Segeln

Heil und Plößel wollen zusammen für Olympia stark werden

Ein eingespieltes Team: Thomas Plößel und Erik Heil haben zu Saisonbeginn schon eine Regatta gewonnen.

Ein eingespieltes Team: Thomas Plößel und Erik Heil haben zu Saisonbeginn schon eine Regatta gewonnen.

Foto: Sailing Energy/World Sailing

Die Rio-Bronzegewinner des NRV sind auf Kurs Tokio 2020 – Sparringspartner sind die Boote deutscher Konkurrenten.

Hamburg.  Leistungssportler unter Druck: Vor drei Jahren haben die Skiffsegler Erik Heil (29) und Thomas Plößel (29) die Segelnationalmannschaft in Rio de Janeiro mit Bronze nach acht medaillenlosen Jahren vom olympischen Trauma erlöst. Jetzt kämpfen sie an zwei Fronten erneut um ihren Platz in der Weltspitze: Im 49er gewann das Duo des Norddeutschen Regatta Vereins (NRV) in Hamburg gerade den Weltcup-Saisonauftakt vor Miami. Und das, obwohl sie ein halbes Jahr lang aufgrund von Studienverpflichtungen kaum trainieren konnten.

Vorschoter Plößel strebt als angehender Ingenieur seinem Master entgegen, Steuermann Heil will im August sein Medizin-Physikum bestehen. Auf dem Weg dahin hat er „noch keine Prüfung nicht bestanden“. Der Spagat der beiden Segelakrobaten wird deswegen bis in den Sommer dieses Jahres immer größer werden. Erst dann können und wollen sich die Athleten für das letzte Jahr bis zur olympischen Regatta 2020 im japanischen Enoshima hundertprozentig auf die nationalen Qualifikationshürden konzentrieren.

Risiko des Scheiterns reist immer mit

Auf ihrem Kurs reist das Risiko des Scheiterns immer mit. Hilfreich ist, dass der komplexe olympische Segelsport ein Erfahrungssport ist. Gefragt sind über viele Jahre gewachsene Segelkunst, taktische Exzellenz und technologische Expertise. Die vielschichtige Herausforderung liegt besonders dieser Crew. Nach einem Jahrzehnt in einem Boot zählen Heil und Plößel zu den Top-Akteuren in der ebenso rasanten wie kippeligen 49er-Gleitjolle, die aussieht wie ein zu breit geratenes Surfbrett mit Riesenohren.

Beim Erfolg zu Jahresbeginn vor Miami herrschten „Heil-Bedingungen“. „Je schwieriger und unberechenbarer die Winde, desto besser für uns“, erklärt der 29-jährige Steuermann und grinst. Das gute Gefühl für unbeständige Bedingungen hat sich das Duo schon in der Jugend auf Berliner Binnenseen angeeignet. Zwar beherrschen die zwei Männer auch die Starkwind-Speedbolzerei, zu Hochform aber laufen sie in komplizierten Wind- und Strömungsverhältnissen auf.

Weg ist dornenreicher geworden

So wie am 18. August 2016, als die deutsche 49er zu Füßen von Rios Zuckerhut in der Guanabara-Bucht zur umjubelten Bronzemedaille segelte. Es war die erste Segelmedaille für Team Germany in acht Jahren. Heil und Plößel feierten sie ausgiebig. Fünfmal, damit es wirklich alle sehen konnten, sprangen sie mit dem für sie typischen Salto von Bord des Bootes in die glitzernden brasilianischen Fluten. Seitdem hat sich das Leben der Studenten stark verändert.

Ihr Weg ist nicht glamouröser, sondern dornenreicher geworden. Weil sie – auf die 30 zugehend – neben dem Leistungssport ihre Studien vorantreiben wollen. Dass sie in der inzwischen imposant erstarkten deutschen 49er-Flotte immer noch die Leitwölfe sind, bezeugte der Weltcup-Sieg. Aber: Auch drei weitere GER-Boote hatten im Januar vor Miami das Finale der besten zehn olympischen Skiff-Crews erreicht und die internationale Konkurrenz mit diesem fulminanten schwarz-rot-goldenen Gesamtauftritt beeindruckt.

