Rio de Janeiro

Was vier Hamburgern von Olympia bleibt

Eric Johannesen,
Lisa Altenburg,
Laura Ludwig und
Artem Harutyunyan (v. l.)
präsentieren vor
dem Hamburger Rathaus
ihre Rio-Medaillen

Foto: Roland Magunia / HA

Eric Johannesen, Lisa Altenburg, Laura Ludwig und Artem Harutyunyan (v. l.) präsentieren vor dem Hamburger Rathaus ihre Rio-Medaillen

Sechs Monate nach den Spielen erzählen Athleten, wie es für sie nach Rio weiterging – und welche neuen Ziele sie haben.

Hamburg. Das ist wirklich schon ein halbes Jahr her?“, fragt Laura Ludwig ungläubig in die Runde, und tatsächlich: Die Bilder aus Rio de Janeiro, die einem durch die tristen Hamburger Wintertage helfen können, sind so lebendig in diesem Moment, dass schwer vorstellbar scheint, dass die Olympischen Sommerspiele in Brasilien tatsächlich schon sechs Monate zurückliegen. Auf ihrem Weg nach Rio hatte das Abendblatt Beachvolleyballerin Laura Ludwig vom Hamburger SV, die Hockeyspielerin Lisa Altenburg vom Uhlenhorster HC, den Ruderer Eric Johannesen vom RC Bergedorf und den Boxer Artem Harutyunyan vom TH Eilbeck begleitet.

Gut sechs Monate vor bis gut sechs Monate nach den Spielen, das war die Zeitschiene. Zum Abschluss der Serie soll es nun also darum gehen, was geblieben ist von den Spielen außer den Medaillen, die alle vier gewinnen konnten. Wie hat sich ihr Leben verändert, wie haben die Erfolge sich auf die Motivation ausgewirkt? Zum Gespräch im Restaurant Parlament unterm Rathaus kamen vier bestens gelaunte Athleten mit ganz unterschiedlichen Sichtweisen.

Laura Ludwig

Keine Frage: Der Star des Quartetts ist die Strand-Queen, die mit ihrer Partnerin Kira Walkenhorst an der Copacabana Gold erbaggerte und anschließend von Ehrung zu Party weitergereicht wurde. Sportlerin des Jahres in Hamburg und in Deutschland, dazu ein Kinofilm und eine ARD-Dokumentation über ihren Triumph – mehr geht nicht. „Natürlich werde ich jetzt häufiger erkannt, sogar im Urlaub in Sri Lanka. Es sind auch viele Firmen auf mich aufmerksam geworden, die ihre Produkte mit mir ­bewerben wollen. Es ist schon eine krasse Präsenz, die man als Olympiasiegerin bekommt“, sagt die gebürtige Berlinerin, die sich beim Reden manchmal selbst überholt.

Ihre Wäsche mache sie aber immer noch selbst, und einen Chauffeur habe sie auch noch nicht eingestellt, sagt sie. Sähe auch komisch aus, sich im Smart von einem Fahrer durch die Republik kutschieren zu lassen. Laura Ludwig, das spürt man schnell, hat sich ihre sympathische, offene Art bewahrt. Sie hat gelernt auszuwählen, „weil sonst der Fokus auf den Sport leidet“. Aber sie ist eine Athletin zum Anfassen geblieben, die ihre Goldmedaille bereitwillig vorzeigt. Einen Platz für das gute Stück, das in seinem Holzkästchen schon zerkratzt wurde, hat sie noch nicht gefunden. „Sie liegt immer griffbereit auf meinem Wohnzimmerschrank“, sagt sie.

Sich zum Weitermachen aufzuraffen sei nur für eine kurze Phase hart gewesen, sagt die 31-Jährige. „Nach Rio mussten wir noch zwei Turniere spielen. Danach war ich mental und körperlich komplett leer. Die elf Wochen Urlaub danach, in denen ich keinen Ball angerührt habe, habe ich dringend gebraucht.“ Aber schon im September hatte das Funktionsteam beschlossen, für einen weiteren Olympiazyklus bis zu den Sommerspielen in Tokio 2020 zusammenzubleiben. „Wir haben uns gesagt, dass wir Rio abhaken müssen. Jetzt greifen wir in diesem Jahr WM-Gold an“, sagt sie. Die Titelkämpfe finden vom 28. Juli bis 6. August in Wien statt.

