Der HSV in Corona-Zeiten

Van Drongelen: „Kann die Ultras ein Stück weit verstehen“

| Lesedauer: 16 Minuten
HSV-Profi Rick van Drongelen (l.) und Fan Jan Möller trafen sich dort, wo normalerweise die Treusten der Treuen stehen.

HSV-Profi Rick van Drongelen (l.) und Fan Jan Möller trafen sich dort, wo normalerweise die Treusten der Treuen stehen.

Foto: Michael Rauhe

HSV-Profi und HSV-Fan sprechen über ungeliebte Geisterspiele, Kalou, die DFL und das Ende des Systems Fußball.

Hamburg. Rick van Drongelen und Jan Möller haben sich schon sehr oft gesehen, kennen sich aber nicht. Dabei begegnen sich die beiden normalerweise an jedem Wochenende: HSV-Profi van Drongelen (21) auf dem Rasen, HSV-Fan Möller (47) auf der Tribüne. Bei Heimspielen sitzt der Anhänger aus der aktiven Fanszene auf der Nordtribüne, Block 28C. „Lustig, meine Eltern sitzen nur ein paar Plätze weiter“, sagt van Drongelen, als sich die beiden das erste Mal von Angesicht zu Angesicht treffen. Auf der Nordtribüne – natürlich mit anderthalb Metern Abstand – wollen sie über den Neustart des Fußballs und alle Nebenwirkungen sprechen. Die entscheidende Frage: Hat sich der Fußball in Zeiten von Corona weiter als nur anderthalb Meter von den Fans distanziert?

Hamburger Abendblatt: Herr Möller, was war Ihr erster Gedanke, als am Mittwoch verkündet wurde, dass die Bundesligen ab dem 16. Mai mit Geisterspielen fortgesetzt werden?

Jan Möller: Endlich ist da wieder ein Horizont! Natürlich finde ich Geisterspiele unerträglich. Aber die Erleichterung, dass es weiter geht, war trotzdem groß. Alle anderen Gedanken über das System Fußball, ob und was man möglicherweise ändern muss, waren in dem Moment erst einmal zweitrangig. Die große Sorge, dass der gesamte Fußball im Falle eines Saisonabbruchs kollabiert, war für die Sekunde erst einmal vorbei.

Und bei Ihnen, Herr van Drongelen?

Rick van Drongelen: Ich habe mich sehr gefreut. Ich brauche einfach ein Ziel, für das ich arbeite. Und jetzt gibt es jedes Wochenende wieder ein Ziel, auf das wir hinarbeiten. Man trainiert nicht einfach im luftleeren Raum, sondern bereitet sich gezielt auf eine Partie vor. Und natürlich freue ich mich als Fußballer vor allem darüber, dass ich wieder Fußball spielen darf. Viele Fußballer im Ausland können davon nur träumen.

Sie müssen ab Montag in eine einwöchige Quarantäne gehen. Was nehmen Sie mit?

Van Drongelen: Neben meinen Fußballsachen nicht viel. Mein Handy. Vielleicht eine Playstation. Vielleicht ein paar Karten. Mehr brauche ich nicht.

Möller: Ihr seid dann aber schon alle im gleichen Hotel, oder? Seid ihr dann hier in Hamburg in der Innenstadt?

Van Drongelen: Ja, wir sind alle zusammen. Wo genau wir unterkommen werden, weiß ich aber noch nicht.

Die Spieler wurden am Freitag zum dritten Mal getestet, werden dann ab Montag in einer Quarantäne sein. Finden Sie die Maßnahme angemessen?

Möller: Ohne diese ganzen Maßnahmen hätte es niemals einen Neustart gegeben. Deswegen sind sie nicht nur angemessen, sondern alternativlos. So würde es zumindest unsere Kanzlerin sagen. Nach neun – oder möglicherweise elf – Spielen wissen wir dann, ob die Pläne auch tatsächlich so aufgegangen sind.

Van Drongelen: Die neuen Regeln gehören mittlerweile zu unserem Alltag dazu. Sie tragen letztlich dazu bei, dass wir nun wieder trainieren und auch spielen dürfen. Und wenn ich ganz ehrlich bin: So schlimm finde ich die ganzen Maßnahmen persönlich nicht.

