Hockey

Emily Kerner – mit 20 Jahren schon Führungsspielerin

Emily Kerner spielt mit dem Club an der Alster um die Hallenmeisterschaft im Hockey.

Emily Kerner spielt mit dem Club an der Alster um die Hallenmeisterschaft im Hockey.

Foto: MICHAEL RAUHE

Die Tochter von Ex-Nationalspielerin Britta Becker und TV-Mann Johannes B. Kerner hat bei der Hallenmeisterschaft Stärke bewiesen.

Hamburg.  Manche Fragen stellt sich wohl jeder, der Emily Kerner beim Hockeyspielen zuschaut. Kann es wirklich sein, dass diese Frau, die ihre Gegnerinnen so selbstbewusst und seelenruhig umkurvt, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan, erst 20 Jahre alt ist?

Und wie ist es möglich, dass in einer Mannschaft mit so vielen starken Charakteren, wie es die Bundesligadamen des Clubs an der Alster sind, eine 20-Jährige so grundsolide und unaufgeregt eine Führungsrolle im Spielaufbau übernimmt?

„Schritt in den Damenbereich war nicht so schwer“

Emily Kerner nimmt einen Schluck von ihrem Orangen-Ingwer-Minztee, bevor sie eine Antwort formuliert. Natürlich könnte sie anführen, dass der Altersschnitt im aktuellen Hallenteam, das an diesem Wochenende beim Final-Four-Turnier in Mülheim an der Ruhr seinen deutschen Meistertitel erfolgreich verteidigen will, so niedrig ist, dass die älteste Spielerin gerade vier Jahre älter ist als sie selbst.

Aber sie weiß, dass das zu kurz griffe. Also sagt sie: „Der Schritt in den Damenbereich war nicht so schwer, wie man ihn sich vorstellt. Das lag daran, wie ich im Team aufgenommen wurde. Ich habe mich nicht schwer damit getan, mich in dieses charakterstarke Team einzuordnen, weil ich mich davon nicht habe einschränken lassen.“

Kerner spielt passsicher und schnörkellos

Das Selbstbewusstsein, das aus dieser Antwort spricht, strahlt die Abwehrspielerin in fast jeder Aktion aus. Ihre Spieleröffnung ist passsicher und schnörkellos, ihre Zweikampfführung elegant, ihre Strafecke eine Waffe. Natürlich passieren ihr noch Fehler, aber die werfen sie nicht aus der Bahn. „Ich versuche, mich auf mein Spiel zu fokussieren. Ich will immer das große Ganze im Blick halten, aber zunächst einmal kommt es darauf an, dass ich meinen Stiefel herunterspiele“, sagt sie.

Derart in sich selbst zu ruhen, das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man um die Voraussetzungen weiß, unter denen Emily Kerner zur Bundesligaspielerin gereift ist.

Als älteste Tochter der früheren Nationalspielerin Britta Becker (45) und des TV-Moderators Johannes B. Kerner (54) stand die Studentin des Medien- und Kommunikationsmanagements schon in der Jugend unter Beobachtung. „Ich denke schon, dass das manchmal für Druck gesorgt hat. Aber es ist beeindruckend, wie sie damit umgeht“, sagt Alsters Cheftrainer Jens George (49).

Emily Kerner selbst sagt, sie habe die berühmten Eltern nie als Hemmnis wahrgenommen. „Ich bin deshalb weder bevorteilt noch benachteiligt worden. Natürlich gab es mal Sprüche, und ich habe gemerkt, dass das für manche ein Thema war. Aber mich hat das nie belastet“, sagt sie.

Britta Becker, die 1992 Olympiasilber gewann, hat stets darauf geachtet, die Tochter nicht zu Dingen zu drängen, die diese nicht wollte. „Wir haben nie Druck ausgeübt, sondern unseren Kindern völlig freigestellt, welchen Sport sie machen wollen“, sagt sie.

