Blamage gegen Österreich

Löw spricht nach Pleite Klartext: "Vieles war schlecht"

Torhüter Neuer hinterlässt einen guten Eindruck. Gewitter und Starkregen sorgen für veritable Verzögerung.

Klagenfurt.  Wer so lang gewartet hat, für den kommt es auf das bisschen dann auch nicht mehr an. Trotzdem waren bei Manuel Neuer Anzeichen von Ungeduld zu erkennen, als der Anstoß des Testspiels zwischen Österreich und Deutschland nach hinten verschoben werden musste. Wieder. Und wieder. Es begann mit beträchtlichem Hagel, es folgten Wind und Regen. Blitze zuckten über den grauen Himmel. 18 Uhr? Nein. 18.35 Uhr? Mitnichten. 19.15 Uhr? Auch nicht. Erst um 19.40 Uhr, also mit 100-minütiger Verspätung, konnte die Partie, die knapp vor einer Absage stand, angepfiffen werden.

Neuer kehrte 599 Tage nach seinem letzten Länderspiel ins deutsche Trikot zurück. Das 1:2 (1:0), die erste Niederlage Deutschlands gegen Österreich nach 32 Jahren, konnte aber auch er nicht verhindern. Ein Ergebnis, das den deutschen Optimismus vor der WM eintrüben dürfte.

"Wir haben die Dinge nicht so umgesetzt, wie wir uns das vorgenommen hatten. Nach der Pause sind wir in ein Fahrwasser geraten, das mir gar nicht gefallen hat. Wir waren viel zu schlampig im Spiel nach vorne", schimpfte Bundestrainer Joachim Löw im ZDF. "Wenn wir so spielen, haben wir in Russland keine Chance. Vieles war heute schlecht. Da gibt es eine Menge aufzuarbeiten. Wir lassen uns aber nicht verrückt machen und bleiben ruhig."

Einzig positiv bewertete Löw den Auftritt von Neuer: "Das war ein gutes Comeback von Manu nach so langer Zeit. Er hat ein, zwei Bälle prima pariert. Die Niederlage ärgert mich aber."

Neuer musste um Comeback zittern

Des Torwarts Anspannung vor dem Spiel war durchaus erklärlich. Für den Mannschaftskapitän war diese Partie schon vor Wochen als entscheidender Gradmesser ausgerufen worden. Und zwar von Bundestrainer Joachim Löw persönlich. Kann Neuer spielen und fühlt sich gut dabei, fährt er als Nummer 1 mit nach Russland zur WM (14. Juni bis 15. Juli).

Der Münchner konnte und wollte – aber der Regen verzögerte sein Comeback. Dreimal kamen Neuer und die Mannschaftskollegen zum Aufwärmen hinaus auf den Rasen, ehe es den nächsten Guss am Wörthersee gab und der Anpfiff wieder nach hinten verlegt werden musste. Pfützen auf dem Platz, Gefahr für die Spieler.

Offenbar wird das zu einer Art ungewollter Vorbereitungstradition: Beim ebenfalls vorletzten Test vor der EM 2016 gegen die Slowakei (1:3) regnete es in Augsburg derartig, dass bei der Schuhwahl Flossen angebracht gewesen waren.

Özil und Gündogan wurden ausgepfiffen

Als die Partie dann endlich begonnen hatte, hielt sie eine Besonderheit parat. Pfiffe aus dem deutschen Fan-Block gegen zwei deutsche Spieler: Mesut Özil und Ilkay Gündogan wurden in den Anfangsminuten bei jedem Ballbesitz abgestraft, offensichtlich für ihr Treffen mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor einigen Wochen.

Özil beeinträchtigte diese aber offenbar keineswegs. Er traf nach elf Minuten mit einem Schlenzer an den Innenpfosten zur Führung. Österreichs Torwart Jörg Siebenhandl hatte den Treffer mit einem Fehlpass auf den Torschützen möglich gemacht.

Neuer kann sich mehrfach auszeichnen

Im Rest der ersten Halbzeit war es eher Manuel Neuer, der die Blicke auf sich zog. Und es lassen sich aus dieser Zeit viele erfreuliche Feststellungen machen, die darauf hindeuten, dass der 32-Jährige in den acht Monaten seiner verletzungsbedingten Absenz (Mittelfußbruch) wenig vom Manuel-Neuer-Sein eingebüßt haben könnte. Die Kapitänsbinde passte weiterhin akkurat an seinen linken Arm, der rechte Reklamierarm reklamierte noch immer zügig und zuverlässig.

