Indien

Sind die Hockeyherren reif für den WM-Titel?

Deutschlands Topstürmer
Timm Herzbruch
(r.) von Uhlenhorst
Mülheim im
Duell mit Argentiniens
Ignacio Ortiz.
Argentinien zählt als
Olympiasieger ebenso
zum Kreis der
WM-Favoriten wie
die deutsche
Auswahl.

Deutschlands Topstürmer Timm Herzbruch (r.) von Uhlenhorst Mülheim im Duell mit Argentiniens Ignacio Ortiz. Argentinien zählt als Olympiasieger ebenso zum Kreis der WM-Favoriten wie die deutsche Auswahl.

Foto: Imago/Norbert Schmidt

Für das Abendblatt macht UHC-Idol Moritz Fürste vor dem Start der Welttitelkämpfe in Indien den Expertencheck.

Hamburg.  Was die deutschen Hockeyherren bei der Feld-WM erwartet, die an diesem Mittwoch im indischen Bhubaneswar beginnt, weiß niemand besser als Moritz Fürste. Immerhin gewann der im Sommer zurückgetretene, 34 Jahre alte Hamburger Welthockeyspieler von 2012 mit den dort ansässigen Kalinga Lancers im Februar 2017 den nationalen Meistertitel. „Indien ist hockeyverrückt, aber in Bhubaneswar ist die Zentrale. Die Jungs können sich auf eine großartige Stimmung freuen, nicht nur Indiens Spiele werden ausverkauft sein“, sagt Fürste. Er ist für den Streamingdienst DAZN, der alle Spiele live überträgt, als Experte im Dienst und analysiert für das Abendblatt die Titelkandidaten und die Chancen der Deutschen.


Die Mannschaft:
Ich schätze die Schwankungsbreite, in der das Team agieren kann, höher ein als bei früheren deutschen Nationalteams. Auf einer Skala von eins bis zehn waren früher Ausschläge zwischen sechs und neun normal, jetzt halte ich drei bis zehn für realistisch. Das heißt: Wir können gegen jeden gewinnen, aber auch gegen mehr Gegner verlieren als früher. Wir haben in der Breite den besten Sturm der Welt, mit Mülheims Timm Herzbruch und meinem alten UHC-Kollegen Florian Fuchs (aktuell Bloemendaal/Niederlande) in meinen Augen zwei der besten vier Angreifer weltweit, dazu weitere Weltklasseleute wie Kölns Christopher Rühr und Krefelds Niklas Wellen. In Kombination mit Mats Grambusch (Köln), den ich zu den Top-drei-Mittelfeldspielern der Welt zähle, ist das eine ungeheure Offensivpower. Sorgen bereitet mir aber unser Mittelfeld, das bis auf Tobias Hauke (Harvestehuder THC) und Mats Grambusch kaum mit Erfahrung glänzen kann.

Wenn Tobi nach seiner Knieverletzung wieder bei 100 Prozent ist, kann er vieles mit seinem Auge und seiner Spielintelligenz wettmachen, aber auf ihn kommt es ganz besonders an. Gleiches gilt für Innenverteidiger Martin Häner, den Kapitän des Teams vom Berliner HC, der wegen beruflicher Belastungen als Arzt auch in seiner Form schwankt. Wenn Tobi und Martin nicht volle Leistung bringen können, wird es gegen die Topteams sehr schwer.

Menschlich gesehen: Treffsicher

In der Abwehr und im Tor, wo ich Tobias Walter (KHC Dragons/Belgien) als klare Nummer eins vor Kölns Victor Aly sehe, sind wir absolut solide, aber nicht herausragend besetzt. Die defensive Struktur dürfte nicht gefährdet sein, aber inwiefern die Abwehr das Mittelfeld in der Offensivarbeit unterstützen kann, bleibt abzuwarten.


Der Trainer:
Für Stefan Kermas ist es das erste große Weltturnier auf dem Feld. Nach dem vierten Rang bei der EM 2017 und Silber bei der Hallen-Heim-WM in diesem Jahr steht er unter einem gewissen Druck. Letztlich kommt es aber nicht auf die Platzierung an, sondern auf die spielerische Performance. Wenn die stimmt und man im Viertelfinale nach großem Spiel gegen die Niederlande ausscheidet, ist das besser, als wenn wir Gruppenerster werden und dann im Viertelfinale gegen Indien scheitern.


Der Modus:
Erstmals wird in vier Vierergruppen gespielt, aus denen der Letzte ausscheidet und der Erste direkt das Viertelfinale erreicht. Die Zweiten und Dritten bestreiten überkreuz ein Qualifikationsduell. Wenn wir unsere Gruppe nicht gewinnen, droht uns ein Viertelfinale gegen die Niederlande oder Belgien. Gut finde ich, dass durch die zeitliche Entzerrung drei bis vier Tage Pause zwischen den Gruppenspielen liegen. Ein Skandal dagegen ist, dass die K.-o.-Spiele wieder im von Olympischen Spielen oder früheren Weltmeisterschaften gewohnten Zweitagesrhythmus ausgetragen werden. Ausgerechnet dann, wenn die Belastung am höchsten ist, wird der Pausenrhythmus verkürzt. Werden wir nicht Gruppenerster und kommen trotzdem ins Finale, spielen wir zwischen dem 1. und 9. Dezember dreimal und zwischen dem 11. und 16. Dezember viermal. Wer sich das ausgedacht hat, der gehört sofort gefeuert.


Die Vorrundengegner:
Pakistan als Auftaktgegner am 1. Dezember (14.30 Uhr MEZ) ist sehr undankbar. Jeder erwartet einen Sieg, aber die haben eine gute Strafecke, kennen sich mit den klimatischen Bedingungen – schwüle 25 Grad – am besten aus und werden gegen Deutschland alles reinwerfen. Im Normalfall entscheidet dennoch das zweite Gruppenspiel gegen die Niederlande (5. Dezember, 12.30 Uhr) über den direkten Viertelfinaleinzug. Verlieren wir gegen Pakistan und die Niederlande, die in meinen Augen aktuell keine Schwachstelle haben und deshalb mein Topkandidat für den Titel sind, droht gegen Malaysia (9. Dezember, 12.30 Uhr) ein Zitterspiel. Auch die sind sehr gefährlich, ein dynamisches Team, das stark kontert und jeden Gegner vor Probleme stellt, wenn es in Führung geht. Ich halte unsere Gruppe für die schwerste, weil wir keinen Gegner haben, der als Fallobst gewertet werden kann.


Die Titelkandidaten:
Neben den Niederlanden und uns sind das für mich Olympiasieger Argentinien, Titelverteidiger Australien und der Olympiazweite Belgien. Argentinien dürfte sich in Gruppe A gegen Spanien, Neuseeland und Frankreich souverän behaupten. Australien hat in Gruppe B nur England zu fürchten, Irland und China sind nicht stark genug. Gleiches gilt in Gruppe C für Belgien, das mit Indien nur einen echten Gegner hat. Südafrika und Kanada sind Freilose.


Fazit:
Wenn wir die Gruppe gewinnen, dann ist der Titel drin. Wenn nicht, dann wartet ein unglaublich harter Weg. Ich traue den Jungs aber alles zu und drücke von zu Hause aus kräftig die Daumen.

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