Viele Fans wollen sich durch die neue Fußball-Normalität nicht durchbeißen. In einem offenen Brief kritisierten die HSV-Ultras von der Gruppierung „Castaways“ den Neustart als „Perversion“ und warfen der DFL vor, einen Kollateralschaden zu akzeptieren. Herr Möller, Sie sind Teil dieser aktiven Fanszene. Sehen Sie das anders?

Möller: Ultras ticken nun mal ein wenig anders, das kann man schon an der Bezeichnung „Ultras“ erkennen. Ultras ordnen alles ihrer bedingungslosen Liebe zum Club unter. Und ich kann diese Haltung auch gut verstehen – auch wenn ich sie möglicherweise nicht zu 100 Prozent teile. Auch ich finde, dass wir mit unserem Fußball so nicht mehr fröhlich weiter machen können, wie wir es bislang gemacht haben. Aber das ist aus meiner Sicht keine Diskussion, die wir in den kommenden sechs oder sieben Wochen führen müssen. Diese Diskussion müssen wir führen, wenn diese ganze Krise überstanden ist.

Van Drongelen: Ich kann die Ultras ein Stück weit verstehen, dass sie Fußballspiele ohne Zuschauer im Stadion ablehnen. Fußball ohne Fans bringt weniger Atmosphäre und Spaß. Auch wir Spieler möchten viel lieber vor Fans in einem ausverkauften Stadion spielen. Als Profi bekommt man eine unglaublich positive Energie durch die Zuschauer. Das Gefühl, in unser volles Volksparkstadion einzulaufen, ist unbeschreiblich. Das pusht uns jedes Mal extrem. Das Problem ist nur: In diesem Moment ist Fußball mit Fans einfach nicht möglich.

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Sie haben ja auch privat Kontakt zu Ultras. Haben Sie sich mal mit einem in den vergangenen Tagen am Telefon über das Thema ausgetauscht?

Van Drongelen: Mit Henrik, dem früheren Capo von Poptown, habe ich ein paar Mal hin und her geschrieben. Aber ansonsten spreche ich vor allem mit meinen Freunden und mit meiner Familie über das Thema. Und die meisten sehen es wie ich: alle würden viel lieber vor Fans spielen, akzeptieren aber diese Situation. So sehen wir es auch in unserer Mannschaft. Ich kenne keinen, der jetzt nicht spielen will.

Ihr Kölner Kollege Birger Verstraete hat eine andere Meinung. Er hat am vergangenen Wochenende gesagt, dass es seltsam sei, dass „alles einfach so weiter geht“. „Bizarr“ sei die Situation. Und eine „schnelle Wiederaufnahme der Saison“ sei „naiv“…

Van Drongelen: Seine Situation ist eine Besondere, er hat ja erzählt, dass seine Freundin eine Vorerkrankung am Herzen hat. Natürlich macht er sich verstärkt Sorgen um sie. Aber ich teile diese Sorge nicht.

Sie machen sich also keine Sorgen vor einer Ansteckung mit Corona?

Van Drongelen: Nein, überhaupt nicht. Die DFL hat ein ausführliches Konzept mit sehr vielen Vorsichtsmaßnahmen entwickelt, die wir strikt einhalten und die dafür sorgen sollen, dass uns nichts passiert. Auch unsere medizinische Abteilung ist permanent für uns da. Es wird von der Liga und unserem Verein alles unternommen, um auszuschließen, dass sich jemand infiziert bzw. man als Infizierter spielt. Da sind wir natürlich auch als Mannschaft in der Verantwortung, dass wir die Regeln weiterhin strikt einhalten. Das funktioniert bisher sehr gut, deshalb habe ich keine Angst.

Möller: Ich habe vor zwei oder drei Tagen ein Statement gelesen, dass bei einer anonymen Umfrage die Mehrheit der Fußballprofis gegen den Neustart wären…

Van Drongelen: …Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Möller: Du hast also überhaupt keine Sorge, beim Eckball mit Deinem Gegenspieler Stirn an Stirn zu stehen, wenn Du vorher gelesen hast, dass es einen positiven Fall in seinem Team gegeben hat?

Van Drongelen: Auf dem Platz kann ich diese ganzen Gedanken ausblenden. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann habe ich auch keine Sorgen. Wir werden vor und nach jedem Spiel getestet und ausführlich von unseren Ärzten untersucht. Wenn sich jemand von uns schlecht fühlt, muss er sich ohnehin sofort melden. Deshalb fühle ich mich sicher.

