Hockey

„Diese Belastung kann man nur wenige Jahre durchhalten“

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Björn Jensen
Alster-Trainer Jens George (l.) und UHC-Chefcoach Claas Henkel auf dem Hockeyplatz am Rothenbaum

Alster-Trainer Jens George (l.) und UHC-Chefcoach Claas Henkel auf dem Hockeyplatz am Rothenbaum

Foto: Michael Rauhe / HA

Die Hockeytrainer Claas Henkel und Jens George sprechen mit dem Abendblatt über Konflikte zwischen Clubs und Verband.

Hamburg. Der Vizemeister empfängt den deutschen Champion – hochklassiger als mit dem Duell zwischen dem Uhlenhorster HC und dem Club an der Alsterkönnte die Saison 2018/19 in der Feldhockey-Bundesliga der Damen nicht beginnen. Vor dem sportlichen Aufeinandertreffen an diesem Sonnabend (13 Uhr, Wesselblek) nahmen sich die Cheftrainer Claas Henkel (39/UHC) und Jens George (49) Zeit für ein Gespräch über die Lage der Liga und die Zukunft ihres Sports.

Hamburger Abendblatt: Herr George, Herr Henkel, das Derby der beiden Topteams der vergangenen Saison zu einem so frühen Zeitpunkt – ist das Fluch oder Segen?

Claas Henkel: Natürlich wäre es schön gewesen, sich für dieses Duell etwas länger einspielen zu können. Andererseits holt man mit so einem Kracher die Fans gut aus der Sommerpause ab. Deshalb bin ich positiv gestimmt.

Nach vielen Jahren der UHC-Dominanz haben Sie mit Alster in der vergangenen Saison das Double aus Halle und Feld geholt, Herr George. Ist das für Ihr Team Ansporn oder Druck?

Jens George: Unser Fokus geht nur nach vorn. Was war, interessiert nicht mehr, denn es hilft uns nicht. Wir wollen nicht die Titel verteidigen, sondern neue gewinnen. Im Moment spüre ich, dass die Mannschaft großes Selbstvertrauen ausstrahlt, was sich in einer sehr guten Vorbereitung widergespiegelt hat. Aber wie es aussieht, wenn es erneut um Titel geht, ob der Druck dann wächst und wie die Mädels damit umgehen, bleibt abzuwarten.

Herr Henkel, jetzt wieder Herausforderer zu sein, weckt das in Ihrem Team neue Motivation?

Henkel: Mein Team braucht keine Motivation von außen, die Mädels sind von sich aus extrem leistungswillig und erfolgshungrig. Außerdem sehe ich es auch nicht so, dass sich die Rangordnung nachhaltig verändert hat. Wir hatten in der vergangenen Saison einen enormen Umbruch und sind deshalb mit der Vizemeisterschaft auf dem Feld absolut zufrieden gewesen. Wir standen zehnmal in Folge im Endspiel, und wir wollen im nächsten Jahr das elfte Finale in Serie spielen.

Dafür wäre ein Derbysieg zum Auftakt ein wichtiges Zeichen. Welchen Stellenwert hat dieses Spiel für Sie?

Henkel: Ich glaube, dass es in dieser Saison nicht mehr so emotional überladen sein wird wie im vergangenen Jahr, als Lisa Altenburg von uns zu Alster gewechselt war und das Ganze doch alle ziemlich beeindruckt hat. Wir freuen uns einfach auf die Partie und wollen es Alster möglichst schwermachen. Fakt ist, dass wir kein Pseudo-Feindbild brauchen und deshalb auch nicht zu viel in dieses Spiel hineininterpretieren.

Sie haben sich punktuell sehr gut verstärkt. Wer sind die Zugänge, die Ihr Team zum Titelkandidaten machen?

