Aus Syrien über Hamburg und jetzt zur WM nach Tokio

Judoka Yamen Alikaj, der bei der WM für das Flüchtlingsteam  antritt, mit Trainer Florian Hahn (o.).

Judoka Yamen Alikaj, der bei der WM für das Flüchtlingsteam antritt, mit Trainer Florian Hahn (o.).

Foto: Roland Magunia

Yamen Alikaj von der JG Sachsenwald kämpft für das Flüchtlingsteam des Weltverbandes bei der Judo-WM in Japan.

Hamburg. Als die Bomben fielen auf seine Heimatstadt Aleppo, da waren es seine Träume, die Yamen Alikaj seinen Lebensmut bewahren ließen. Von einer Zukunft als Elektroingenieur in einem friedlichen Land träumte der Student, aber auch davon, einmal in seinem Leben bei Olympischen Spielen antreten zu dürfen. Seit seinem sechsten Lebensjahr hatte er, wie es sich für den Sohn des Nationaltrainers gehört, Judo gekämpft, er hatte es in die Auswahl Syriens geschafft. „Aber während des Krieges konnte ich fünf Jahre lang nicht trainieren. Olympia war in dieser Zeit sehr weit weg“, sagt er.

Ende dieser Woche, wenn in Tokio die 33. Judo-WM (25. August bis 1. September) startet, wird Yamen Alikaj seinem Traum so nah sein wie nie zuvor. Als Mitglied des Flüchtlingsteams des Weltverbands IJF darf der 28-Jährige zum ersten Mal in seiner Karriere an Welttitelkämpfen teilnehmen.

Treffen der Weltbesten

Drei syrische Frauen und sieben Männer, fünf aus Syrien, ein Iraner, ein Afrikaner, reisen auf Einladung der IJF nach Asien, um sich dort mit den Besten der Welt zu messen. Für Yamen Alikaj soll diese Reise zwar nicht das Ende seines Weges sein. Aber dass er sie überhaupt antreten kann, ist eine Geschichte, die er selbst kaum für möglich gehalten hätte.

Am 12. August 2015 verließ Yamen Alikaj Aleppo. Allein, der Vater war im Jahr zuvor geflohen, wollte als Englischlehrer in England arbeiten, blieb aber in Hamburg hängen. Yamen als ältester Sohn folgte, weil er nach dem Ende seines Studiums zur Armee gemusst hätte.

„Ich wollte aber nicht in den Krieg, also ging ich“, sagt er. 1100 Dollar kostete die Bootspassage über die Türkei bis nach Griechenland, danach schlug er sich über die Balkanroute durch. Mal mit dem Zug, mal mit dem Bus, mal zu Fuß, durch Serbien, Mazedonien, Ungarn und Österreich, bis er am 7. September in Magdeburg landete und von dort nach rund einem Jahr nach Hamburg ziehen durfte.
Ein befreundeter Algerier nahm ihn hier mit zum Judotraining bei der JG Sachsenwald im TSG Bergedorf. Deren Coach Florian Hahn erkannte schnell das Potenzial, das in dem drahtigen Syrer schlummerte.

Die Brücke war für ihn der Sport

„Er ist ein sehr guter Athlet, der unheimlich fleißig trainierte. Vor allem aber hat mich beeindruckt, wie gut er sich integrierte. Er gab bald Training für Jugendliche und Frauen, und er sprach erstaunlich gut Deutsch“, sagt er. Wer sich mit Yamen Alikaj unterhält, kann das nur bestätigen. Vier Jahre nach seiner Flucht versteht er auch komplizierte Fragen, er antwortet grammatisch ausgereift und mit erstaunlichem Wortschatz. „Die Sprache ist der Schlüssel, ich habe ein Jahr lang einen Deutschkurs besucht und vor allem mit Filmen gelernt“, sagt er.

Die Brücke zur deutschen Kultur war jedoch der Sport, in dem der zurückhaltend, aber sehr zugewandt wirkende Araber Anschluss fand. „Ich bin sehr froh darüber, dass ich in Deutschland wieder die Chance bekam, Judo zu kämpfen“, sagt er.

Deutlich schwieriger war es, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, trotz seines abgeschlossenen Studiums hagelte es Absagen auf seine Bewerbungen, mindestens 40. Doch am 15. September, nach der Rückkehr aus Japan, beginnt er eine Ausbildung zum Klimatechniker. Seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland läuft deshalb zunächst weitere drei Jahre, ins Ausland reisen kann er dank eines deutschen Reisepasses für Flüchtlinge, da sein syrischer Pass abgelaufen ist.

Leben in Frieden

Eine Rückkehr in die Heimat ist für Yamen Alikaj zwar nicht ausgeschlossen, aktuell jedoch ist sein Plan, in Hamburg sesshaft zu werden. Er hat eine eigene Wohnung in Eilbek, der Rest der Familie – die Mutter und die drei jüngeren Geschwister sind mittlerweile auch aus Syrien geflohen – wohnt in Rahlstedt. „Wir möchten in Frieden leben und uns in Deutschland integrieren“, sagt er. Die Lage in Aleppo, wo noch immer viele Freunde und Familienmitglieder leben, sei zwar besser als vor fünf Jahren, aber noch längst nicht gut.

Yamen Alikaj ist Realist, er weiß, dass „es eine riesige Überraschung wäre, wenn ich bei der WM einen Kampf gewinnen würde“. Trainer Hahn, der den Syrer ins Zweitligateam des Hamburger JT aufgenommen hat, sagt: „Hätte er einen deutschen Pass, wäre die Nationalmannschaft für ihn unerreichbar, so ehrlich müssen wir sein.“

Ziel ist es, Erfahrungen zu sammeln

Aber als Alikaj im Juli beim Grand Prix in Budapest erstmals im Flüchtlingsteam startete, hielt er in seinem Auftaktkampf stark mit, verlor nur durch eine kleine Wertung. „Im Kampfsport ist immer eine Überraschung möglich. Ich kenne alle meine Gegner, habe sie zwar bislang nur im Fernsehen gesehen, aber sie kennen mich gar nicht“, sagt er.

Sein Ziel ist dennoch keine Medaille in der Klasse bis 73 Kilogramm, in der er startet, das wäre vermessen. Sein Ziel ist es, Erfahrungen zu sammeln und einen so guten Eindruck zu hinterlassen, dass der Weltverband ihn 2020 erneut nach Tokio einlädt, um auch bei Olympia im Flüchtlingsteam anzutreten. „Eine WM und Olympische Spiele im Herkunftsland meines Sports zu erleben, das ist mein größter Traum“, sagt Yamen Alikaj. Und dass er für seine Träume kämpfen kann, das hat er längst bewiesen.