshop des Klubs zu erwerben und kosteten einen Euro. Mit den Einnahmen will der Klub aus dem Leipziger Stadtteil Probstheida die Folgen der Coronakrise etwas abfedern. Am Sonnabend sei zudem der offizielle Europarekord aus dem Jahr 1937 übertroffen worden, teilte Leipzig mit einem Augenzwinkern mit. Damals hatten 149.547 Zuschauer das „echte“ Duell zwischen Schottland und England im Hampden Park in Glasgow verfolgt. Übrigens: Leipzig gewann das imaginäre Spiel mit 5:0. „Die vollkommen überforderten Gäste warfen zum Halbzeitpfiff das Handtuch“, verkündete Lok.