Vor allem aber – daran zweifelte allerdings niemand ernstlich – bot Neuer ein bisschen was aus dem sportlichen Repertoire, für das man ihn im weltweiten Torhüter-Business so schätzt. Die Schüsschen des Schalkers Alessandtro Schöpf (14. und 16. Minute) packte er sich konzentriert, schon beachtlicher geriet Neuers höchst gewagtes, aber gelungenes Zusammenspiel mit Niklas Süle (17.). Vollends zufrieden dürfte Löw aber gewesen sein, als Neuer den Schuss des frei vor ihm auftauchenden Florian Grillitsch mit einem prächtigen Reflex noch parierte (32.).

Der Zufriedenheitsfaktor des Bundestrainers mit allen anderen Mitarbeitern bewegte sich ansonsten eher so im mittleren Bereich. Die deutsche Mannschaft vermochte den Ballbesitz nicht in Torchancen zu verwandeln. Joshua Kimmich und der debütierend Nils Petersen bereiteten eine Gelegenheit von Julian Brandt vor, doch der Leverkusener scheiterte an Siebenhandl (20.).

Österreich dreht das Spiel

An dieser Rollenverteilung änderte sich zu Beginn der zweiten Halbzeit erst einmal – nichts. So witterten die Österreicher eine Chance. Der Münchner David Alaba schoss wuchtig, aber noch etwas zu hoch (51.). Zwei Minuten machte es der Augsburger Martin Hinteregger das entscheidende bisschen besser. Einen Eckstoß nahm er aus spitzem Winkel volley und drosch ihn an Neuers Händen vorbei - welch Frevel – ins Tor.

Der frühere Bremer Marko Arnautovic scheiterte kurz danach am starken Neuer (54.), Peter Zulj schoss daneben (66.). Die deutsche Defensive wackelte – und Alessandro Schöpf nutzte das zu einem hübsch herauskombinierten 2:1 (69.). Neuer? Machtlos.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Löw bereits Timo Werner und Marco Reus eingewechselt. Für letzteren war es die Rückkehr in die Nationalmannschaft nach 759 Tagen.

Die Statistik

Österreich: Siebenhandl/Sturm Graz (28 Jahre/2 Länderspiele) - Dragovic/Leicester City (27/63), Prödl/FC Watford (30/67), Hinteregger/FC Augsburg (25/29) - Lainer/RB Salzburg (25/5), Grillitsch/1899 Hoffenheim (22/9) ab 79. Ilsanker/RB Leipzig (29/28), Baumgartlinger/Bayer Leverkusen (30/62), Alaba/Bayern München (25/61) - Schöpf/Schalke 04 (24/16) ab 76. Bauer/Stoke City (26/6), Zulj/Sturm Graz (24/2) ab 88. Kainz/Werder Bremen (25/9) - Arnautovic/West Ham United (29/70) ab 84. Burgstaller/Schalke 04 (29/17). - Trainer: Foda

Deutschland: Neuer/Bayern München (32 Jahre/75 Länderspiele) - Kimmich/Bayern München (23/28), Süle/Bayern München (22/10), Rüdiger/FC Chelsea (25/24), Hector/1. FC Köln (28/37) - Khedira/Juventus Turin (31/74) ab 46. Rudy/Bayern München (28/25), Gündogan/Manchester City (27/25) ab 56. Goretzka/Schalke 04 (23/15) - Brandt/Bayer Leverkusen (22/15) ab 67. Werner/RB Leipzig (22/13), Özil/FC Arsenal (29/90) ab 76. Draxler/Paris St. Germain (24/43), Sane/Manchester City (22/12) ab 67. Reus/Borussia Dortmund (29/30)- Petersen/SC Freiburg (29/1) ab 76. Gomez/VfB Stuttgart (32/74). - Trainer: Löw

Schiedsrichter: Pavel Kralovec (Tschechien)

Tore: 0:1 Özil (11.), 1:1 Hinteregger (53.), 2:1 Schöpf (69.)

Deutsches WM-Trainingslager in Südtirol