Eingeschworene Trainingsgruppe

Die jungen Bayern Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger waren als Vierte nur knapp am Podium vorbeigesegelt. Die Kieler Shootingstars Tim Fischer/Fabian Graf, im vergangenen Sommer als WM-Dritte aufgefallen, und die Routiniers Justus Schmidt/Max Boehme aus Kiel hatten den Erfolg für das German Sailing Team auf den Plätzen sieben und acht komplett gemacht.

Den Grundstein aber zu diesem Aufschwung des deutschen 49er-Segelns hatten einst die als Einzige vom österreichischen Unternehmen Red Bull geförderten Erik Heil und Thomas Plößel gelegt. Es war ihre eingeschworene Trainingsgruppe mit Schmidt/Boehme, die auf Kurs Rio vor sieben Jahren neue Maßstäbe in der offenen und zielorientierten Zusammenarbeit gesetzt hatte. „Es ist die beste Trainingsgruppe der Welt“, hatte Heil damals gesagt. Und Plößel hatte in aufrichtiger Anerkennung und aufwendiger Handarbeit zwei Repliken der Bronzemedaillen für die Wegbegleiter Schmidt und Boehme angefertigt. Heute ist Erik Heil sicher: „Nur die erneute enge wie hundertprozentig offene Zusammenarbeit wird uns 2020 erneut die Medaille für den deutschen Segelsport bringen.“

Menschlich-sportlicher Balance-Akt

Was leichter gesagt als getan ist, denn die deutschen Segler sind nicht nur Freunde und Trainingspartner. Sie sind auch Konkurrenten um nur einen möglichen Startplatz pro Nation und Segeldisziplin. Trotzdem blieben Heil/Plößel und Schmidt/Boehme im Vorwege der Olympischen Spiele bis zuletzt Freunde. Ihre eingeschworene Gemeinschaft hatte auch unter Konkurrenzdruck im Kampf um den Olympia-Traum standgehalten. Schmidt/Boehme unterstützten ihre Bezwinger auch nach der schmerzhaften Ausscheidungsniederlage im Rio-Revier weiter als Sparringspartner.

Kann dieser menschlich-sportliche Balance-Akt noch einmal gelingen? Aus den „vier Musketieren“ von einst sind mindestens acht in vier Crews geworden. Sie wollen es in Regie von Senioren-Bundestrainer Marc Pickel und mit erweitertem Team inklusive der Schützlinge von Senioren-Anschluss-Coach Max Groy erneut versuchen. Der Plan: erst zusammen stark werden, dann die nationalen Sieger der Ausscheidung mit aller Kraft unterstützen.

Gutes Omen

Ob das einstige Erfolgssystem auch im Großformat klappt, wird sich spätestens am 3. August 2020 erweisen – dem Tag des finalen olympischen Medaillenrennens der 49er-Klasse in Japan. Der Name des Olympiahafens mag dabei als gutes Omen dienen: In Enoshima hatte Deutschlands Segelstar Willy Kuhweide 1964 seinen umjubelten Olympiasieg gefeiert. Kuhweides Goldmedaille ist im Berliner Verein Seglerhaus am Wannsee in einer Vitrine ausgestellt und funkelt dort potenziellen Nachfolgern als Inspirationsquelle entgegen. Erik Heil und Thomas Plößel haben sie sich schon oft angesehen.

Die NRV-Crew ist wie ihre Teamkameraden Anfang April wieder gefordert. Bei der 50. Auflage des spanischen Regatta-Klassikers Trofeo Princesa Sofìa treffen sie erstmals seit 2016 wieder auf ihre größten Widersacher: Die 49er-Olympiasieger Peter Burling und Blair Tuke, die nach Gold in Rio 2017 für Neuseeland im America’s Cup triumphierten und danach das Volvo Ocean Race absolvierten, sind zurück im Spiel. Der erste 49er-Auftritt der Kiwis seit fast drei Jahren wird zeigen, was die zuletzt herausragenden Leistungen der deutschen Skiffsegler im vorolympischen Jahr wert sind.