Aktuell hat Laura Ludwig allerdings einen ganz anderen Kampf zu bestehen; den mit dem eigenen Körper. Nach einer Schulteroperation, die nötig war, „weil ich schon das ganze Jahr mit Schmerzen gespielt hatte“, steckt sie mitten in der Rehabilitation. Ihre Goldpartnerin musste das erste Majorturnier Anfang Februar in Florida mit Julia Großner spielen. „Aber mich motiviert es zu wissen, dass Kira schon wieder spielt und auf mich wartet.“ Gestern ging es ins Trainingslager nach Teneriffa. Jetzt hat das Warten ein Ende.

Eric Johannesen

Auf den 28-Jährigen muss der Rudersport dagegen noch etwas länger warten. Eric Johannesen hatte schon nach dem Gewinn der Silbermedaille mit dem Deutschland-Achter in Rio entschieden, 2017 eine Pause vom Leistungssport einzulegen und sich auf seine duale Berufsausbildung beim Schiffsversicherungsmakler Georg Duncker zu konzentrieren. Drei Monate Praxis im Betrieb wechseln sich mit drei Monaten Uni ab, Mitte 2018 will Johannesen fertig sein mit der Ausbildung.

Durch die Abkehr vom Sport ist das Erlebnis Rio nur noch selten präsent, zumal Johannesen sein sportliches Highlight vier Jahre zuvor mit dem Goldtriumph in London erlebt hatte. „Ich werde auch heute noch öfter auf London angesprochen als auf Rio, auch wenn mich mittlerweile noch mehr Menschen erkennen als damals“, sagt er. Dass ein Olympiasieg einen zweiten Platz gnadenlos überstrahle, habe er nun selbst erfahren. Unglücklich ist er darüber nicht. „Ich kann das genießen, dass ich nicht so viele Termine habe“, sagt er. Für ihn persönlich sei die Silbermedaille nicht weniger wert als Gold. Beide liegen in ihrer Verpackung im Schrank, offenes Zurschaustellen ist Johannesens Sache nicht.

Eric Johannesen genießt den Zugewinn an Freizeit, den ihm die Sportpause eingebracht hat. Sein Ziel, 2020 an der Seite seines sechs Jahre jüngeren Bruders Torben im Achter noch einmal um Gold zu kämpfen, hat er dennoch nicht aus den Augen verloren. „Ich halte mich fit, aber mit dem Sport, auf den ich Lust habe“, sagt er. Triathlon würde er gern mal ausprobieren. Wann er wieder ins Boot steigen wird, weiß er noch nicht. „Zurzeit ist die Präsenz der Olympischen Spiele in meiner Gedankenwelt sehr gering“, sagt er.

Artem Harutyunyan

Artem Harutyunyan geht es ganz anders. Für ihn könnte schon in diesem Jahr wieder ein olympisches Turnier starten. „Ich habe keinerlei Motivation verloren, sondern bin extrem heiß darauf, meine Leistung zu bestätigen und 2020 in Tokio zu versuchen, das Größte zu erreichen, was ein Boxer erreichen kann“, sagt er. Für den Deutschen Boxsport-Verband war der 26-Jährige der Held von Rio. Alle seine fünf Teamkollegen ­waren in Runde eins gescheitert, an seinem Erfolg hing die gesamte Förderung, da der Verband in der Zielvereinbarung eine Medaille festgeschrieben hatte.

Dass er Bronze in der Klasse bis 64 Kilogramm gewann und sich damit auf ein paar Schläge in neue Sphären der öffentlichen Wahrnehmung katapultierte, kann der gebürtige Armenier heute noch manchmal nicht glauben. „Mein Leben hat sich durch Olympia sehr verändert. Es war ein wunderbares Erlebnis, das ich nie vergessen werde“, sagt er. Die Aufmerksamkeit der Medien habe ihn anfangs fast erdrückt, „ich musste lernen, damit umzugehen, dass ich plötzlich ein Vorbild und ein Botschafter meines Sports war“, sagt Harutyunyan. Geschafft hat er dies, ohne sich als Mensch zu verändern. Großen Anteil daran habe sein Bruder Robert (27), der als Leichtgewichtler die Rio-Qualifikation verpasste und dann als Betreuer im Team war. Aber auch die Eltern, die die Bronzemedaille in einer Vitrine im Wohnzimmer der Familienwohnung in der Sternschanze aufbewahren, hätten ihn immer auf dem Boden gehalten. Was nicht selbstverständlich ist, wenn man selbst im Japan-Urlaub erkannt wird. „Ich bin sehr stolz und glücklich, dass ich das erleben durfte“, sagt er.

