„Störche“

Holstein Kiel: Dieser Aufstieg hat System

Einen großen Schluck auf den Aufstieg

Einen großen Schluck auf den Aufstieg

Foto: Simon Hofmann / Bongarts/Getty Images

Zwei Großsponsoren, die sich aus sportlichen Belangen raushalten. Ein Geschäftsführer mit Weitblick. Das steckt hinter Kiels Erfolg.

Kiel.  Vor Kurzem hat Gerhard Lütje eine Entscheidung getroffen, die ihm lange auf dem Herzen lag. Die Büsche auf dem Parkplatz vor dem Leistungssportzenrum des Kieler Sportvereins Holstein mussten weg. Unansehnlich fand der stellvertretende Aufsichts­rats­chef und Hauptsponsor des Clubs „dieses Gestrüpp“. Die Beete sind jetzt neu angelegt, frisch geharkt, die ersten grünen Knospen sprießen aus dem Boden.

Dass bei Holstein Kiel etwas heranwächst, überrascht niemanden, der die Entwicklung des Vereins in den vergangenen acht Jahren verfolgt hat. Mit dem Aufstieg in die Zweite Fußball-Bundes­liga ist der „schlafende Riese“, wie ihn Geschäftsführer Wolfgang Schwenke nennt, „endlich erwacht“. 36 Jahre lang haben die Kieler auf diesen Erfolg gewartet. In diesen Tagen wird er erst einmal ausgiebig gefeiert, von den Fans, der Stadt, vom Verein. Kiel hat Blau-Weiß-Rot geflaggt, die Farbe der Störche.

Lütje ist einer der reichsten Deutschen

Mannschaft und Trainer Markus Anfang sind am Sonntag, am Tag nach dem entscheidenden 1:0-Sieg in Großaspach, spontan für drei Tage nach Mallorca geflogen. „Die Stimmung ist dort offenbar bestens“, ahnt Pressechef Wolf Paarmann (50), der vom Team mit Bildern, Videos und Gesängen auf allen sozialen Kanälen überflutet wird. Der nächste Pflichttermin steht heute Nachmittag an. Autogrammstunde im Einkaufszentrum Citti-Park. Wegen des erwarteten Andrangs sind dafür gleich drei Stunden eingeplant. Geschäftsführender Gesellschafter des gastgebenden Unternehmens ist Lütje (74), einer der reichsten Männer Deutschlands.

Auch der zweite Hauptsponsor, Dr. Hermann Langness (61), Geschäftsführer der Bar­tels-Langness-Gruppe, die unter anderem die Supermarktkette Famila betreibt, zählt zu dieser Kategorie. Lütje und Langness un­terstützen Holstein seit Jahren, halten sich jedoch aus dem operativen Bereich heraus. Schwenke: „Sie wollen informiert werden, nehmen aber keinen Einfluss aufs Tagesgeschäft.“

Auch Schwenke ist ein Vater des Erfolgs

Wer die Auferstehung des Traditionsvereins erklären will, kommt an dessen Geschäftsführer nicht vorbei. Der Diplom-Betriebswirt, zudem ausgebildeter Physiotherapeut, leitet seit September 2009 die Geschicke des KSV Holstein, der seinen gemeinnützigen Sportbetrieb mit 1540 Mitgliedern und die wirtschaftlichen Aktivitäten um die bisherige Drittligamannschaft weiter unter einem Dach vereint. Schwenke (49) hatte weit davor in Kiel Karriere gemacht. Der Handball-Nationalspieler, Olympiateilnehmer 1992, wurde mit dem THW fünfmal deutscher Meister. 2008/09 trainierte er die Rhein-Neckar Lö­wen, führte das Team in die Champions League. Lütje, auch Hauptsponsor des THW, kennt ihn aus dieser Zeit.

Der Unternehmer hatte zuvor zahlreiche untaugliche Versuche gestartet, Kiel auf die Landkarte des Spitzenfußballs zurückzubringen. Mit Falko Götz und Andreas Thom hatte er 2008 ein prominentes wie teures Trainergespann verpflichtet, das den Verein aus der Vierten in die Zweite Liga führen sollte; und das möglichst bis 2012 – 100 Jahre nach dem Gewinn der einzigen deutschen Meisterschaft. Vom „Hoffenheim an der Förde“ war plötzlich die Rede. Nach neun Monaten war Götz entlassen, später auch Thom. Götz soll einen Spieler geschlagen haben, vor dem Arbeitsgericht einigten sich beide Parteien auf eine Abfindung von 750.000 Euro. Die Summe erschreckte damals viele in Kiel.