Waren Sie erleichtert, als nach dem ersten Test Sie und alle Ihre Kollegen negativ waren?

Van Drongelen: Für mich wäre es eher eine Überraschung gewesen, wenn wir einen positiven Fall gehabt hätten. Der Trainer hat uns in den vergangenen Wochen jeden Tag ins Gebet genommen, wir haben die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen penibel eingehalten: Keinen Handschlag zur Begrüßung, immer nur einer in der Dusche, verschiedene Kabinen, verschiedene Parkplätze, Temperatur messen.. Ich hatte das Gefühl, dass uns das alles gut gelungen ist.

Überhaupt nicht gut gelungen ist das ganze Prozedere in Berlin. Das Video von Salomon Kalou, der in der Hertha-Kabine fleißig Hände schüttelt, hat wahrscheinlich jeder gesehen. Hätte Ähnliches nicht auch in der HSV-Kabine passieren können?

Van Drongelen: Nein.

War das Video Thema in der Kabine?

Van Drongelen: Natürlich. Wir haben uns auch darüber gewundert. Hertha ist ein großer und sehr professioneller Verein. Wahrscheinlich haben sie dort die gleichen Regeln wie wir. Dass man dann aber alle Regeln bricht und davon auch noch für die ganze Welt ein Video dreht, konnte ich nicht nachvollziehen.

Die Frage, die im Raum stehen bleibt: War Kalou ein saudummer Einzelfall? Oder entlarvt er die gesamte Branche?

Möller: Das weiß natürlich niemand. Viele Profis haben ja selbst Familien und halten sich alleine schon deswegen an sämtliche Regeln. Ob Kalou aber wirklich der einzige Fußballer ist, der diese Regeln missachtet, will ich mal dahin gestellt lassen.

Unabhängig von den 1,50-Meter-Abstandsregeln: Hat sich der Profifußball in Corona-Zeiten noch weiter von den Fans entfernt?

Möller: Das ist eine gute Frage, die man nur schwer in ein paar Sätzen beantworten kann. Natürlich entfernt sich der Fußball immer weiter von den Fans, was schade ist. Ich will wirklich keine Neiddebatte führen, aber die Unsummen, die im Markt sind, sind natürlich krank. Kein Wunder, dass Dortmunds Watzke und DFL-Chef Seifert die Bundesliga nur noch als „Produkt“ bezeichnen…

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Ist das nicht ehrlich? Fußball ist doch schon seit Jahren nichts anderes als ein Produkt.

Möller: Das stimmt. Und trotzdem muss dieses Produkt aufpassen, dass der Bogen nicht überspannt wird. Mir ist doch egal, ob ein Manuel Neuer 20 Millionen Euro bekommt. Wenn sein Berater so geschickt verhandelt, dann sei ihm das gegönnt. Aber es kann doch nicht sein, dass das ganze System zu kollabieren droht, wenn der Ball ein paar Wochen nicht rollt. Wo ist denn das ganze Geld hin, das in den Kreislauf Fußball gesteckt wird? Irgendwann implodiert das System. Und das größte Problem an der ganzen Sache: Ich fürchte, dass es keine Lösung gibt.

Diese Lösung sucht nun DFL-Chef Christian Seifert, der eine „Taskforce Zukunft“ angeregt hat. Diese soll klären, inwiefern sich der Profifußball grundlegend ändern kann oder soll.

Möller: Die entscheidende Frage wird sein, ob eine grundsätzliche Debatte tatsächlich gewollt ist. Oder ob das nur eine Pseudo-Diskussion ist. Ich kann mich an mehrere Taskforces erinnern, die allesamt im Sande verlaufen sind. Die Protagonisten, die durch das bestehende System Fußball wahnsinnig gut verdienen, müssen sich entscheiden, ob sie wirklich etwas ändern wollen. Oder ob sie es lassen.

Würden Sie darauf bestehen, dass Fanvertreter an einer solchen Taskforce beteiligt sind?

Möller: Die Taskforce war ja Seiferts Idee. Deswegen wird er wahrscheinlich auch die Besetzung überdenken. Aber wenn er intelligent ist, dann wird er Fanvertreter berücksichtigen. Da muss dann aber auch wirklich etwas Gescheites bei rauskommen.