In diesem Jahr hat Artem Harut­yunyan, der nach sechs Jahren am Olympiastützpunkt in Schwerin nach Hamburg zurückgezogen ist und mit seiner Verlobten in Wandsbek lebt, ein neues, großes Ziel. Er möchte bei den Weltmeisterschaften im olympischen Boxen, die Ende August in Hamburg stattfinden, die Goldmedaille holen. Als Weltmeister der Profiserie APB ist er dafür direkt qualifiziert. „Die Frage nach einem Motivationsloch stellt sich deshalb nicht. Ich kann es kaum erwarten, in meiner Heimatstadt um den WM-Titel zu kämpfen“, sagt der Boxer. Den Weg bis Tokio will er Seite an Seite mit seinem Bruder gehen. „Und dann wollen wir gemeinsam auf dem Treppchen stehen“, sagt er.

Lisa Altenburg

Natürlich kann sie nachvollziehen, dass die anderen schon an die nächsten Olympischen Spiele denken. Dennoch ist Tokio für Lisa Altenburg kein Thema mehr. Eigentlich hatte die ­27-Jährige schon nach Rio aufhören und der Familie, allen voran Tochter Sophie (3), Vorrang geben wollen. „Aber dann hat mir das olympische Turnier so viel Spaß gemacht, dass ich mir gesagt habe: Ein bisschen kannst du es noch genießen, mit den Mädels zu spielen“, sagt sie. Die WM 2018 in London ist nun ihr letztes Ziel. „Auch wenn man nie weiß, was kommt, denke ich, dass dann endgültig Schluss ist“, sagt sie.

Die Torjägerin vom Uhlenhorster HC bereut rückblickend, dass sie sich nicht mehr Zeit genommen hat, mit ihrem Ehemann Valentin (35), der die deutschen Herren als Cheftrainer ebenfalls zu Bronze geführt hatte, die Erfolge zu reflektieren. „Der Alltag hat einen so schnell wieder eingeholt, dass für so etwas keine Zeit bleibt“, sagt sie.

Verändert habe sich ihr Leben nur marginal. „Ich bin jetzt in Hockeykreisen noch etwas bekannter, und es sprechen einen auch Leute an, zu denen ich vorher keinen Bezug hatte“, sagt sie. Die Dokumentation „Ecke, Schuss – Gold“, die die frühere Nationalspielerin Rebecca Landshut gedreht hat, habe viele Erinnerungen zurückgeholt. „In einem Film zu sehen, welche Strecke man gemeinsam zurückgelegt hat, das ist sehr bewegend“, sagt sie.

Ihre Bronzemedaille bewahrt Lisa Altenburg in einem Holzkästchen im Schrank auf. Auch sie hält nichts davon, sie hinter Glas auszustellen, um sie dauernd anschauen zu können. „Wenn ich mal Kindertraining gebe, dann nehme ich sie mit, denn Kinder sind sehr ehrfürchtig, passen gut darauf auf.“ Ihre Tochter wolle am liebsten niemandem erlauben, die Plakette anzufassen. „In solchen Momenten spüre ich, was so eine Medaille für eine Bedeutung und Wirkung auf andere haben kann.“

Lisa Altenburg ist die Erste des Abendblatt-Quartetts, die nach dem Erfolg von Rio wieder sportliche Ehren erlangt hat. Am ersten Februarwochenende gewann sie mit den UHC-Damen in Mülheim an der Ruhr die deutsche Hallenhockeymeisterschaft. Sie ist wieder angekommen im sportlichen Alltag – und weiß jetzt, dass sich das absolut nicht schlimm anfühlt.

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