Tennis am Rothenbaum

„Hamburger Zverev hat das Zeug zum Grand-Slam-Champion“

Henri Leconte bejubelt seinen Triumph am Rothenbaum im Jahr 1986. Neun Turniere und 3,9 Millionen Dollar Preisgeld gewann der Franzose

Henri Leconte bejubelt seinen Triumph am Rothenbaum im Jahr 1986. Neun Turniere und 3,9 Millionen Dollar Preisgeld gewann der Franzose

Foto: ullstein bild

Michael Stich und der Franzose Henri Leconte eröffnen das Tennis-Turnier am Rothenbaum mit einem Legendenmatch am Sonnabend.

Hamburg.  Der Spielplan der Fußball-EM verhinderte, dass im Finale ein Duell zwischen Frankreich und Deutschland möglich war. Was als Vorspiel zum großen Akt gedacht war, ist nun ein Schlagabtausch mit Alleinstellungsmerkmal, wenn Turnierdirektor Michael Stich am Sonntag (18 Uhr) auf dem Centre-Court die Rothenbaum-Woche, die am Sonnabend mit der Qualifikation beginnt, mit dem Legendenmatch „Lombardium Classics“ eröffnet. Gegner des 47-Jährigen ist der sechs Jahre ältere Franzose Henri Leconte, der in Hamburg 1986 einen seiner neun Einzeltitel gewinnen konnte – und sich im Abendblatt-Gespräch auch daran erinnert.

Monsieur Leconte, die Sportfans denken beim Duell Frankreich gegen Deutschland natürlich noch Frankreich – Deutschland nicht sofort an das Halbfinale vom Donnerstag und nicht an das Legendenmatch am Sonntag. ihr Legendenmatch. Tut es Ihnen sehr Ihnen weh, hinter dem Fußball zurückstehen zu müssen?

Henri Leconte: Ach, überhaupt nicht. Ich mag Fußball sehr gern und habe das Spiel Halbfinale mit großer Spannung verfolgt. Ich bin sehr froh, dass die EM am Ende doch noch dafür gesorgt hat, dass die französische Nation zusammengerückt ist und sich im Sport vereint gefühlt hat. Das war notwendig nach der schweren Zeit, die Frankreich seit den Anschlägen vom November durchlebt hat. Und Duelle gegen Deutschland sind – nicht nur im Fußball – für uns Franzosen besonders spannend.

Sie selbst haben auch immer gern für Ihr Land gespielt, waren Teil des Teams, das gewannen 1991 den Daviscup gewann. Daviscup. Was haben Ihnen als Einzelsportler diese Mannschaftswettbewerbe gegeben?

Leconte : Für mich war es immer ein großartiges Gefühl, für meine Nation spielen zu dürfen. Ich habe das sehr genossen, und ich kann nicht verstehen, wenn es Spieler gibt, die das nicht so sehen. Mich hat es besonders motiviert, wenn ich wusste, dass ich meinen Beitrag zum Erfolg einer Gruppe leisten musste. Der Daviscupsieg gegen die USA 1991 USA war ein großartiges Erlebnis in meiner Karriere.

Man hat in den vergangenen Jahren oftmals das Gefühl gehabt, dass die französischen Tennisspieler dieses Teamgefühl entwickelt und kultiviert haben, während sich die Deutschen damit bisweilen schwer getan haben. Worin ist das begründet?

Leconte : Ich denke, das hat mit den Charakteren zu tun, die zur Verfügung stehen. In Frankreich wird viel mehr gemeinsam trainiert, weil man einander mehr den Erfolg gönnt. Dadurch entsteht ein Wir-Gefühl, das wichtig ist, wenn man gemeinsam etwas erreichen möchte. Dennoch muss man auch kritisch anmerken, dass Frankreich trotz des zweifellos vorhandenen Talents und des guten Teamgeists den Daviscup viel zu selten gewonnen hat. Seit 1991 nur zweimal, 1996 und 2001. Angesichts der Klasse, die unsere Spieler individuell haben, ist das deutlich zu wenig.

Deutschland wartet seit 1993 auf einen Daviscuptriumph. Muss man sich, auch angesichts der aktuellen Schwäche, ums deutsche Herrentennis sorgen?

Leconte : Fakt ist, dass die aktuelle Generation nicht das Level hat, das Deutschland zu meiner Zeit mit Michael Stich und Boris Becker hatte. Aber das zu beklagen ist nun wirklich Unsinn. Ihr solltet lieber positiv in die Zukunft schauen, vor allem, weil ihr doch endlich wieder ein Talent habt, das das Potenzial für die ganz großen Titel hat.

Sie spielen auf den Hamburger auf Alexander Zverev an?

Leconte : Natürlich. Ein außergewöhnliches Talent. Ich weiß, dass viele sagen, dass er das Zeug zum Grand-Slam-Champion hat. Aber ich kann denen nicht widersprechen. Der Junge hat das Potenzial dazu, wenn er gelassen bleibt und hart an sich arbeitet. Ich denke, er wird schon bald in die Top Ten der Weltrangliste vorstoßen.

Sie selbst waren in Ihrer besten Zeit, im September 1986, immerhin der die Nummer fünftbeste Spieler der Welt. Kritiker sagen: Er hätte noch viel besser sein können...