Anfang kam von Leverkusens Nachwuchs

Steine statt Beine hieß nun die Devise. Erst mal professionelle Strukturen schaffen lautete die Anforderung an Schwenke, den genau dies reizte. Die ihm gesetzten Ziele: Errichtung eines Nachwuchsleistungszentrums, Aufstieg in die Zweite Liga, Bau eines neuen Stadions. Zeitliche Vorgaben erhielt er nicht. „Im Fußball kann man Erfolg nicht termingenau planen, nur die Chancen, dass er irgendwann eintritt, mit strategischen Maßnahmen erhöhen“, sagt Schwenke. 2015 verpasste Holstein Kiel den Zweitliga-Aufstieg in letzter Minute. Nach dem 0:0 im Relegationshinspiel verloren die Störche in der Nachspielzeit beim TSV 1860 München 1:2.

Der Umstieg vom Hand- zum Fußball fiel Schwenke leicht. „Beides ist Leistungssport, Leidenschaft, viele Abläufe sind ähnlich. Und fürs Fachliche haben wir ja Trainer und einen Sportchef.“ Vier hat Schwenke in seiner Amtszeit bisher erlebt. Seit einem Jahr arbeitet Ralf Becker (46) an der Kaderplanung. Er entließ vergangenen August nach holprigem Saisonstart Trainer Karsten Neitzel (49), auch weil er sich ein moderneres Spielsystem wünschte, holte den ehemaligen Bundesligaprofi Markus Anfang (42) aus der U17 von Bayer Leverkusen und lag in der Winterpause mit seinen Transfers zum größten Teil richtig. Unter anderem lieh er St.-Pauli-Stürmer Marvin Ducksch (23) aus. Der traf bisher fünfmal, zuletzt zum 1:0 in Großaspach. Dass Becker womöglich im Sommer neuer Sportchef beim künftigen Klassenkonkurrenten St. Pauli wird, will Schwenke nicht kommentieren.

Nachwuchsleistungszentrum ist ein Schmuckkästchen

Lieber möchte er über den Bau des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) im Kieler Vorort Projensdorf reden. Auf 4,5 Hektar Fläche entstand für rund 7,5 Millionen Euro ein Schmuckkästchen mit sechs Rasen-, zwei Kunstrasenplätzen, einem Kraftraum, Cafeteria, Seminarräumen und der zweigeschossigen Geschäftsstelle für derzeit 20 Mitarbeiter. Der deutsche Junioren-Nationalspieler Noah Awuku (17) wurde hier ausgebildet, „ein weiteres Eigengewächs, das es in den Profibereich schaffen kann“ (Schwenke). Der Verein hat das Toptalent gerade bis 2021 an sich gebunden.

Mit dem NLZ, das bereits ein Stern der Deutschen Fußball Liga (DFL) auszeichnet, hat Holstein Kiel eine Baustelle weniger, um die strengen DFL-Auflagen für Liga zwei zu erfüllen. Ein Politikum bleibt der Um- und Ausbau des städtischen Holstein-Stadions, vor allem das Problem, wer die Kosten übernimmt. Stadt Kiel und Land Schleswig-Holstein haben Unterstützung angekündigt, auf Beschlüsse wartet der Verein. Kommen diese, würde Sponsor Lütje finanziell in Vorlage treten. Bis zum Saisonstart am 28. Juli müssen Umkleideräume und Pressebereich vergrößert, die Leistung der Fluchtlichtanlage von 800 auf 1200 Lux erhöht werden. Ansonsten droht ein Umzug ans Millerntor.

Stadionbau nach Vorbild St. Pauli

Eine Rasenheizung wurde 2013 verlegt, nach dem bislang letzten Aufstieg in Liga drei. Im Zuge des geplanten Stadionumbaus mit einer Kapazitätserweiterung von 10.200 auf zwischenzeitlich 15.000 bis in der Endstufe 25.000 Plätze könnte noch in diesem Sommer eine erste neue Tribüne entstehen. Der aktuelle Zuschauerschnitt liegt bei 6000 Besuchern, 2000 Dauerkarten wurden verkauft. Kosten des ersten Bauabschnitts: zehn Millionen Euro, in der Gesamtsumme dürfte am Ende das Fünffache anfallen. Die Kieler wollen ihr Stadion wie einst der FC St. Pauli über mehrere Jahre umrüsten – Tribüne für Tribüne.

Die Aufstockung der TV-Gelder um 5,3 Millionen Euro – von 850.000 (3. Liga) auf 6,15 Millionen (2. Liga) – schafft zusätzliche Spielräume, die Aufstiegsmannschaft zu verstärken. Der Spieleretat von zuletzt 4,4 Millionen Euro soll maßvoll angehoben werden. Trainer Anfang setzt weiter auf den Zusammenhalt des Teams, „den Grundstein unseres Aufstiegs“. Vier neue Profis sollen geholt werden. „Das Wichtigste ist“, sagt Lütje, „dass wir in der Zweiten Liga bleiben. Sonst war alles umsonst.“ Schwenke wirkt da gelassener: „Wir haben ein solides Fundament, großartige, kreative Mitarbeiter, tolle Fans. Wir werden uns in der Zweiten Liga etablieren!“

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.