Van Drongelen: Ich persönlich erlebe grundsätzlich, dass das Verhältnis zwischen Spielern und Fans in Deutschland vor allem im Vergleich zum europäischen Ausland noch ziemlich gut ist. Hier gab es vor der Corona-Pandemie regelmäßigen Kontakt zwischen Spielern und Fans. Nach dem Training geben wir normalerweise Autogramme und Selfies – und auch nach den Spielen gibt es oft einen direkten Kontakt. Als Fußballer finde ich das super. Verhältnisse wie in England, wo es überhaupt keinen Kontakt mehr zwischen Profis und Fans gibt, will doch keiner.

Möller: Das will keiner. Aber wir alle müssen aufpassen, dass es eben nicht genau so kommt. Dieser Zustand ist ja nicht in Stein gemeißelt. Und die Tendenzen sind unübersehbar. Deswegen glaube ich schon, dass wir dafür kämpfen müssen, dass es bei uns nicht zu englischen Verhältnissen kommt. Das gilt auch für die 50+1-Regel, die wir meiner Meinung nach unbedingt erhalten müssen. In England gehören die meistens Clubs irgendwelchen Milliardären, denen die Fanbelange wahrscheinlich herzlich egal sind.

Van Drongelen: Die Fans machen im Fußball einen Unterschied aus. Ich kann mir Fußball ohne Fans nicht vorstellen – auch wenn wir jetzt für eine begrenzte Zeit ohne Fans spielen müssen. Was man aber auch nicht vergessen darf: Wir Fußballer in Deutschland sollten extrem dankbar sein, dass wir in der jetzigen Situation als erstes europäisches Land überhaupt weiterspielen dürfen. Mein Heimatland die Niederlande war das erste Land, in dem die Liga vorzeitig abgebrochen wurde. Da gab es zum Beispiel den Fall Utrecht. Die standen im Pokalfinale und waren mit einem Spiel weniger nur zwei Punkte hinter einem europäischen Platz. Das ist doch bitter! Jetzt muss ich meinen ganzen Kumpeln in den Niederlanden erklären, wie wir es geschafft haben, dass es hier weitergehen kann.

Und was sagen Sie ihren Kumpeln?

Van Drongelen: Dass der Fußball in Deutschland eine sehr große Bedeutung hat. Und dass er es geschafft hat, ein so professionelles und detailliertes Konzept auszuarbeiten, dass wir nun wieder spielen dürfen.

Herr Möller, wie werden Sie das erste Spiel des HSV nach dem Neustart gegen Fürth verfolgen?

Möller: Zuhause. Im Wohnzimmer. Mit meiner mindestens genauso sportbegeisterten Frau. Aber natürlich wird uns der gemeinsame Jubel mit den Freunden fehlen. Die gemeinsame Trauer. Ich freue mich auf den Neustart, aber an Geisterspiele werde ich mich nie gewöhnen.

St. Paulis Fanclubsprecherrat hat aus finanziellen Gründen Geisterspiele bis zum Saisonende akzeptiert, spricht sich aber gegen einen Start der neuen Spielzeit mit Geisterspielen aus. Was halten Sie von der Meinung von der Konkurrenz?

Möller: In diesen Tagen kommen Ideen auf den Tisch, über die man früher nie nachgedacht hat. Und nicht alles von St. Pauli muss schlecht sein. Deswegen kann ich mit dieser Meinung vom Stadtteilclub durchaus etwas anfangen, auch wenn die Virologen wohl eher davon ausgehen, dass wir erst wieder im nächsten Jahr Spiele mit Zuschauern haben.

Dann geben Sie beide zum Schluss noch einen Tipp ab: Herr Möller, wann werden Sie das nächste Mal hier auf der Nordtribüne sein? Und Herr van Drongelen, wann werden Sie das nächste Mal vor einer vollen Nordtribüne jubeln?

Möller: Realistisch ist das wahrscheinlich erst im kommenden Jahr. Ein Traum wäre, wenn im Oktober oder Dezember das schon wieder möglich sein sollte.

Van Drongelen: (überlegt lange) Ich wünsche mir: nächste Woche. Ich hoffe: im September. Und ich fürchte: Nicht vor dem kommenden Januar.​

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