Judo

Alexander Wieczerzak: Weltmeister trotz Krankheit

Tränen der Erleichterung: Bei der Siegerehrung im ungarischen Budapest
weinte der frisch gekürte Judo-Weltmeister
Alexander Wieczerzak

Tränen der Erleichterung: Bei der Siegerehrung im ungarischen Budapest weinte der frisch gekürte Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak

Foto: dpa

Nun will Judoka Alexander Wieczerzak mit der Hamburger Mannschaft auch noch Deutscher Meister werden.

Hamburg.  Sollte er gelingen, der große Wurf zur Titelverteidigung, dann wird Alexander Wieczerzak in der Stunde des Triumphs sicherlich noch einmal daran denken, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. Er wird dankbar sein, dass das Leben ihm diese zweite Chance gegeben hat. Nutzen musste er sie selbst, das ist klar. Aber wer die Leidensgeschichte des 26-Jährigen kennt, der kann ermessen, warum der erneute Gewinn des deutschen Mannschaftsmeistertitels mit dem Hamburger Judo-Team (HJT) für Wieczerzak „das i-Tüpfelchen auf ein unglaubliches Jahr“ wäre. An diesem Sonnabend (17 Uhr, Sporthalle Wandsbek) soll im Viertelfinalrückkampf gegen JC Ettlingen der Grundstein gelegt werde.

Ausrufezeichen gesetzt

Im Frühjahr 2016 hatte der Sohn polnischer Eltern mit einem fünften Platz beim Grand Prix in Kubas Hauptstadt Havanna in der Klasse bis 81 Kilogramm wichtige Punkte für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gesammelt und im teaminternen Duell mit seinem Dauerrivalen Sven Maresch ein Ausrufezeichen gesetzt. Nach der Rückkehr aus der Karibik fühlte er sich ungewöhnlich schlapp, trainierte aber trotzdem weiter – bis ihn seine Freundin aufgrund seines elenden Zustands ins Krankenhaus zwang. Dort wurde die Tropenkrankheit Denguefieber diagnostiziert, die lebensbedrohlichen Blutwerte machten eine einwöchige stationäre Behandlung notwendig. „Ich hätte niemals weitertrainieren dürfen, aber ich wollte es einfach nicht einsehen und auch nicht meinen Olympiastart riskieren“, sagt er.

Heilungsprozess brauchte Zeit

Der war, weil der Heilungsprozess Zeit brauchte und die Qualifikationsturniere in Düsseldorf und Paris kostete, fast schon passé, als die Europameisterschaft anstand. In der Vorbereitung darauf brach sich Wieczerzak im Trainingslager in Kienbaum eine Rippe und musste endgültig auf die Rio-Reise verzichten. Und weil an Kämpfen nicht mehr zu denken war, ließ er sich am chronisch belasteten Ellenbogen operieren. „2016 war ein richtiges Seuchenjahr für mich.“

Athleten in der Nische, in der auch die Judoka um Aufmerksamkeit kämpfen, können angesichts solcher Rückschläge die Motivation verlieren. Olympia ist das wichtigste Schaufenster, und die Zeit, sich dort zu präsentieren, ist begrenzt. Wenn vier Jahre harte Vorbereitungsarbeit vom maladen Körper aufgezehrt werden, kann das Karrieren beenden. Wieczerzak jedoch spürte, dass noch Großes in ihm steckte. Er war 2010 in Marokko Juniorenweltmeister in der Klasse bis 73 Kilogramm geworden, „und mein Ziel war immer, das auch bei den Männern zu schaffen“, sagt er.

Inzwischen ein Vorbild

Zur WM 2017 Ende August in Budapest reiste er deshalb mit dem festen Vorsatz, nicht ohne die Goldmedaille im Gepäck nach Köln, wo er lebt und am dortigen Stützpunkt trainiert, zurückzukehren. Eine Sensation war es dennoch, dass der BWL-Student dieses Ziel tatsächlich erreichte und als erster Deutscher seit Florian Wanner (2003 in derselben Gewichtsklasse) den WM-Titel holte. Nach Siegen über den WM-Dritten von 2015, den Olympiasieger von 2016, den Europameister von 2017 und den aktuellen Weltranglistenersten kämpfte er im Finale den Italiener Matteo Marconcini per Ippon vorzeitig nieder. „Plötzlich war ich der Beste der Welt. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich“, sagt er.

Es begleitet ihn seitdem, und all die Schmerzen, die Entbehrungen und die Bereitschaft, dem Sport, den er seit seinem sechsten Lebensjahr betreibt, alles andere unterzuordnen, ergaben auf einmal Sinn. Wieczerzak, der in Frankfurt am Main aufwuchs und im JC Wiesbaden seinen Stammverein hat, ist inzwischen ein Vorbild für viele Jugendliche.

Souverän das Viertelfinale erreicht

Zur Saison 2016 war er vom TSV München Großhadern nach Hamburg gewechselt, weil er sich nicht ausreichend wertgeschätzt fühlte. Bundesligakämpfe zu bestreiten bedeutet dass man in der Stadt lebt, für die man antritt. Die Athleten reisen für die Kampftage, die 14 Kämpfe in sieben Gewichtsklassen umfassen, aus aller Welt an. Dennoch, sagt Wieczerzak, habe sich beim HJT schnell ein Zusammengehörigkeitsgefühl eingestellt. „Das liegt zum einen daran, dass viele Nationalmannschaftskämpfer für Hamburg kämpfen und wir uns untereinander sehr gut kennen. Zum anderen fühlt man sich einem Team verpflichtet und fiebert mit den anderen mit. Das verbindet“, sagt er.

Während der Hauptrunde, die das HJT als Zweiter der Nordgruppe abschloss, standen die Auswahlathleten wegen diverser WM-Vorbereitungslehrgänge kaum zur Verfügung. Dass die Mannschaft dennoch souverän das Viertelfinale erreichte, „zeigt, was für ein Potenzial wir haben. Allen, die daran mitgewirkt haben, gebührt ein Riesenlob.

Auch dafür, dass sie nun akzeptieren, wenn ihnen Nationalmannschaftskämpfer vorgezogen werden“, sagt Wieczerzak, der indes auch als Weltmeister für Sonnabend keine Einsatzgarantie erhalten hat. Trainer Slavko Tekic entscheidet kurzfristig, wen er auf die Matte schickt, um den 9:5-Vorsprung aus dem Hinkampf zu verteidigen und die Qualifikation für die Final-Four-Endrunde zu schaffen.

Diese wird am 4. November ausgetragen, und Alexander Wieczerzak will alles für die erfolgreiche Titelverteidigung geben. „Diese Medaille will ich nicht missen“, sagt er. Nach dem Seuchenjahr 2016 wäre sie der perfekte Abschluss des Sensationsjahrs 2017.