Comeback im ZDF

Diese Hamburger sind bereit, das deutsche Boxen zu retten

Toni Kraft (v.l.), Artem Harutyunyan, Promoter Ismail Özen-Otto und Leon Bauer bei der Universum-Pressekonferenz im Gym an der Großen Elbstraße.

Toni Kraft (v.l.), Artem Harutyunyan, Promoter Ismail Özen-Otto und Leon Bauer bei der Universum-Pressekonferenz im Gym an der Großen Elbstraße.

Foto: Witters

Der von Ismail Özen neu aufgelegte Profistall Universum muss am Sonnabend das ZDF vom Wiedereinstieg überzeugen.

Hamburg. Auf seinem Schoss kuschelte Tochter Mara (2), Sohn Keano (acht Monate) stillte Ismail Özen-Otto mit einem Fläschchen. Familienidylle war das, was der Chef des neu aufgelegten Hamburger Profiboxstalls Universum am Dienstagmorgen im Gym an der Großen Elbstraße zur Schau stellte. Und ein wenig Entspannung mit dem Nachwuchs kann nicht schaden. Schließlich ist das, was an diesem Sonnabend auf den 38-Jährigen und sein Team wartet, alles andere als ein Kinderspiel.

Nichts weniger als die Rettung des deutschen Profiboxens erhoffen sich viele beruflich mit dem Faustkampf verbundene Menschen von dem Kampfabend, den Özen-Otto in der „Kuppel“ an der Luruper Chaussee veranstaltet.

Konkurrent Sauerland mit erstaunlichen Worten

Wie wichtig der Abend werden könnte, verdeutlichte die Einlassung von Frederik Ness auf der Pressekonferenz am Dienstag. Der sportliche Berater des Berlin-Hamburger Konkurrenten Sauerland, der mit Mittelgewichtler Patrick Wojcicki (28) und Supermittelgewichtler Leon Bauer (21) zwei seiner größten Talente für das Rahmenprogramm entsendet, sagte: „Für das deutsche Boxen ist das eine sehr wichtige Veranstaltung. Deshalb wollen wir mit unseren Kämpfern dazu beitragen, dass alle zufrieden sind.“

Erstaunliche Worte sind das aus dem Munde eines Konkurrenten. Aber weil die deutschen Promoter unter dem Eindruck der Talfahrt der vergangenen Jahre erkannt haben, dass das einstige Dickschiff Profiboxen nur mit vereinten Kräften wieder in die Fahrrinne gelotst werden kann, soll die Gegnerschaft nur noch im Ring ausgetragen werden.

ZDF übertrug Boxen 2010 letztmals live

Hintergrund für diese Entwicklung ist, dass Universum die Chance hat, mit einem gelungenen Produkt einen echten Wirkungstreffer im Bereich der TV-Vermarktung zu landen. Denn erstmals seit 2010, als der über acht Jahre datierte Exklusivvertrag mit dem vom Hamburger Unternehmer Klaus-Peter Kohl zum Weltunternehmen aufgebauten Universum-Vorgänger auslief, wird das ZDF wieder einen Boxkampf live übertragen.

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Zwar zahlen die Mainzer, die von 2002 bis 2010 20 Millionen Euro jährlich investierten, lediglich die Produktionskosten, alle weiteren Posten muss Universum stemmen. Dazu zählen neben den Kampfbörsen auch 50.000 Dollar, um alle acht in den vier Hauptkämpfen involvierten Sportler von der Voluntary Anti Doping Agency (Vada) umfangreich testen zu lassen. Dies war eine Bedingung, die das ZDF für den Wiedereinstieg gestellt hatte.

ZDF erhofft sich zweistelligen Marktanteil

„Wir haben einen neuen Ansatz, wollen für transparente Urteile von unabhängigen Punktrichtern und ein sauberes Boxen eintreten“, sagte Aris Donzelli, verantwortlicher Redakteur beim ZDF. Der Kampfabend solle zudem als Gradmesser für die Beliebtheit des Profiboxens dienen. „Wir erwarten uns einen zweistelligen Marktanteil.“

Hamburger Harutyunyan als Zugpferd

Als Zugpferd hat sich das ZDF, das von 21.30 Uhr an einen Internetstream bietet und um 0.30 Uhr nach dem Sportstudio live einsteigt, Artem Harutyunyan ausbedungen. Der 29 Jahre alte Halbweltergewichtler war 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro Bronzegewinner und der einzige deutsche Boxer, der eine Medaille holte.

Seit seinem Wechsel ins Profilager im Herbst 2017 ist der Hamburger der Vorzeigesportler in Özen-Ottos Projekt. Dass er nun im Duell mit dem Russen Islam Dumanow (27) überzeugen muss, um seinem Stall den Weg in eine erfolgreiche Zukunft zu ebnen, empfindet er nicht als Druck. „Im Gegenteil, ich liebe es, die Last auf meinen Schultern zu spüren. Das war schon in Rio so. Ich bin unter Druck am stärksten, deshalb freue ich mich, dass ich ganz oben auf der Bühne stehen darf.“

Das Niveau ist weit von Weltklasse entfernt

Zur Wahrheit gehört indes auch, dass die zehn Duelle umfassende Kampfkarte – Beginn 18 Uhr, wenige Tickets unter universum-boxpromotion.com – mit sportlichen Highlights nicht gerade überladen ist. Leon Bauers Duell mit Universum-Hoffnung Toni Kraft (26) hätte das Potenzial zum Hauptkampf, ist aber nur auf acht Runden angesetzt.

Der Rest der Kämpfe bietet zwar das, was Özen-Otto als neue Richtschnur ausgegeben hat: Boxen auf Augenhöhe. Von der Weltklasse, die es zu Universums Hochzeiten Anfang dieses Jahrhunderts selbst im Vorprogramm zu sehen gab, ist das Niveau allerdings weit entfernt, was für einen Neuanfang, wie ihn der umtriebige Ex-Profi angeschoben hat, allerdings auch wenig verwunderlich ist.

ZDF rechtfertigt die Harutyunyan-Wahl

Umso verwunderlicher ist, dass das ZDF die Rückkehr ins Live-Boxen mit einem Kampf wagt, in dem ein nur Insidern vertrauter Deutscher mit armenischen Wurzeln auf einen unbekannten Russen trifft, und das in einer Gewichtsklasse, die im schwergewichtsfixierten Deutschland ein Schattendasein fristet.

Aris Donzelli erklärt die Auswahl deshalb auch mit Harutyunyans Lebensgeschichte; der eines Bürgerkriegsflüchtlings, der es mit beharrlicher Arbeit vom Niemand zu olympischem Ruhm brachte. „Artems Geschichte passt ins derzeitige politische Bild, er ist außerdem ein Sportler, der für Fairplay steht und sich vor der Kamera gut verkauft“, sagte er.

Zweite Veranstaltung hängt von Einschaltquote ab

Sollte der zweistellige Marktanteil klar verfehlt werden, könne es sein, dass die für Frühjahr 2020 geplante, zweite gemeinsame Testveranstaltung nicht mehr ausgetragen werde. „Wir hoffen aber sehr, dass die Quote so gut ist, dass es sich lohnt, den geplanten zweiten Kampfabend zu machen“, sagte Donzelli.

Der Erfolgsdruck ist riesig für die Protagonisten im neuen Universum. Aber sie sind bereit, ihn anzunehmen.