Umweltschutz

Kunstrasenplätze: EU plant Verbot von Mikroplastik

Moderne Kunstrasenplätze sind fast immer bespielbar, haben für die Nutzung im Amateur- und Schulbereich daher enorme Vorteile.

Moderne Kunstrasenplätze sind fast immer bespielbar, haben für die Nutzung im Amateur- und Schulbereich daher enorme Vorteile.

Foto: Anne Pamperin

Eine umweltschonende Alternative wäre Kork. Kommunen und Sportvereine wollen eine sechsjährige Übergangsphase.

Norderstedt. Wenn auf einem Kunstrasen zur Grätsche angesetzt, wenn eine schnelle Bewegung abrupt gestoppt oder ein harter Schuss abgegeben wird, dann spritzt es hoch: Granulat, schwarze Körnchen, eine Substanz aus Kunststoff. Manches davon bleibt nicht auf dem Platz, Wind und Wetter verteilen es in der Natur, oder es gelangt über Kleidung und Körper in die Abflüsse.

So darf es nicht weitergehen, sagt die Europäische Chemikalienagentur (EHCA). Diese Behörde der Europäischen Union hat einen Antrag eingereicht, der schon bald Gesetz sein könnte für alle Mitgliedsländer. Der Plan: Es soll verboten werden, Mikroplastik, und nichts anderes sind die Granulatpartikel, bewusst in den Umlauf zu bringen. Das wäre im Sinne der Umwelt – würde aber einen erheblichen Aufwand bedeuten.

In Norderstedt hat kürzlich der Sportausschuss über dieses Thema diskutiert. Auslöser waren Anträge über die Sanierung vierer Kunstrasenplätze von Eintracht Norderstedt und TuRa Harksheide – die Anlagen sind städtisch – mit einen Kostenvolumen von zusammengerechnet knapp über 1 Million Euro. Über die Notwendigkeit gibt es keine Zweifel, in der Regel muss nach zehn bis zwölf Jahren erneuert werden. Allerdings waren im Vorfeld über den Deutschen Städte- und Gemeindebund Informationen zur EHCA-Initiative verschickt worden.

Sportausschuss plädiert für Kork statt Kunststoff

Die Politik sprach sich inhaltlich dafür aus, dem kommenden EU-Standard bereits jetzt Folge zu leisten. Eine umweltverträgliche Alternative wäre Kork, wobei der Ausschussvorsitzende Marc Muckelberg (Grüne) sagt: „Wir werden uns dafür im Laufe des Jahres Spezialisten einladen.“ Grundsätzlich hätte Kunstrasen „einen gewaltigen Vorteil mit der Bespielbarkeit bei nahezu jeder Wetterlage“. Aber: „Man muss sich die Plätze im Einzelnen angucken. Ich gehe davon aus, dass wir einen Großteil sanieren müssen.“

Also auch jene, die gerade erst 2018 und 2019 für mehrere Millionen Euro renoviert oder neugebaut worden sind – bei TuRa und Eintracht, aber auch beim Glashütter SV oder dem SV Friedrichsgabe. „Wir sind darauf vorbereitet“, sagt Tobias Claßen, Geschäftsführer von TuRa Harksheide. „Wir müssen abwarten, was die Europäische Kommission beraten wird. Und man muss sich entscheiden, welche Befüllung hineinpasst und welche Kunstrasenfasern geeignet sind.“

Jährlich kommen in Deutschland 300 Plätze dazu, während 150 erneuert werden. Sämtliche Standorte auf einmal anzugehen, ist unmöglich – aus finanziellen Gründen, aber ebenso, weil der Spielbetrieb von Vereinen und Schulen dann zum Erliegen käme. Und auch die stark nachgefragten Fachfirmen haben begrenzte Kapazitäten. Der Deutsche Fußball-Bund und der Deutsche Olympische Sportbund schlagen daher eine Übergangsphase von sechs Jahren vor.

Ein Kunstrasen ersetzt 2,5 Naturrasen

Ohne Granulat, in welcher Form auch immer, geht es nicht. Gemischt mit Sand, werden die grünen Fasern zusammengehalten, die Schritte der Sportler gedämpft, auch die Ballphysik wäre ansonsten komplett anders. „Für Fußballer ist es mit Kork das Gleiche wie mit Mikroplastik“, sagt Reenald Koch, Präsident von Eintracht Norderstedt. „Kork verklebt aber leichter, es muss häufiger gebürstet werden – mindestens dreimal pro Woche drei Stunden.“

Wieder mehr auf Naturrasen zu setzen, ist illusorisch. „Dann bräuchten wir doppelt so viele Plätze.“ Schon heute sei die Anlage von 16.30 bis 21.30 Uhr „zu hundert Prozent ausgelastet“. Aktuelle Daten (Quelle: DFB-Net) besagen: Ein Kunstrasen ersetzt 2,5 Naturrasen; auf weniger als zehn Prozent aller Naturrasen finden pro Wochenende mehr als zwei Spiele statt – bei Kunstrasen sind es über 40 Prozent. Und 72 Prozent aller künstlichen Anlagen werden von mehr als fünf Mannschaften genutzt (Natur: knapp ein Drittel).

Während Hamburg Quarzsand verwendet, verzichtet Kaltenkirchen auf Kunststoff und hat Kork, Quarzsand oder Gemische in den Plätzen. In Hen­stedt-Ulzburg gibt es am Alstergymnasium eine Fläche mit Kork, eine weitere (Sportpark Henstedt) soll dementsprechend umgebaut werden, die weiteren Füllungen sind noch mit Mikroplastik versetzt. Laut Verwaltung hätten in Zukunft Kork oder Quarzsand Priorität.