Auch Kerners Geschwister spielen Hockey

Dass heute auch Emilys Geschwister Nik (17), Polly (11) und Jilly (9) Hockey spielen, sei nicht mehr als eine schöne Fügung des Schicksals. Emily bestätigt das: „Ich spiele Hockey, weil es mir Spaß macht, und nicht, weil ich meiner Mutter gefallen will. Sie ist auch nicht meine größte Kritikerin. Sie sagt mir ihre Meinung, wenn ich danach frage, aber ich bin selbstkritisch genug.“

Dabei schien der Weg in die Fußstapfen der Mutter vorgezeichnet, schließlich war Emily als Kleinkind immer dabei, wenn Britta Becker in der Bundesliga oder im Auswahldress auflief. Als Dreijährige begann sie bei Alster mit dem Hockey. „Aber ich habe auch Tennis gespielt, geturnt und Ballett getanzt. Als ich mich für einen Sport entscheiden musste, war mir aber sofort klar, dass Hockey meins ist, denn ich brauche das Gefühl, mit einer Mannschaft gemeinsam Erfolge und Niederlagen zu erleben“, sagt sie.

2018 zog sie sich aus dem Nationalkader zurück

Wie selbstbestimmt die Strafeckenspezialistin, die mit ihrem Freund in Winterhude lebt, ihre Karriere plant, zeigt eine Entscheidung, die ihr Trainer als richtungweisend einordnet. Im vergangenen Jahr zog sie sich aus dem Nationalkader zurück, weil ihr die Leidenschaft fehlte, um den dafür nötigen Aufwand zu betreiben.

„Dadurch, dass sie sich komplett auf den Verein konzentriert, hat sie in den vergangenen Monaten einen riesigen Schritt gemacht und sich im Bundesligakader voll etabliert“, sagt Jens George. Ihre Mutter lobt den Schritt als „sehr mutig und erwachsen. Sie hat für sich eine Konsequenz gezogen und ist dadurch besser geworden. Das ist ihr Weg!“

Tatsächlich, sagt Emily Kerner, habe der Rückschritt neue Kräfte und Motivation freigesetzt, um sich im Verein zu entwickeln. Sie hat hart an ihrer Athletik gearbeitet und mittlerweile sogar Spaß an zusätzlichen Trainingsmaßnahmen, bei denen der Schläger nicht zum Einsatz kommt. „Ich musste den Schalter umlegen, um zu verstehen, dass das dazugehört, wenn man besser werden will. Das ist mir zum Glück ganz gut gelungen“, sagt sie.

Dennoch gebe es viel Verbesserungspotenzial, „ich kann an meiner Schnelligkeit arbeiten, muss noch mehr Vertrauen in mich selbst entwickeln und mich lautstärker und bewusster als Führungsspielerin einbringen“, sagt sie.

„Jetzt ist so viel Talent um mich herum“

Emily Kerner glaubt, dass sie mit dem Gewinn der Feldmeisterschaft im Juni vergangenen Jahres im Damenbereich angekommen ist. Als Doublesiegerin habe man nun einmal mehr Zutrauen in die eigene Stärke. Die Gelassenheit, mit der sie durch die Spiele zu gleiten scheint, habe sie erst in der Bundesliga zulassen können. „In der Jugend war ich immer die Führungsfigur und dachte, ich muss alles machen. Jetzt ist so viel Talent um mich herum, das mir die nötige Ruhe gibt“, sagt sie.

Den als Kind gehegten Traum von einer Olympiateilnahme hat sie noch nicht komplett begraben, die Tür zum Nationalteam nicht endgültig zugeschlagen. Im Moment jedoch zähle nur der Verein – und das Halbfinale an diesem Sonnabend (12 Uhr) gegen den TSV Mannheim. 104 Tore hat Alster in der Hauptrunde geschossen, nur 22 kassiert, war damit bestes Offensiv- und Defensivteam der Nordliga. „Das nutzt aber alles nichts, wenn wir am Wochenende nicht unsere Bestleistung abliefern“, sagt sie.

Ihr Auftreten mag noch manchmal Fragen aufwerfen. Aber Emily Kerner gibt die richtigen Antworten, auf und neben dem Platz.