Leconte: ...wenn er nicht die ganze Zeit so viele Mätzchen gemacht hätte. Ja, ja, ich kenne diese Vorwürfe. Aber ich halte sie für Unsinn. Ja, ich habe es geliebt, mit dem Publikum zu spielen. Aber hätte ich das nicht getan, dann wäre ich nicht der Henri Leconte gewesen, der ich war. Bei mir war nichts aufgesetzt, ich habe keine Rolle gespielt, sondern einfach das getan, wonach mir war. So ist meine Mentalität, ich will immer Spaß haben, wenn ich auf den Platz gehe. Und deshalb bezweifle ich auch, ich, dass ich besser gewesen wäre, wenn ich ernsthafter gespielt hätte.

Sie hatten damals auch ein ähnliches Problem wie Michael Stich. Mit Yannick Noah gab es einen Landsmann, der wie Boris Becker in Deutschland noch ein Stück beliebter war bei den Fans. Hat Sie das gewurmt?

Leconte : Gar nicht, und da komme ich zum Start des Interviews zurück. Wir haben uns natürlich als Konkurrenten angesehen und auch bekämpft, ich habe alles gegeben, um Yannick zu besiegen. Aber unser Verhältnis war immer stets bestens. Wir haben 1984 den Doppelwettbewerb bei den der French Open gewonnen. Bis heute verstehen wir uns einwandfrei. Ich hatte nie das Gefühl, in seinem Schatten zu stehen.

Im Daviscup spielten Sie mit Guy Forget sehr erfolgreich Doppel. Was bleibt von so einer Zweckgemeinschaft für das Leben nach dem Sport?

Leconte : Ein Freund fürs Leben. Guy ist bis heute mein bester Kumpel, wir sprechen sehr häufig und sehen uns regelmäßig. Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam hatten.

Reden wir über Ihre Hamburg-Erlebnisse. Sie haben achtmal am Rothenbaum gespielt, 1986 sogar den Titel gewonnen. Woran denken Sie vor allem zurück, wenn Sie an Hamburg denken?

Leconte : Ich muss ehrlich sein: An an das fürchterliche Wetter. Damals wurde das Turnier noch im Mai gespielt, und manchmal hat es sogar geschneit! Es war immer kalt und nass, und trotzdem sind die Zuschauer gekommen und haben uns angefeuert. Ich habe immer sehr gern in Deutschland gespielt, die Menschen haben mich gemocht und mich sehr fair behandelt. Deshalb freue ich mich sehr auf meine Rückkehr. Vor sechs Jahren war ich zuletzt zu einem Show-Doppel mit Yannick und Michael hier.

Hat eine Stadt, in der man einen Titel gewonnen hat, einen besonderen Platz im Herzen verdient?

Leconte : Ja, das kann man so sagen. Ich erinnere das Finale 1986 gegen Miloslav Mecir noch genau. Aber ich denke ebenso gern an das Finale 1988 zurück, das ich gegen Kent Carlsson verlor. Oder meine Halbfinalniederlage gegen Boris 1990. Das waren großartige Tennisspiele.

Ein solches erwarten die Fans an diesem Sonntag auch. Wundern Sie sich manchmal, dass so viele Menschen kommen, um älteren Herren wie Ihnen noch beim Tennisspielen zuzuschauen?

Leconte : Ich freue mich darüber. Aber ich sage auch: Erwartet kein tolles Tennis! Michael ist alt geworden!

Sie selbst spielen noch regelmäßig?

Leconte : Das war natürlich Spaß eben, ich habe vor Michael großen Respekt. Er war immer ein faszinierender Spieler, der mit dem Ball umgehen konnte wie nur wenige. Zweimal haben wir auf der ATP-Tour gegeneinander gespielt. Auf Sand habe ich in Paris gewonnen, er in Halle auf Rasen. Aber der Der Unterschied ist: Er hat in Wimbledon Wim-bledon seinen Grand-Slam-Titel gewonnen, ich habe in Paris das Finale verloren. Wir sehen uns leider nicht mehr so oft, umso mehr freue ich mich auf das Match.

Sind Ihnen Ergebnisse noch wichtig?

Leconte : Überhaupt nicht, ich Ich zähle auch meine Matches auf der Seniorentour nicht mehr. Ich bin froh, wenn ich Spaß haben und mich etwas bewegen kann. Und ich bin dankbar dafür, dass ich in meinem Kommentatorenjob für Eurosport weiterhin den Kontakt zu meinem Sport halten kann.

Längst Sie haben Sie, als Unternehmer und als Spieler, den Trendsport Padel-Tennis für sich entdeckt, eine Mischung aus Kleinfeldtennis und Squash. Was fasziniert Sie daran?

Leconte : Dass man es auch mit Menschen spielen kann, die im normalen Tennis auf einem viel schwächeren Niveau spielen. Es ist ein toller Sport, der in Spanien fast schon populärer ist als das traditionelle Tennis. Auch in Frankreich, Italien, England, Schweden läuft es gut, selbst in Australien bin ich mit zwei Franchises erfolgreich. Nur in In Deutschland ist der Trend irgendwie noch nicht angekommen. Aber daran arbeiten wir.

Erlauben Sie zum Abschluss noch eine Frage zum Trend im aktuellen Herrentennis.Wann sehen wir einen echten Angriff der neuen Generation?

Leconte : Die Dominanz von Novak Djokovic wird in den nächsten Jahren schwer zu brechen sein, auch wenn er diesmal früh gescheitert ist. Aber die nächste Generation wird kommen, so wie es immer neue Spieler gab, die die ersetzten, die als unersetzlich galten. Da mache ich mir keine Sorgen. Nick Kyrgios, Dominic Thiem und euer Jungstar Zverev – das sind die Jungs, die irgendwann die großen Titel gewinnen werden. So muss es kommen, und so wird es kommen.