Henkel: Mit Amelie Wortmann aus Großflottbek und Teresa Martin Pelegrina aus Düsseldorf haben wir zwei Nationalspielerinnen dazubekommen, dazu mit Nicola Pluta eine U-21-Auswahlspielerin aus Mülheim. Außerdem ist Nationalstürmerin Charlotte Stapenhorst nach einem Jahr in den Niederlanden zurückgekehrt. Wir werden Zeit brauchen, um unser neues Gesicht herauszuarbeiten. Wenn uns das gelingt, werden wir eine gute Rolle spielen können.

George: Mir war zunächst wichtig, dass wir das Meisterteam weitgehend zusammenhalten, denn eine eingespielte Mannschaft ist immer von Vorteil. Die Abgänge im Sturm von Jessica Reimann zum Hamburger Polo Club und Mieketine Heyn zum Berliner HC haben wir durch die Zugänge von Hannah Gablac und der irischen Nationalspielerin Katie Mullen kompensiert. Dazu kommt noch Englands Nationalspielerin Susannah Townsend. Die Schwachpunkte, die wir hatten, konnten wir ausgleichen. Wir haben eine sehr starke erste 16.

Ist Alster der klare Favorit? Und wie sehen Sie insgesamt den Leistungsstand der Bundesliga?

George: Die Top vier, also neben dem UHC und uns noch der Mannheimer HC und der Düsseldorfer HC, haben sich alle gut verstärkt, so dass ich glaube, dass diese vier Teams erneut die Endrundenplätze belegen werden. Im Abstiegskampf sehe ich vor allem TSV Mannheim, den Münchner SC und Aufsteiger Zehlendorfer Wespen. Der zweite Aufsteiger Bremer HC scheint mir stark genug, um drinzubleiben.

Henkel: Sehe ich fast genauso, mit der Einschränkung, dass ich auf den Berliner HC gespannt bin und glaube, dass die um die Endrundenplätze mitspielen könnten.

Über die Qualität der Liga gibt es seit Jahren Diskussionen. Nun hat Bundestrainer Xavier Reckinger diese angefacht, als er nach dem Viertelfinalaus der deutschen Damen bei der WM in London Anfang August sagte, selbst den Nationalspielerinnen fehle es an technischen Fertigkeiten. Wie kommt so etwas bei Ihnen an?

George: Wir saßen vor zwei Wochen mit den Trainern aller Topvereine zusammen, und alle waren nicht gerade begeistert von den Aussagen. Die technische Ausbildung in der Bundesliga ist sehr gut, nicht zuletzt auch, weil wir einen so großen Fokus aufs Hallenhockey legen. Viele Nationen beneiden uns darum. Wir sollten unsere Stärken nicht selber schlechtreden.

Henkel: Es ist der uralte Reflex, die Qualität der Liga zu beklagen, wenn im Nationalteam etwas schief läuft. Das ist verständlich, aber genauso wenig zielführend wie der immer wieder angeführte Vergleich mit dem Ausland. Wir wären alle gut beraten, wenn wir akzeptieren würden, dass Deutschland seinen eigenen Weg des dualen Modells aus Ausbildung und Leistungssport geht. Daraus das Beste zu machen, das ist die Aufgabe aller, die im Hockey tätig sind.

Reckinger sagt, er brauche deutlich mehr Zeit für gemeinsames Training mit den Nationalspielerinnen. Dafür jedoch müsste es, wie in anderen Verbänden, eine Zentralisierung geben, die mit einer Professionalisierung, sprich einer Bezahlung der Spielerinnen, einhergehen müsste. Muss Hockey-Deutschland diesen Weg gehen, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Henkel: Die Frage ist, welches System wir wollen. Die Niederlande sind die große Ausnahme, weil sie als kleines Land die Zentralisierung umsetzen können und dennoch, weil Hockey dort Nationalsport ist und es potente Sponsoren gibt, das Ligasystem stark ist. Deshalb ist Holland auch klar die Nummer eins im Damenhockey. Alle anderen haben kein funktionierendes Vereinswesen, das bei uns aber die Grundlage ist und auch bleiben sollte. Großbritannien beispielsweise hat mit der Fokussierung auf die Nationalteams seine Liga und die Clubs zerlegt. Wir sollten bei unserem Weg bleiben.

