Hamburg

Warum ein Blinder einen Tennisverein gründet

Ronald Hinz beim Blindentennis

Ronald Hinz beim Blindentennis

Foto: Marcelo Hernandez

Der Richter Ronald Hinz hat die neue Sportart nach Hamburg geholt. Er möchte sie auch Kindern ermöglichen.

Hamburg.  Vor dem Training muss Ronald Hinz erst einmal runter auf den Boden. Er ist extra ein wenig früher gekommen, um das Spielfeld vorzubereiten. Der 52-Jährige tastet über den Hallenboden und befestigt ein weißes Klettband darauf. Mit seinem Stock misst er die Abstände und schafft es tatsächlich, das Band in geraden Linien aufzutragen. Das Klettband soll ihm und seinem Trainingspartner Axel Eichstädt die Orientierung später erleichtern – die beiden sind blind. Der eine spielt mit Hallenschuhen, der andere mit Socken, am liebsten aber barfuß, weil er dann die Linien besser spüren kann.

Gespielt wird mit klingendem Ball

Ronald Hinz hat einen Verein für Blindentennis gegründet, denn „so etwas gab es in Hamburg noch nicht“. Blindentennis funktioniert mit einem Schaumstoffball, der mit rasselnden Metallstiften gefüllt ist. Ansonsten ähneln die Regeln dem normalen Tennis. Jedem Aufschlag geht aber ein kleiner Wortwechsel der Spieler voran: Der Aufschläger fragt „Ready?“, der Partner antwortet mit „Yes“, auf das ein „Play“ des Aufschlägers folgt. „Es ist sehr anstrengend, weil man alles hören muss“, sagt Hinz im Training. Ihm und Axel Eichstädt gelingen die Ballwechsel aber schon recht ordentlich.

Sportlich sei er schon immer gewesen, sagt Hinz. Er ist bei den Cyclassics im Tandem mitgefahren, „alle Distanzen von kurz bis lang“, ist Marathon gelaufen und hat am Triathlon teilgenommen. Auch Fußball hat er lange gespielt – in der Blinden-Mannschaft des FC St. Pauli. Er war sogar Nationalspieler und nahm 2008 an der Europameisterschaft im Blindenfußball in Athen teil. „Aber das Verletzungsrisiko ist hoch – und es ist mir in der Tat zu gefährlich geworden.“ Fußball sei ein Kontaktsport, das scheue er inzwischen.

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Workshop im Blindentennis

Dann las Hinz, der als Richter am Landgericht Hamburg arbeitet, erstmals vom Blindentennis. Im Herbst 2017 machte er einen Workshop im Blindentennis an der Sporthochschule Köln. „Das hat mich so geflasht“, sagt der Jurist, „hier im Norden gab es das nicht, aber ich war so heiß auf den Sport. Ich musste jemanden finden, der da mitmacht, und ich musste einen Trainer finden.“ Andere Blinde für Tennis zu begeistern sei nicht schwierig gewesen, Hallenplätze zu finden dagegen umso mehr. „Sie sind knapp und müssen zen­tral gelegen sein, damit die Anbindung mit dem Nahverkehr gut ist.“

Die Erfahrung, die der Vereinsgründer bei der Hallensuche machte: „Die gucken Sie an, als wären Sie Mork vom Ork.“ Er habe von drei großen Hamburger Tennisvereinen Absagen kassiert. Schließlich fand er den Betriebssportverband Hamburg und gründete im November 2017 die neue Sparte Blindentennis bei der Betriebssportgemeinschaft Justiz Hamburg von 1955 e. V.

Trainerstunden angeboten

Auch die Trainerfrage klärte sich. Sahar Kramper war offen und neugierig genug, sich auf neues Terrain zu wagen: „Herr Hinz hat mich angerufen und gesagt, er wolle gern Tennis spielen lernen“, erzählt sie. Die 32-jährige Hamburgerin, die seit 2004 als Trainerin arbeitet, hatte keine Berührungsängste: „Ich kenne jemanden, der blind ist, und weiß, dass diese Person ganz viel selbstständig machen kann.“ Und sie habe das Know-how, wie man eine Trainerstunde aufbaut, sagt Kramper, die neben ihrer Arbeit als Tennistrainerin beim TuS Hamburg von 1880 eine Firma für 3-D-Druck betreibt. Die Grafikdesignerin informierte sich im Internet über Blindentennis und legte los. Mit Christian Hartwig vom TuS gibt es außer Sahar­ Kramper inzwischen einen zweiten Trainer, der die blinden Tennisspieler­, inzwischen sind es acht, unterrichtet.

Kramper ist zufrieden mit den Fortschritten ihrer Tennisschüler. „Wir sind jetzt schon dabei, Schlagtechniken zu lernen, also die verschiedenen Varianten eines Schlags. Wenn der Erfolg kommt, ist die Freude am Sport noch viel größer.“

Anders als bei den Sehenden fasst sie ihre blinden Tennisschüler an und zeigt ihnen so die Bewegung, die sie lernen müssen. „Aber das Tolle ist, sie brauchen bei diesem Sport niemanden, der Händchen hält“, sagt die Trainerin.

Toller Sport für Blinde

Um den Verein zum Laufen zu bringen, trieb Hinz, der in Othmarschen aufwuchs, Fördermittel ein. Er bat zwei Stiftungen um Unterstützung – eine finanziert die Tennisbälle, die pro Stück etwa 7 Euro kosten, eine weitere übernimmt derzeit noch die Kosten für die Hallenplätze. „Es ist ein toller Sport für Sehende und Blinde. Um gemeinsam Sport zu machen, gibt es sonst nicht viel“, sagt Hinz.

Bewegung verschafft sich Hinz auch täglich auf dem Weg zur Arbeit. Von der Wohnung auf St. Pauli, wo er mit seiner Frau Cornelia und Tochter Feline (7) lebt, spaziert der Richter üblicherweise durch Planten un Blomen zum Gerichtsgebäude. Hinz arbeitet beim Zivilgericht, in seinem Büro und dem Gebäude findet er sich mühelos zurecht. Und mancher, der mal in einer seiner Prozesse zugegen war, ist hinterher verwundert, wenn er hört, dass der Richter blind ist. Retinitis pigmentosa, eine Netzhautdegeneration, hat seine Sehkraft seit jungen Jahren ständig schwächer werden lassen. Inzwischen kann er nur noch einen hellen Fleck erkennen, wo die Sonne durch das Fenster leuchtet.

Angebot für Kinder ausbauen

Beim Blindentennis reicht Hinz das bislang Erreichte noch lange nicht. Er hofft auf mehr Mitglieder, mehr Fördermittel, mehr Trainer. Und weil er weiß, dass sich nichts von selbst erledigt, ist er als Vereinsvorsitzender ständig in Aktion. „Wir wollen das Gleiche auch für Kinder anbieten“, sagt Hinz. „Für die ist das motorisch eine glatte Eins – mal ohne Blindenstock schnell durch die Gegend zu laufen.“ Der Vereinsgründer, so scheint es, lässt sich jedenfalls in seinem Elan durch nichts bremsen.