FC St. Pauli

Blindenfußballer: „Die Gegner sind die Korken“

Serdal Celebi schoss das „Tor des Monats“ im August 2018.

Serdal Celebi schoss das „Tor des Monats“ im August 2018.

Foto: Witters

NDR-Dokumentation über die Blindenfußballer des FC St. Pauli um Serdal Celebi, den Torschützen des Monats im August 2018.

Hamburg.  „Ich bin sprachlos“, sagt Rasmus Narjes und kämpft ein wenig mit Tränen, „ich muss jetzt zu meinen Fans.“ Dann dreht er sich weg und geht. Und dann ist der Film ganz plötzlich, ganz abrupt zu Ende. Ein kurzer Moment Stille, dann bricht Applaus und Jubel los im Ballsaal des FC St. Pauli. Klar, es ist ein Heimspiel vor rund 200 Zuschauern, diese Vorpremiere des NDR-Films „Lass rasseln“, der am Sonntag im Rahmen der Reihe „Sportclub Story“ um 23.30 Uhr im NDR Fernsehen (und nach Belieben in der Mediathek) zu sehen ist. Dennoch: Die Begeisterung ist berechtigt.

Autor Andreas Kramer hatte da eine prächtige Vorlage mit diesen starken Typen aus der Blindenfußball-Mannschaft des FC St. Pauli. Aber Vorlagen muss man verwandeln können. Das ist gelungen. „Ich sollte einen 1:30-Minuten-Film über Serdal Celebi drehen, der ja im August 2018 das ,Tor des Monats‘ geschossen hat“, erzählt Kramer, „und dann habe ich gemerkt, was für eine tolle Mannschaft das ist, und wollte sie ein Jahr begleiten.“ Das durfte er, heraus kam diese 45-minütige Dokumentation. „Vielleicht ist das alles Schicksal“, sagt Celebi, „das Tor, dass jemand es gefilmt hat, dass sich Andreas Kramer für uns interessiert hat. Es ist jedenfalls schön, dass unser Sport an Popularität gewinnt.“

Celebi hat ein intensives Jahr hinter sich

Insbesondere Celebi hat ein intensives Jahr hinter sich. TV-Auftritte, er loste die erste Runde des DFB-Pokals aus, talkte hier, repräsentierte da, er macht das alles voller Freude mit. Wie lange das öffentliche Interesse an diesem Exoten, der als Blinder ein besonders schönes Tor geschossen hat, anhält, wird die Zeit zeigen. Egal: Jetzt ist der Moment, den gilt es zu nutzen. „Ich kannte das ,Tor des Monats‘ nicht, also habe ich versucht, so zu tun, als ob ich Ahnung habe“, gibt der 35-Jährige zu, „es ist schön, Botschafter für Blindenfußball zu sein. Ich genieße auch die Bekanntheit.“

Celebi, der Physiotherapeut, ist der eine Hauptprotagonist des Films, der andere ist Rasmus Narjes. 19 Jahre alt, aber reif über sein Alter hinaus. Kapitän des Teams. Orgelspieler, bald Jurastudent in Hamburg. Zwei Stunden fährt er mit Bus und Bahn aus seinem Heide-Heimatdorf Volkwardingen zum Training am Borgweg. „Ich bin ein blinder Passagier.“ Gelächter. Den Gag hat er schon öfter gebracht, aber er kommt immer wieder gut an. Selbstironie, das befreit auch die Zuseher von Hemmungen über den Umgang mit dem blinden Gegenüber. Überhaupt kommt die Situationskomik nicht zu kurz. „Die Gegner sind die Korken“, sagt Rasmus, als er ein Tasten-Taktikbrett erklärt. Schön ist auch die Szene beim Sensibilisierungstraining in einer Strafanstalt, als Celebi auf einen vermeintlichen Mitspieler zugeht: „Wer bist du?“ „Ich bin der Kameramann.“

Unterhaltung, Spannung und Dokumentation

So ist die Mischung gelungen aus Unterhaltung, Spannung und Sportdokumentation. „Ich verlange von meinen Spielern Dinge, die ich selbst nie liefern könnte“, sagt Trainer Wolf Schmidt. Sie müssen den Ball führen, spielen, schießen. Sie müssen sich orientieren, dabei auf die Zurufe der „Guides“ am Spielfeldrand hören, sie müssen sich selbst durch „Voi, Voi“-Rufe bemerkbar machen – und dann auch noch den klingelnden Ball richtig orten. Unglaubliche Sinnesleistungen, um den Verlust eines Sinnes zu kompensieren. „,Du Blinder‘ ist deshalb als Schimpfwort völlig daneben“, sagt Schmidt.

An diesem Wochenende spielt das Team in Stuttgart am letzten Vorrundenspieltag der Bundesliga drei Partien. Ein Punkt reicht dem ungeschlagenen Tabellenführer, um das Endspiel um die Meisterschaft am 31. August in Saarbrücken zu erreichen. „Das sieht ganz gut aus“, sagt Rasmus Narjes. Einen Heimspieltag hat St. Pauli in diesem Jahr nicht ausgerichtet, nächste Saison soll es das wieder geben. Aber ein Traum von Rasmus ist schon in Erfüllung gegangen. Ein „echtes Heimspiel“. In seinem Dorf. Und alle kamen zu dem internen Kick zweier St.-Pauli-Teams. Freunde, Verwandte, Nachbarn, Volksfeststimmung, ein großes Glück. „Fußball bedeutet für mich Freiheit“, erklärt Serdal Celebi. Und Rasmus genießt den Augenblick, sprachlos: „Ich muss jetzt zu meinen Fans.“