Die Führung des Deutschen Hockey-Bundes scheint das nicht so zu sehen. Für die vom Weltverband ab Januar 2019 eingeführte Hockey Pro League (HPL) sollen möglicherweise die Ligen verkleinert oder den Auswahlspielern die Teilnahme an der Hallen-Bundesliga verwehrt werden. Ziehen im Hockey wirklich alle an einem Strang?

Henkel: Nein, und das ist das große Problem. Die Kommunikation mit dem Bundestrainer ist offen und gut, aber überlagert vom Verhältnis zwischen dem Verband und den Vereinen. Reckinger weiß, dass die Abstellung aller Nationalspielerinnen für jedes HPL-Spiel weder notwendig noch praktikabel ist. Ein Beispiel: Alster und wir spielen über Ostern im Feld-Europacup, das ist für alle das absolute Highlight. Nach Ostern sind aber vier HPL-Spiele angesetzt. Keine Nationalspielerin wird dieses Programm durchziehen, und der Bundestrainer weiß das. Aber er darf es nicht offen sagen, weil der DHB die HPL als absolutes Highlight deklariert.

Das muss er aber doch, schließlich fordert der Weltverband für seine neue Serie eine dauerhafte TV-Präsenz, Austragungsorte mit mindestens 5000 Zuschauern und zwei Drittel überdachten Sitzplätzen. Dafür muss man Sponsoren finden, und die wollen ein Spitzenprodukt.

Henkel: Genau das ist der Geburtsfehler. Geplant war eine Profiliga, für die aber leider kein Geld da ist. Was bleibt, ist Überforderung an allen Enden. Ich werfe das niemandem vor, aber gerade dann wäre es wichtig, dass alle zusammen versuchen, Kompromisse zu finden, anstatt immer neue Grabenkämpfe auszufechten. Es wird nicht die Superlösung geben, aber alles auf die HPL auszurichten, kann nicht der richtige Weg sein. Wir brauchen mehr Ehrlichkeit in dieser Diskussion.

Was genau fehlt Ihnen denn?

George: Ein Beispiel aus unserer Praxis: Wir richten im Februar den Hallen-Europapokal aus. Natürlich ist es für unseren Verein sehr wichtig, dass wir dann unsere besten Spielerinnen aufbieten. Zu der Zeit allerdings ist die Nationalmannschaft in der HPL in Neuseeland, Australien und Argentinien unterwegs. Wenn ich dafür alle meine Auswahlspielerinnen abstellen muss, geht das voll zu Lasten des Vereins. Das kann es nicht sein. Der Bundestrainer kommt am Wochenende nach Hamburg, dann werden wir das besprechen. Aber ich fürchte, es wird schwierig, eine Einigung zu finden.

Henkel: Vor allem stört mich, dass nicht ehrlich kommunziert wird, dass die HPL, bei der es außer Punkten für die Weltrangliste nichts zu gewinnen gibt, in Wahrheit nur eine großartige Vorbereitung auf die beiden wirklich wichtigen Termine für die Nationalmannschaft ist. Das sind die EM im August und die Olympiaqualifikation Anfang November, die man sich sogar spart, wenn man Europameister wird. Die Regelung ist so, dass zur Olympiaqualifikation die besten zwölf Teams der Weltrangliste antreten, die nicht Kontinentalmeister sind, und in sechs Duellen die sechs noch freien Plätze für Tokio 2020 ausspielen. Die besten sechs haben sogar zweimal Heimrecht. Das heißt, dass sich Deutschland in zwei Heimspielen gegen einen Gegner aus der Kategorie Italien behaupten müsste. Bei allem Respekt: Das sollte machbar sein. Und dafür soll ein funktionierendes System über den Haufen geworfen werden?

Warum nimmt Deutschland dann überhaupt an der HPL teil?

Henkel: Weil die Olympiaqualifikation sonst etwas komplizierter werden würde, da dann drohen könnte, in der Weltrangliste so zurückzufallen, dass man in den Qualifikationsspielen zweimal auswärts gegen einen stärkeren Gegner spielen müsste. Und weil es ums Prestige geht. Ich kann das verstehen und stehe auch grundsätzlich hinter der Teilnahme. Aber man soll ehrlich sein und sagen, dass es nicht so wichtig ist, dass man in jedem Spiel die Topspielerinnen braucht. Am Ende droht sonst das, was eigentlich alle verhindern wollen: Dass die Spielerinnen zerrissen werden zwischen dem Pflichtgefühl ihren Vereinen gegenüber und der Pflicht, die ihnen der Verband auferlegt.

George: Dieses Programm voll durchzuziehen, das ginge nur, wenn man Profi ist und auch entsprechend bezahlt wird. Diese Voraussetzungen haben wir nicht, auch weil sich die Regierung seit Monaten nicht zu der in der Leistungssportreform ermittelten Fördermittelerhöhung durchringt. Was mich ärgert: Man hätte das Thema HPL längst klären können. Aber erst jetzt, da es in wenigen Monaten losgeht, wird alles übers Knie gebrochen.

Henkel: Die Liga muss über Konsequenzen nachdenken, im Verband aber gibt es noch keine Planung darüber, wie das Team für die HPL aussehen soll, wer das Funktionsteam bildet, es stehen weder Ausrichter noch Sponsoren fest. Das ist unprofessionell und ein Zeichen für die Überforderung. Diese Einsicht fehlt mir allerdings im Verband. Wir brauchen endlich Faktenklarheit.

Wenn der Verband seine Pläne so durchzieht wie angekündigt: Welche Konsequenzen fürchten Sie dann?

George: Ich fürchte, dass die Spielerinnen dann noch früher ihre Karrieren beenden, als es jetzt schon der Fall ist. Diese Belastung kann man nur wenige Jahre durchhalten.

Henkel: Ohne die Überlastung der Auswahlspielerinnen kleinzureden, wird mir zu wenig über das Problem gesprochen, dass die meisten Vereine, die gar keine Nationalspielerinnen stellen, schon jetzt nur über wenige Monate im Jahr Bundesligahockey anbieten können. Verkleinerte man die Liga, würde es perspektivisch noch mehr weiße Flecken in Deutschland geben, und das können wir uns einfach nicht erlauben, weil wir mehr Talente brauchen, um unseren Platz in der Weltspitze zu behaupten.

Ist dieser Platz wirklich gefährdet, oder wird aus dem Versagen im WM-Viertelfinale beim 0:1 gegen Spanien zu viel Negatives abgeleitet?

Henkel: Die WM war mitnichten eine Vollkatastrophe, die drei Siege in der Vorrunde haben gezeigt, welches Potenzial das Team hat. Und das Viertelfinale gegen Spanien gewinnen wir bei neun von zehn Versuchen auch. Dass es 0:1 verloren ging, obwohl wir es 4:1 gewinnen müssen, zeigt, woran zu arbeiten ist. Natürlich ist die Spitze im Welthockey breiter geworden, aber wir gehören weiter dazu.

George: Mich hat bei der WM nichts überrascht, weil das Team stark ist und große Qualitäten hat, zu denen aber nicht zählt, als Favorit ein Spiel machen zu müssen. Gewundert hat mich nur, dass das einige überrascht hat, obwohl es uns bei der EM 2017 im Halbfinale gegen Belgien schon einmal passiert war. Das hat aber nichts mit der Ausbildung zu tun, sondern mit der mentalen Stärke, und daran kann man arbeiten. Deshalb bleibe ich dabei: Wir sollten unseren Weg gemeinsam weitergehen und aufhören, uns ständig nach anderen zu richten.

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